Jenseits von Folklore, Abenteuern und Verklärung entführt Regina Denk uns in ihrem „Heimatroman Noir“ DER FÄHRMANN in eine Zeit, in der wir nicht leben wollen – es aber vielleicht noch tun, ohne es zu wissen?

„Sie konnte es sehen, das kurze Glück, gefolgt von dem langen Unglück, wenn auch der Hannes sich zu einem Josef wandeln würde, weil er bekommen hatte, was er wollte. Würde es mit jedem so sein? Steckte in jedem Mann am Ende ein Steiner Josef, mal schlimmer, mal weniger schlimm, mal mit mehr blauen Flecken auf ihrer Haut, mal mit weniger? Und eine Angst überkam sie plötzlich, eine Angst, auf dieser Welt keinen Ort zu finden, wo sie sicher war vor denen, die ihr so viel voraus hatten an Kraft und an Macht.“

Juli 1900: Es soll ein Freudentag sein, aber ist er das für den Jungen, der im Mittelpunkt steht? Hannes ist zwölf; zum ersten Mal übernimmt er die Aufgabe des Fährmanns, der die beiden Dörfer miteinander verbindet, die sich am deutschen und österreichischen Ufer gegenüberliegen, eng miteinander verbunden und doch getrennt durch die Salzach. Hannes, vor Jahren durch wundersame Fügung von einer Krankheit geheilt, wird eines Tages in die Fußstapfen seines Onkels treten. Und das bedeutet auch: enthaltsam sein. Denn der Fährmann steht im Dienst der Dörfer, die von ihm abhängig sind, aber nur bezahlen, was sie wollen – genug für einen, vielleicht auch für anderthalb, aber zu wenig für eine Familie.

„Es gab keine festgeschriebenen Gesetze rund um die Fahrten zwischen den beiden Ländern. Wie man es machte, wie es zu sein hatte, das war, wie die beiden Dörfer, ja wie der Fluss und die Natur um das Wasser herum, über die Jahre gewachsen, so wie es eben notwendig war, um zu überleben, so wie es vertretbar und aushaltbar war zwischen den Hohenwartern und den Siegeringern.“

Eine ganz besondere Freundschaft

Bevor Hannes anfangen muss, hart zu arbeiten, hat er zwei Freundschaften geschlossen: zu Elisabeth, die aus einer Bauernfamilie stammt, und zu Annemarie, Tochter der Gastwirtin. Beide sind heimlich in den Hannes verliebt, auch wenn dessen Herz nur der Elisabeth gehört. Aber die muss heiraten, um zwei Höfe zusammenzuführen. Ausgerechnet den Josef, der zwar fesch ausschaut, aber sich bereits die Annemarie als Geliebte genommen hat – wobei das Wort missverständlich ist, denn bald ist sie für ihn vor allem ein frei verfügbares Triebobjekt und Zentrum seiner lebenslangen Obsession. Und dies bedeutet auch, dass Annemarie wenig Aussicht darauf hat, ihrer prekären Situation zu entkommen:

„‚Es geht immer ums Heiraten‘“, erklärte ihr die Mutter, als wäre sie wieder sechs Jahre alt. ‚Für uns Weiber geht es immer ums Heiraten, weil uns nix g’hört ohne Heiraten, weil wir nix zu sagen haben, außer, wenn es um die Kinder geht, weil wir ohne Heirat, allein, eine einzige Last sind für alle um uns herum. Finden werden wir jetzt niemanden mehr für dich. Schau ma zu, dass du zu Haus eine Hilfe bist und dass der Steiner was zahlt für diesen Schlamassel.‘ Sie schlug mit einer Wut, die vielleicht der Tochter, vielleicht dem reichen Jungbauern galt, nun so fest die Zügel auf das Ross, dass es einen bockigen Satz nach vorne tat und in einem Tempo antrabte, als könnte es dem Wagen und dem ganzen Elend darauf einfach davonlaufen.“

Auf 380 Seiten breitet Regina Denk die Geschichte von vier Menschen aus, von denen drei ein gutes Herz haben, einer nicht – und die allesamt so von ihrer Autorin durch die Mangel gedreht werden, dass man immer wieder erschrickt und mehrfach die Knochen brechen hört. So, wie vor vielen Jahren Andrea Maria Schenkel mit TANNÖD eine neue Klangfarbe in den Kriminalroman gebracht hat, so tut Regina Denk dies für das Genre des historischen Romans mit DER FÄHRMANN (und davor, das darf nicht unerwähnt bleiben, mit dem Vorgänger, DIE SCHWARZGEHERIN): Das bedeutet auch, dass es bei ihr keine abenteuerlichen Wanderschaften gibt, um Spannung zu erzeugen, keine Frauen, die sich in einer für sie feindlichen Zeit emanzipieren, um uns als Mutmacherinnen ans Herz zu wachsen, und Liebe … nun, die wird zumeist im Keim erstickt. Kommt vor, aber eher als Abweichen von der Norm.

„Würde oben am Weg jemand vorbeikommen in diesem Moment und herunterschauen und nichts von ihnen wissen, er würde sie wohl für ein altes Ehepaar halten. Eines von denen, die Glück gehabt hatten im Miteinander und sich mochten, noch oder endlich oder vielleicht sogar immer schon. Eines von denen, die das Gernhaben gelernt hatten oder eben konnten.“

Das Banner zeigt ein Foto der Autorin Regina Denk; daneben stehen die beiden Umschläge ihrer Romane "Die Schwarzgeherin" und "Der Fährmann".

Regina Denk spielt nicht mit Sprache – es wirkt eher, als würde sie diese in die Welt bringen

Besonders eindringlich – und eindrucksvoll noch dazu – sind die beiden Romane, weil Regina Denk sie in einem (Kunst-)Dialekt schreibt: Man kann ihn sofort regional verorten, versteht ihn aber auch in Norddeutschland. Und während er uns Lesende zu Beginn irritieren mag, gleiten wir durch ihn schnell und tief in Zeit und Ort. Ist er ruppig oder von archaischer Weichheit? Beides trifft zu; das gilt insgesamt, auch, übergreifend für diese „Heimatromane Noir“.

DER FÄHRMANN verlangt uns einiges ab, denn hier ist alles mehr als handfest, dreckig, brutal – das wird nicht besser, als der erste Weltkrieg ausbricht, der viel zerstört, das Schlimmste aus den Menschen herausholt. Und doch gibt es viele Zwischentöne, arbeitet Regina Denk die Stärken und Schwächen ihrer Figuren auf eine so nachvollziehbare Weise heraus, dass es ein Vergnügen ist.

Lediglich an zwei Stellen musste ich stutzen: Zunächst gibt es da die Szene, in der die kleine Elisabeth dem sterbenskranken Hannes beistehen will und wie ein goldglänzendes Engelchen erscheint – da glaubte ich Leser von geringem Verstand, die Autorin wäre zu tief in den holden Glückseligkeitstopf gefallen. Erst im Nachhinein habe ich begriffen, wie sehr dieser in seiner Übersteigerung besondere Moment einen Zauber webt, der im Lauf der Geschichte auf manche Zerreißprobe gestellt werden wird.

Später darf ein alter Hofhund unter Beweis stellen, dass sein Besitzer möglicherweise nicht so abgrundtief schlecht ist, wie man bisher mit einer gewissen Ausschließlichkeit glaubte … und ich dachte: „Och nö.“ Aber ja, auch diese Szene braucht es, weil sie eben anders als reflexartig von mir angenommen nichts besser macht oder entschuldigen will, sondern den Abgrund sogar noch tiefer gräbt.

Es gibt vieles, was mir von diesem Buch lange in Erinnerung bleiben wird, besonders zwei Gespräche, die Annemarie und Elisabeth mit ihren Müttern führen; beide erscheinen so erbarmungslos, schicksalsergeben und kalt, dass es uns graut, wir aber jedes einzelne Wort glauben.

„Und plötzlich ergriff eine unbändige Wut von ihr Besitz, eine Wut gegen die Männer, die hier am Hof mit Schrecken regierten, aber eine noch größere Wut gegen die Weiber, die es ihnen nachtaten, die, nur weil man gegen sie trat, selbst gegen die Schwächeren traten, die sich nicht wehren konnten.“

Regina Denk lässt uns aber auch verstehen, dass Führsorge im ländlichen Raum des frühen 20. Jahrhunderts etwas anderes war, als wir es heute verstehen. Dass Fatalismus keine Niederlage sein muss, sondern den kleinen Sieg in sich tragen kann, der das Weiter- und Überleben bedeutet. Und dass ein jeder das Recht hat, an der eigenen Sinnfrage zu verzweifeln: „Soll es alles umsonst gewesen sein?“, fragt ein Mann an einer Stelle, als Waffe – wie könnte es anders sein – gegen eine Frau. Aber während wir noch wütend „Dann ist es eben so!“ rufen möchten, begreifen wir doch, dass das in dieser Zeit unmöglich war … und heute vielleicht immer noch ist?

Regina Denks Roman zeigt, wie unsinnig die Diskussion um „U“ und „E“ ist – denn DER FÄHRMANN ist beides

DER FÄHRMANN ist weit mehr als „nur“ ein historischer Roman, er ist ein literarisches, kratziges Werk, in dem Themen in vergangenen Zeiten verhandelt werden, die uns heute immer noch beschäftigen: Determinismus, der Fehlglaube an den „Sozialdarwinismus“, fatale Männlichkeitsbilder, mangelnde Solidarität, Frauenfeindlichkeit, das Gift des Nationalstolzes, der nie ohne Groß- und Allmachtfantasien auskommt.

Obwohl viele Lesende für sich reklamieren, das neue, andere, ungeahnte Buch zu suchen, bedeutet gute Programmarbeit in Verlagen meist, das Besondere im Bekannten zu finden. Regina Denk, selbst Teil der Branche und verantwortlich für Belletristik und Sachbuch bei einem Verlag, hält sich mit DER FÄHRMANN nicht daran: Der Roman verstößt raubeinig gegen mancherlei Gepflogenheiten … und ist darum unbedingt eine Entdeckung wert, auch wenn die Autorin alles daran setzt, es uns schwer zu machen, ihren Hauptfiguren durch das Martyrium zu folgen, das doch eigentlich so hoffnungsvoll beginnt:

„Doch als der Hannes dann schließlich alt genug war, um von seinem Onkel das Handwerk zu erlernen, blieb nicht mehr viel Zeit für ihre Spielereien, und auch die Annemarie musste im Wirtshaus mit anpacken. Aber wie es sich nun mal mit den Dingen im Leben verhält, je seltener sie sind, desto kostbarer werden sie. Und so wuchsen die drei, auch wenn sie nicht mehr so oft beieinander waren, im Herzen doch sogar noch mehr zusammen. Fühlten sie sich einander verbunden auf eine ganz besondere Weise, die nur ihnen vorbehalten war. Ließ keiner auf einen der anderen auch nur ein schlechtes Wort kommen und glaubten sie alle in ihren kleinen Kinderherzen fest daran, dass sie in diesem Leben nichts würde trennen können.“

Leichte Bücher für den Sommer sind DIE SCHWARZGEHERIN und DER FÄHRMANN nicht – aber zwei Romane, die man einmal gelesen in keiner der folgenden Jahreszeiten vergessen wird.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Regina Denk: DER FÄHRMANN. Droemer, 2026

Bei dieser Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "Der Fährmann" von Regina Denk.
Bei dieser Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "Die Schwarzgeherin" von Regina Denk.