Zugegeben, die Idee ist nicht neu – aber wie Dita Zipfel in ihrem Roman ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT zwei befreundete Paare in ein Ferienhaus setzt und die Situation sukzessive eskalieren lässt, ist ein Lesevergnügen mit filmischer Qualität.
„Wir sind auch nur Tiere. Nur unglücklichere.“
Ein Ferienhaus an der Côte d’Azur. Zwei Paare, eins mit Kindern, das andere mit dem Wunsch danach. Ein paar Tage, an denen der Crémant in Strömen fließen soll, weil alle Sorgen zuhause geblieben sind – aber hat man immer mehr im Gepäck als Badesachen? „Wenn in einer Familie, die Marmelade mit dem Löffel entnimmt, nicht am Tisch gegessen wird“, heißt es dazu, „ist die Welt aus den Fugen geraten.“ In diesem Sinne: Lasset die Spiele beginnen!
Das Ensemble betritt die Bühne
Eingeladen hat Felix: Ein „Macher“, klein von Statur und groß im Ego, der sich gutgelaunt für den Mittelpunkt der Welt hält und sicher ist, dass man mit Geld alles kaufen darf, ganz egal ob Regenwald, Dienstleistung, Menschen – sowie das Privileg, genau so zu denken. Vielleicht schämt sich seine Frau dafür? Aber Eva, die Vorzeige-Mutter, hat andere Sorgen: Wann ist sie so alt geworden, was ist mit ihrem Körper passiert? Immerhin ist ihr Sohn Oskar mit seinen fünf Jahren aus dem Gröbsten raus, aber ihre kleine Tochter (die nur Baby genannt wird) stillt Eva noch. Und sie ist nicht nur deswegen müde, unendlich müde.
Das andere Schlafzimmer der Nobel-Residenz beziehen Felix‘ bester Freund Matze und dessen Freundin, die Künstlerin Linn, die nicht genau weiß, was sie hier soll. Felix findet sie furchtbar, und Eva ist einfach zu schön, die gehört für Linn in ein Biologiebuch als ein Schaubild des perfekten Soll-Zustands …
Und das soll sie jetzt mehrere Tage aushalten? Dabei würde Linn etwas Ruhe guttun, denn sie hat nach dem Urlaub den finalen Termin in einer Kinderwunschklinik. Also ist sie jetzt hier, mit diesen zu selbstbewussten Gastgebenden, mit einer Vape namens Brigitte … und mit ihrer mangelnden Impulskontrolle. Manchmal muss man einfach zuschlagen oder von einem Balkon springen, oder? (Man kann es sich denken: ICH LIEBE LINN!)
Und schließlich: Matze. Der Berufsschullehrer, der Aushalter, der im Schatten seines besten Freundes steht, welcher ihn vermutlich auch deswegen Momo nennt, weil es Teil des Machtgefälles ist. Matze ist der, der „Danke“ sagen soll zu Felix, für dessen abgelegte Handys und für diese Reise. Trotzdem scheint Matze das nicht zu stressen; anstrengender ist es für ihn, Erklärungen – gar Entschuldigungen – für Linn finden zu müssen, die wiederum über ihn denkt:
„Matze ist auf eine Art attraktiv, die einen belohnt, wenn man sich die Mühe macht, ein zweites Mal hinzuschauen. Das tun die wenigsten.“
Vier Menschen wie Streichhölzer mit dem Kopf auf der Reibungsfläche
Für ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT bedient sich Dita Zipfel auf 219 Seiten einer Versuchsanordnung, die nicht neu ist – und nachdem die Autorin in einem Werbevideo des Verlags ihre Liebe zu DER GOTT DES GEMETZELS verraten hat, liegt der Gedanke nah, dass ihr Roman auch als Hommage verstanden werden könnte an Yasmina Reza und ihre bitterbösen, mit dem Skalpell geschrieben Gesellschaftssatiren. Aber: Kunst und Literatur sind kein Wettbewerb, und so können zwei Werke, die sich ähneln, ohne vergleichendes Gefälle nebeneinanderstehen.
Wie Dita Zipfel ihre Figuren zeichnet, sie dreht, uns ohne viele Wort unterschiedliche Blickwinkel öffnet und dabei immer wieder überrascht, ist ein großes Lesevergnügen – und trotz der sich anbahnenden Eskalation keins, das zu sehr darauf angelegt ist, Schmerzgrenzen auszuloten. Felix und Eva, Matze und Linn sind vielleicht am Reißbrett konstruiert worden, aber trotzdem mehr als Stellvertretenden für größere Zusammenhänge: Der Autorin gelingt in den Sollbruchstellen ihres Ensembles eine Authentizität, die es nur geben kann, weil sie auch mit unsympathischen Eigenschaften sorgsam umgeht.
Natürlich ist besonders die Beziehung von Linn und Eva darauf angelegt, uns Lesende zu begeistern – diese für die Frauen selbst überraschende Annäherung, die Spiegelung der jeweils anderen. Dass die beiden sich in einem Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel verwickeln, ohne dass dies auserzählt wird (oder bis zum Exzess getrieben), hat mir ausgesprochen gefallen – auch in diesem Detail:
„Ein Spiel ist ein Spiel, und wenn einer Stopp sagt, dann ist das Spiel vorbei. So sind die Regeln. Es ist unangemessen, sich deswegen verlassen zu fühlen, verraten gar. Von einem Moment, einer gemeinsam verbrachten Nacht eine Verbindung zu erwarten, ist zu viel. Nach einer Stunde der Schwäche ist Eva wieder sie selbst und das bedeutet: Sie braucht niemanden. Sie kommt klar, besonders gut ohne Linn.“
Viele kleine Höhepunkte statt lauter Paukenschläge
Wenn Diza Zipfel nach einer hochdramatischen Szene beide Frauen zu den Gläsern greifen lässt, die Felix für sie eingegossen hat, möchte man weinen, weil es so niederschmetternd ist – und der Autorin zujubeln, weil sie uns einen so erinnerungswürdigen Moment schenkt. Es ist einer von vielen; ohne zu spoilern kann in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, wie gelungen der Gegenschnitt ist, wenn die Reisegesellschaft nicht mehr aus der Innenansicht, sondern von außen betrachtet wird und Latifah, die mehr ist als nur die Putzfrau des Feriendomizils, ihre eigene Perspektive bekommt.
ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT zeigt die große Welt im Kleinen, das Allgemeingültige im Persönlichen – und stellt ganz nebenbei faszinierende Frage, unter anderem: Wird ein Sterneniveau-Koch entwürdigt, weil man ihn bei seiner Arbeit fotografiert wie eine Trophäe, oder ist eigentlich er der Überlegene? Dita Zipfel erzählt von Kinderwunsch und Karriereverweigerung, von schwierigen Beziehungen zu anderen und sich selbst … und darum auch, wie Selbstbild und Außenwahrnehmung auseinanderklaffen können. Ein Kanarienvogel wird gezwungen, seine Flügel zu benutzen, das Meer „leuchtet in einem Licht, das nicht gemacht ist für traurige Frauen.“ Und am Ende? Eskaliert’s! Aber nicht nur so, wie wir es erwarten …
Atemlos durch die Handlung gerast bin ich auch (zwischendurch immer wieder innerhaltend, zurückblätternd, noch mal lesend), weil Dita Zipfels Roman meiner Meinung nach eine filmische Qualität hat, sich anfühlt wie eine Miniserie – nichts, was in der ARD-Mediathek untergeht, sondern als neue HBO-Überraschung gefeiert wird.
Es kann sicher Lesende geben, die sich am relativ plakativen Bild des Kanarienvogels stören werden; zugegeben: ich hätte das nicht gebraucht. Und vermutlich wird auch ein Vierbeiner in der Handlung sowie das Ende für hochgezogene Augenbrauen und Fragezeichen sorgen. Aber „ach“ und „hach“ und „doch“: Während ist nun, mit einigem Abstand zur Lektüre, über ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT nachdenke, gefällt mir beides richtig gut. Denn vielleicht kann man vom Leben am besten erzählen, wenn man keine Angst vor dem Bedeutungsschwangeren hat, Vergnügen an der Irritation – und uns noch dazu den Gedanken schenkt, ob es sie wirklich gibt, diese besondere Art von Glück, die deswegen hell leuchtet, weil sie bereits das kommende Unglück in sich birgt.
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Dita Zipfel: ES IST HELL UND DRAUSSEN DREHT SICH DIE WELT. Insel, 2026.


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