Vom Hellsehen haben wir alle schon gehört, vom Hellschmecken eher nicht: Daria Lavelle hat mit AFTERTASTE einen bewegenden Roman darüber geschrieben.

„Kostya versuchte, den Geschmack zurückzuholen, aber es war nichts mehr übrig, nur Wärme, die sich langsam auf seiner Zunge ausbreitete, während er Tränen zurückhielt. Erst, als der Geschmack abgeklungen war, erkannte Kostya ihn plötzlich. Hähnchenleber, geschmorte Zwiebeln, frischer Dill, ein Spritzer Zitrone. Petschonka. Das Lieblingsessen seines Vaters, laut seiner Mutter, die es selten erwähnte und seit seinem Tod nicht mehr kochte. Kostya hatte nie Petschonka gegessen. Er wusste nur, wie durch einen Instinkt, durch einen weiteren Sinn, dessen er sich gerade zum ersten Mal bewusst geworden war, dass der Geist dieses Gerichts, nicht sein Geschmack, sondern sein Nachgeschmack, gerade seinen Mund erfüllt hatte, dorthin gezaubert von dem Menschen, der sich am meisten danach sehnte, es noch einmal zu kosten.“

Konstantin Duhovny, genannt Kostya, ist zehn, als er einen fatalen Fehler macht – er ist wütend, weil sein Vater keine Zeit für ihr gemeinsames Lieblingsspiel hat, bei dem Kostja mit geschlossenen Augen die Köstlichkeiten erkennen muss, mit denen er gefüttert wird. Aber heute muss der Vater zur Arbeit, und der kleine Sohn wütet: Warum hat er sie hergebracht, aus Kiew in dieses schreckliche New York, wo alles so fremd ist? Der Vater geht mit gesenktem Kopf … und kehrt niemals zurück, weil er stirbt. 

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und an jedem Tag wiegt es schwer auf Kostja, dass er seinen Vater zum Abschied nicht umarmen wollte; auch deswegen hat er nie richtig Fuß gefasst im Leben. Und noch etwas anderes hat sich damals verändert: Manchmal schmeckt Kostya, wie aus dem Nichts, Gerichte, Getränke, etwas, das er oft nicht zuordnen kann und doch wahrnimmt, weil ein Geist sich danach verzehrt. (In der Esoterik nennt man dieses Talent „hellschmecken“, im Roman wird es als „Nachgeschmack“ bezeichnet.)

Als Kostya – der inzwischen als Spülkraft in einer Bar arbeitet – durch einen Zufall herausfindet, wie er seine Gabe nutzen kann, um Menschen noch einmal mit den Verstorbenen zu vereinen, die sie so sehnlich vermissen, kommt ihm der Gedanke, der sein Leben grundlegend ändern wird: Kann ihm dies auch mit seinem Vater gelingen? Muss er nur zum richtigen Zeitpunkt eine „perfekte“ (wenn auch deutlich angebrannte) Petschonka kochen und kosten, um Vergebung zu finden und Abschied nehmen zu können?

Eine ungewöhnliche Idee und eine rasante Karriere

Kostya wird ein Meister am Herd, gelenkt von Geschmäckern, die nicht seine sind, die er aber bis in die kleinsten Details durchschaut und dann nachkochen kann. Gemeinsam mit seinem besten Freund und größten Halt im Leben, Frankie, verwandelt er ihr etwas gammliges Wohnzimmer in den Hell’s Kitchen Supper Club (mit Stühlen, auf denen möglicherweise sogar schon Jude Law saß). Kann das gut gehen?

Es treten auf: ein zu impulsiver Sternekoch und eine Nonne, die ein Geheimnis hütet, außerdem ein Wohltäter, der möglicherweise Böses im Schilde führt, und vor allem Maura, eine Hellseherin, die niemandem die Wahrheit über sich selbst anvertrauen möchte – und in die Kostya sich Hals über Kopf verliebt. Da gibt es allerdings ein Problem: Maura bittet ihn, seine Gabe niemals wieder einzusetzen, da sie die natürliche Grenze zwischen Dies- und Jenseits ins Wanken bringen könnte. Ist Kostya zum einen bereit, die Suche nach seinem Vater aufzugeben … und zum anderen auch den Rausch, sich dem „Nachgeschmack“ hinzugeben?

„Und noch etwas fiel Kostya auf, dessen Wahrnehmung schärfer war als je zuvor. Wie Gefühle seine Zunge trafen – es war nicht mehr nur eine Vermittlung zwischen den Lebenden und den Toten, er konnte die Emotionen unmittelbar schmecken. Die ungenierte Freude von Spaghetti Carbonara. Die vollkommene Selbstvergessenheit eines dreifachen Clubsandwiches mit Truthahn. Die eigenartige Traurigkeit von Zitronenkuchen. Wenn die Geister erschienen, konnte Kostya sie in ihren Gesichtern sehen, die Gefühle, die er schmeckte und die den Erinnerungen, die die Geister zurückgeleiteten, ihre Würze gaben.“

AFTERTASTE ist weder ein Fantasyroman noch besonders esoterisch: Es ist einfach eine ungewöhnliche Geschichte, wie man sie im Mainstream selten findet

Daria Lavelle erzählt in der Übersetzung von Eva Kemper zielgerichtet und ohne große Seitenblicke, wenn sie die Geschichte vorantreiben will, und mit einer sinnlichen Üppigkeit, wenn es um Gerichte, Gerüche, Gewürze geht; dies zu lesen fühlt sich wie ein rauschhaftes Vergnügen an – und selbst ich konnte mir auf einmal vorstellen, dass ein Fischkopf eine Delikatesse ist, nach der man sich mit unstillbarem Verlangen sehnt. Mit der gleichen Intensität lässt die Autorin auch das erste Aufflackern von Liebe für uns spürbar werden (und das, obwohl schlechter Champagner nicht die beste Idee ist) … und noch dazu hat Daria Lavelle ihre eigene – oder mir zumindest bisher unbekannte – Vorstellung des Jenseits, die enger mit dem Diesseits verknüpft ist, als wir denken.

AFTERTASTE ist die Geschichte eines Mannes, der nie erwachsen wurde und es jetzt vielleicht werden muss, eine Liebesgeschichte, die – man verrät nicht zu viel – bittersüße Züge hat, und noch dazu erzählt Daria Lavelle immer wieder ohne philosophischen Aufbau, sondern ganz barrierefrei darüber, was Essen bedeuten kann:

„Wenn jemand diese nachgemachte Campbell-Tomatensuppe [aus verdünntem Ketchup] kosten würde, ohne den Hintergrund zu kennen, würde er sie wahrscheinlich zwischen grässlich und ungenießbar einstufen. Aber das war das Komische bei den Gerichten, die man aß, wenn man nichts hatte: Durch die kleinste Kleinigkeit Wärme, Knuspriges, Kalorien, jemanden, der die Mahlzeit für einen zubereitete, der sich um einen kümmerte, und sei es nur mit einer Geste, oder wenn man selbst für sein Essen sorgte und damit bewies, dass man überleben konnte, auch wenn die Welt es nicht wollte, konnten sie zum Besten werden, das man je gegessen hatte.“

In der zweiten Hälfte der 432 Seiten, durch die ich in kürzester Zeit gepflügt bin, dreht Daria Lavelle das Tempo noch einmal entschlossen hoch und treibt die Geschichte auf den aus verschiedenen Gründen dramatischen Höhepunkt zu. Wollte ich Kritik üben, dann vielleicht an den Zwischenkapiteln, die uns „die andere Seite“ der Geschichte erzählen, mich aber nicht so überzeugt haben wie der Rest, und an der Grundidee dieses „Jenseits“, die sich mir nicht vollumfänglich erschlossen hat; beides hat mein Lesevergnügen aber nicht getrübt.

Natürlich verrate ich hier nichts über das Ende, kann aber sagen, dass es mich überrascht, in Tränen aufgelöst und sehr – just for the fun of it: SEHR! – bewegt und befriedigt aus der Geschichte entlassen hat. Und obwohl wir es hier eindeutig mit einem Unterhaltungsroman zu tun haben, der deutlich mehr Story- als Character-getrieben ist, kann man zwischendurch immer wieder innehalten, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, zum Beispiel über diesen hier:

„Mehrere Köche unterstützten das Vorhaben öffentlich und trafen zum Teil gewagte Aussagen, dass er etwa der kulinarischen Einöde des Bankenviertels neues Leben einhauchen würde, dass er Aufmerksamkeit auf Traditionen aus der ganzen Welt lenken würde, die sich um Essen und Verlust drehten, uns daran erinnern würde, wie stark die Verbindung zwischen Essen und Trauer war und zwischen Essen und Erinnerung.“

Das Bild zeigt links das Autorinnenfoto von Daria Lavelle und rechts daneben das deutsche Cover ihres Romans AFTERTASTE.

Ist AFTERTASTE ein Buch, an das man in zwei Jahren begeistert zurückdenkt … oder überhaupt noch erinnert? Obwohl ich im Moment wirklich sehr angetan bin, wage ich das zu bezweifeln – und empfehle Daria Lavelles Roman trotzdem aus zwei Gründen:

Weil ich finde, dass der Verlag Applaus dafür verdient, dass er diese ungewöhnliche Geschichte ins Programm genommen hat, die sich nicht entscheiden will oder muss zwischen Mainstream oder Special Interest, zwischen der Realität des Lebens und dem Besonderen, für das wir uns öffnen können (und sollten), wann immer es uns begegnet.

Vor allem werfe ich Konfetti für dieses Buch, weil AFTERTASTE meiner Meinung nach ein guter Stoff ist, um dem Alltag jenseits dessen, was man sonst so liest, für ein paar entspannte und spannende Stunden zu entfliehen – so wie auch ein Stück Kuchen oder Käse, ein Bonbon oder eine Essiggurke manchmal genau das ist, was wir brauchen, um uns zu verwöhnen und die Gedanken zu lenken auf einen besonderen Moment, eine Erinnerung, ein „Ach“ und „Hach“.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Daria Lavelle: AFTERTASTE. Auf dem Englischen von Eva Kemper. Fischer Taschenbuch, 2026