In seinem leuchtenden erzählenden Sachbuch ICH DENK NICHT DRAN erzählt Jo Failer von seinem Leben mit der Diagnose Alzheimer.

„Ich sog alles auf, was nach Welt klang. Radiostimmen, die durchs Zimmer knisterten. Zeitungen, die im Schlafzimmer meiner Mutter aufgeschlagen lagen, mit Schlagzeilen, die ich nicht verstand. Vielleicht ahnte ich damals schon, dass man Dinge nur behält, wenn man sie aufschreibt. Jede Meldung war für mich ein Fenster. Heute, Jahrzehnte später, wenn ich diesen Jungen wieder vor mir sehe, weiß ich: Er war zwar allein, aber er war schon das, was er werden wollte. Er hat sich die Welt erzählt, damit sie ihn nicht verschluckt. Und vielleicht hat er damals schon geahnt, dass Worte nicht nur berichten können, sondern retten.“

In München, nahe der Theresienwiese, wo einmal im Jahr das Oktoberfest tobt, liegt die Nussbaumklinik. Dort findet sich, geschützt hinter Glas, das Faksimile des Untersuchungsberichtes einer gewissen Auguste Deter, geboren 1850, gestorben 1906. Unter normalen Umständen wüsste niemand mehr, dass es sie gab – aber wir alle kennen den Arzt, der sie 1901 untersuchte und zum Namensgeber ihrer Krankheit wurde: Alois Alzheimer. Und heute? Steht ein Mann vor diesem Schaukasten, gutaussehend, Familienvater, langjähriger Kosmopolit, jetzt etwas anderes. Sein Name ist Jo Failer. Er ist Anfang 50, und er hat die Diagnose „Alzheimer Frühform“ bekommen.

ICH DENK NICHT DRAN trägt den Untertitel „Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“ – und ist meiner Meinung nach eine dieser Sensationen, die Fanfaren verdienen, über die man aber vor allem ruhig und eher leise sprechen möchte. Jo Failer hat ein intimes, bewegendes Buch für seine Kinder geschrieben, die sich später daran erinnern sollen, wer ihr Vater war, und wie. Der Autor will aber auch den Menschen eine Stimme geben, denen die Fähigkeit, sich mitzuteilen, bereits von einer Krankheit genommen wurde, vor der sich die meisten von uns fürchten. Diese Angst wird Jo Failer uns auf keiner der 188 Seiten nehmen; stattdessen schenkt er uns einen Text, der immer wieder Staunen lässt – mit Sätzen, die nachhallen. „Manchmal erinnere ich mich an den Anfang, als alles noch nach Staub und Hoffnung roch“, heißt es da. Oder: „Ich lernte früh, dass Stille kein Frieden ist, sondern bloß ein Mangel an Geräuschen.“

ICH DENK NICHT DRAN ist ein Buch, das bewegen will – und es auf vielfache Weise tut

Alzheimer gehört zu den neurodegenerativen Erkrankungen, bei denen Nervenzellen im Gehirn unwiederbringlich absterben. Die meisten von uns verbinden damit vor allem das unaufhaltsame Vergessen, doch Jo Failer schreibt darüber, dass es anders beginnt: „mit dem Verrutschen. Mit kleinen Lücken, die sich tarnen lassen. Alzheimer ist kein Ereignis, sondern ein Prozess, einer, der unumkehrbar ist.“ Und vielleicht ist gerade dies das Tückische der Krankheit, dass sie sich anschleicht, den Alltag nicht vom einen Tag auf den anderen unmöglich macht, sondern ihn immer stärker auflöst:

„Alzheimer kappt selten die ganze Handlung. Es zieht das Kabel aus der ersten Steckdose. Was dann bleibt, ist der Moment selbst: die Verwirrung, die Stille im Raum, die leichte Schräglage einer Bewegung, die Irritation, ein Hemd in meinen Händen, das plötzlich keinen Kontext mehr hat. Ich verliere nicht die Wahrnehmung, ich verliere die Absicht. […] Ich stehe in meinem Schlafzimmer und weiß, was ich sehe – aber nicht, was ich vorhatte. Ich beginne eine Handlung und verliere den Impuls, der sie ausgelöst hat. Ich erinnere mich an den Raum, an den Klang, an die Bewegung, aber nicht an die Absicht dahinter.“

ICH DENK NICHT DRAN erklärt die Krankheit auf den verschiedensten Ebenen – mit medizinischen Begriffen, aber vor allem mit Bildern, die wir auch ohne Hochschulstudium und jenseits aller erwartbaren Patienten-Betroffenheit verstehen:

„In meinem Kopf ist nicht alles dunkel. Da geht noch was. Manchmal Disco, manchmal Flackerlicht, manchmal der letzte Rest von Glanz. Gedanken tauchen auf wie Ex-Freundinnen auf Partys, ungebeten, flirrend, nervös und immer genau dann, wenn die Musik zu laut ist.“

Wie fühlt sich das an, vom Leben auf der Überholspur langsam auf den Standstreifen zu geraten?

Jo Failer erzählt von angeblichen Heilmitteln, die nicht wirken, von Expertengesprächen, von einer Demenzgruppe, die hilft, wenn auch ohne Anspruch auf dauerhafte Veränderung. Und dann sind wir auch einmal kurz bei Rilke. Oder dürfen miterleben, wie der Autor als Junge so elektrisiert ist von Boris Beckers Wimbeldon-Sieg, dass er Sportreporter werden wird, vor der Kamera steht und um die Welt reist.

Jo Failer trifft Fußballstars, filmt Muhammed Ali, sieht Robbie Williams dabei zu, wie er in einer Drehpause Purzelbäume macht, zieht den Hut vor Heidi Klums Energielevel. Nach seinem Leben auf der Überholspur und zwei Fehldiagnosen – zuerst Burnout, dann Depression, beides Masken, hinter denen sich bereits seine Krankheit verbarg – arbeitet er heute für den Künstlerdienst des Arbeitsamtes, weil auch Menschen, die nicht auf den großen Bühnen der Welt auftreten, sondern auf Kindergeburtstagen, eine gute Vertretung brauchen.

ICH DENK NICHT DRAN ist ein hochemotionales Buch, und das auf den verschiedensten Ebenen. In seinem „Vermächtnis zu Lebzeiten“ schreibt Jo Failer so über die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern, dass es nicht nur in dieser Hinsicht emotional versehrten Söhnen warm ums Herz wird – aber auch über schmerzhafte Ernüchterungen, das Ende von Freundschaften oder das seiner Ehe: „Der Regen wird stärker, während wir Richtung Klinik fahren, zwei Menschen nebeneinander, die sich einmal gesucht haben und sich jetzt nicht mehr finden können. Oder wollen.“ Es folgt die Scheidung, weil es schon so, wie es vor der Diagnose war, nicht weitergehen konnte. In einem Roman würde eine Frau, die geht, vielleicht als Übeltäterin gezeichnet; in diesem erzählenden Sachbuch begreifen wir, dass auch Selbstschutz Respekt verdient und nicht nur Patienten, sondern auch Angehörige unser Mitgefühl verdienen.

Der Fokus liegt aber natürlich auf Jo Failer selbst, auf seinem Erleben, dem Herantasten an seine neue Realität, an sein Bezwingen dessen, von dem er weiß, dass es am Ende trotzdem gewinnen wird:

„Eines Tages werde ich eine höhere Pflegestufe bekommen, weil ich sie brauche. Eines Tages werde ich Dienste benötigen, weil ich nichts mehr allein kann. Eines Tages wird jemand anders für mich unterschreiben müssen. Das alles weiß ich. Aber im Hier und Jetzt tut es weh, weil ich noch mitten im Leben stehe und trotzdem schon Formulare ausfülle, die meinen späteren Zerfall verwalten sollen.“

Jo Failer hat ein erzählendes Sachbuch geschrieben, das auf wenigen Seiten die Wucht eines großen Romanzyklus entfacht

Wie erklärt sich der Titel des Buchs, ICH DENK NICHT DRAN, der fast wie Abwehr klingt, wie Gleichgültigkeit, das Scarlett O’Hara’sche „Verschieben wir es auf Morgen“? Wir erfahren es am Ende. Wenn wir auch verstanden haben, wie der Mann, dem sich die Wörter entziehen, so schreiben kann, dass jeder Satz sitzt. Jo Failers Buch gleicht nicht drei Pünktchen, mit denen sich ein Satzende leise verliert; es ist ein Ausrufezeichen mit Doppelpunktfunktion:

„Der Nebel, der anfangs sanft klang, ist längst keiner mehr, er ist Wind, Sturm, Sog, aber manchmal trägt er mich auch. Nicht fort, sondern mitten hinein ins Leben, dorthin, wo alles schmerzt und trotzdem echt ist. Ich begreife: Das Ende hat längst begonnen. Aber auch etwas anderes – das unverschämte Staunen, dass ich noch da bin.“

In Jo Failers Buch steht das Schlimme neben dem Heiteren, der Schmerz, wenn ihm – zum Glück nur kurz – der Name seines Sohnes nicht einfallen will, und der Moment im Supermarkt, wenn der „Kuhschnee“ sucht, weil er das Wort „Frischkäse“ nicht finden kann. An anderer Stelle erleben wir intensiv mit, wie seine Mutter, die an derselben Krankheit gestorben ist, unter der auch er leidet, zu Grabe getragen wird:

„Der Himmel war von einer merkwürdigen Farbe – zu hell für Trauer, zu grau für Trost. Der Boden noch feucht vom Regen der Nacht, dieses eigenartige Gemisch aus Erde, Rinde, kaltem Metall. Ich hatte die Urne in den Händen, sie war kleiner als gedacht, glatt, kühl. Sie wog kaum etwas und doch war sie das Schwerste, was ich je getragen hatte. Der Pfarrer sprach Sätze, die für alle gedacht waren und niemanden wirklich erreichten. Ich hörte sie, ohne zuzuhören.“

Wenn es um Krankheiten geht, den Kampf dagegen oder das Aushalten einer Situation, die sich nicht mehr verbessern kann, dann wird oft davon gesprochen, wie viel Stärke ein Mensch gezeigt hat – als verdiente dies mehr Applaus als die Schwäche, die jemand anderes nicht verbergen kann … oder gar: tapfer genug ist, sie zuzulassen? Was mich an ICH DENK NICH DRAN so bewegt ist, dass Jo Failer das alles in seinem klugen, brutalen, dabei schönen Text verbindet:

„Die Wahrheit ist: Es gibt kein Wundermittel, aber es gibt Bewegung. Es gibt Nähe. Es gibt Lachen. Es gibt diese Momente, in denen das Gehirn kurz leuchtet, weil das Leben trotzdem schön ist. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht alles, was nicht heilt, ist hoffnungslos. Ich habe gelernt, dass Hoffnung kein Medikament ist. Sie hat keine Packungsbeilage, keine Dosierung, keinen Wirkstoff nur tägliche Übung. Manchmal ist sie stark, manchmal müde, aber sie bleibt. Und vielleicht ist sie genau deshalb die beste Therapie von allen. Weil sie nicht gegen die Krankheit wirkt, sie wirkt mit dem Leben. Und solange ich noch hoffe, gehe ich weiter. Und solange ich gehe, verliere ich mich nicht.“

Diese Rezension ist eigentlich schon so lang – aber man könnte und möchte noch so viel erzählen über das Buch von Jo Failer!

Während ich ICH DENK NICHT DRAN las – verschlang, inhalierte, so sehr mitempfunden habe, dass es mir fast schon zu nah ging? –, habe ich immer wieder Sätze und Absätze notiert, die in dieser Gedankensammlung unbedingt zitiert werden sollten. Nun stelle ich fest: Ich habe nahezu das gesamte Buch abgeschrieben. Und keine Sorge, es gibt noch sehr viel anderes für euch zu entdecken, auch wenn ich nun abschließend zwei Textstellen nennen möchte, die meiner Meinung nach meisterhaft auf dem schmalen Grad balanciert zwischen dem, was uns glücklich macht – oder die Tränen in die Augen treiben kann:

„Das Geschriebene geht tiefer. Es flimmert nicht, es blendet nicht, es flüstert – und trotzdem hallt es nach. Vielleicht, weil das Auge dort länger verweilt. Oder weil die Seele beim Lesen mehr Zeit hat mitzudenken. Fernsehen zeigt, was passiert. Zeitung versteht, warum es passiert. Das Gedruckte hat eine Dauer, die ich selbst nicht mehr besitze.“

Und wenn ICH DENK NICHT DRAN für alle, die nicht in irgendeiner Form betroffen sind von Alzheimer oder einer anderen schlimmen Erkrankung, eine Botschaft hat, dann vielleicht diese:

„Seit dieser Krankheit ist Nähe lauter. Ich höre Zuneigung wie fröhliche Musik. Ich sehe Freundlichkeit wie Sonnenstrahlen. Alles, was früher beiläufig war, hat jetzt Bedeutung.“

Machen wir das Beste draus. Und vergessen wir nicht, so viel CARPE wie möglich aus dem DIEM zu quetschen, wann immer es geht.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Jo Failer: ICH DENK NICHT DRAN. Ein Vermächtnis zu Lebzeiten. dtv, 2026