Der deutsche Titel ist irreführend: In ihrem eiskalten Gesellschaftsporträt erzählt Karine Tuil nicht über Menschen, die man als DIE LIEBESHUNGRIGEN verklären sollte, sondern über Machtmissbrauch auf verschiedenen Ebenen

„Noch schenkten sie ihm Gehör, die Mächtigen dieser Welt, die ungehemmt Rundfunksender und Zeitungen aufkauften, offiziell, um sie vor der Insolvenz zu retten / ihnen zu helfen / sie zu unterstützen. Eigentlich aber ging es darum, die eigene Macht zu festigen, indem man die Journalisten in die Arena der Prekarität stieß, wo sie sich gegenseitig zerfleischten, und danach pickte man sich die Unterwürfigsten heraus. – Journalisten, spottete Lehman gern, waren ein Produkt wie jedes andere, man nahm sie aus dem Regal, sobald das Verfallsdatum erreicht war. Und genau wie ein Schweizer Armeemesser, das man zögert wegzuwerfen, konnte auch Lehman noch von Nutzen sein.“

Er war einer der Großen in Europa, der Präsident der „Grande Nation“ Frankreich – aber das ist vorbei: Vor einem Jahr musste Dan Lehman den Élysée-Palast verlassen, um Platz zu machen für seine junge, rechtsorientierte Nachfolgerin. Seine Romanbiographie über Karl Marx ist ein Flopp, nur die Oralsexszene, die er im letzten Redaktionsgang an den Rand des Manuskripts gekritzelt hat, scheint die Öffentlichkeit zu interessieren. Und jetzt wird auch noch gegen ihn ermittelt? Lehman ist wenig geblieben, außer der schmerzhaften Erinnerung an seine Tage im Scheinwerferlicht. Also tut er, was ein Mann wie er tun muss: sich bemitleiden, deswegen trinken und sich daraufhin noch mehr bemitleiden.

„‚Vergiss nicht, wie weit du gekommen bist und was du alles für unser Land getan hast.‘ – Lehman genehmigte sich einen ordentlichen Schluck. Paul verstand also doch nicht alles: Ein Politiker blickt nicht auf das, was war, sondern auf das, was nicht mehr ist.“

Dan Lehman, der etwas zu selbstverliebt ist in sein Bild als aufrechter linker Politiker, gleicht einer Mogelpackung – und selbiges kann man auch über die deutsche Verpackung dieses ausgezeichneten Romans sagen. Aus dem französischen Titel „La guerre par d’autres moyens“ – „Krieg durch andere Mittel“ – wurde DIE LIEBESHUNGRIGEN, und sowohl Werbetext als auch KI-Umschlagmotiv suggerieren, Karine Tuil habe einen Roman über eine schwierige Ehe geschrieben; das ist nur ein Viertel der Wahrheit. (Und zur Sicherheit: Nachfolgend kann es leichte Spoiler geben.)

Lauter unsympathische Figuren, die uns kratzen, weil sie so realistisch wirken

DIE LIEBESHUNGRIGEN wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Zu Dan und seiner Frau, der deutschen Schauspielerin Hilda („Schon nach wenigen Wochen als First Lady war ihr klar, dass sie fünf Jahre im Élysée-Palast nicht ohne Antidepressiva überstehen würde.“), gesellen sich seine Exfrau Marianne, eine Schriftstellerin, deren erwachsene Tochter Léo sowie die Schauspielerin Mélanie, deren Körper einst eine starke Währung war, bevor sie MeToo-Skandale aufdeckte und zum Branchen-Paria erklärt wurde.

Immer mehr tritt außerdem Romain Nizan in den Mittelpunkt, der Regisseur, der Mariannes Roman über eine Arbeiterin verfilmt, nicht mit Mélanie in der Hauptrolle, die ihm das Projekt vorgeschlagen hat, sondern mit Hilda. Für die könnte die Gewaltexplosion das Comeback bedeuten. Aber um welchen Preis? Denn Nizan ist ein Mann, der sich zwar als Feminist inszeniert, aber stets zeigt, was er für ein Mistkerl ist, den man noch dazu gewähren lässt:

„Viele Künstler, insbesondere Filmemacher, haben etwas von einem Vampir, alles dreht sich um ihr Werk – um seine Entstehung, seine Würdigung, seine Zukunft. Autorinnen und Autoren waren für Leute wie Nizan bloß Rohmaterial, das man verwendete und dann wegwarf. Wir wussten das. Und machten trotzdem mit. Die Produzenten suchten sich Schriftsteller wegen deren Kreativität, bezahlten sie, verwerteten sie und taten dann alles, um sie verschwinden zu lassen, wie perverse Freier, die eine Hure töten, nachdem sie sie gevögelt haben.“

Ist hier wirklich jemand hungrig nach „Liebe“?

Anders als der deutsche Titel verspricht, suchen die Figuren, die Karine Tuil in ihrer kühlen Versuchsanordnung aufeinanderprallen lässt, meiner Meinung nach nicht nach Liebe – sie wollen vor allem ihr Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Sicherheit befriedigen. Ihren Originaltitel erklärt die Autorin auf der Website des Verlags Gallimard so: „Mit Krieg meine ich den Kampf um Macht im politischen Leben, den sozialen Krieg, aber es ist auch eine Art, die zwischenmenschlichen, die partnerschaftlichen Spannungen und Herausforderungen zu beschreiben.“

Und so sind Tuils Figuren vor allem mit dem Taktieren beschäftigt. Wenn Mélanie und Hilda ihre Körper nutzen und benutzen lassen, hat das meiner Wahrnehmung nach also so wenig mit Liebe zu tun, wie Léos Begeisterung für einen Mann, der ihr Vater sein könnte, eine harmlose Schwärmerei ist. Karine Tuil nutzt beides, um gesellschaftliche Phänomene darzustellen, was sich auch in diesem Dialog zwischen Léo und ihrer Mutter zeigt:

„‚Ich will nicht, dass du mit Männern meiner Generation ausgehst.‘ – ‚Und warum nicht? Für mich ist der Altersunterschied kein Problem.‘ – ‚Als dein Vater Hilda kennengelernt hat, hat sich das ganz anders angehört.‘ – ‚Das war ja auch was anderes, Hilda war scharf auf seine Macht.‘ – ‚Und du bist davon frei? Auch Regisseure sind einflussreiche Persönlichkeiten.‘ – ‚Mir gefällt, wie er über seinen Beruf spricht, über die Frauenbewegung …‘ – ‚Das ist doch Schwachsinn, er hat gesagt, was du hören wolltest, da sind mir Männer wie dein Vater lieber, deren Machotum ist zumindest eine Haltung.‘ – ‚Papa gehört noch der alten Welt an. Sieh ihn dir nur an, alle seine Mitarbeiter sind Männer …‘ – ‚Täusche dich nicht in deinem Gegner.‘“

DIE LIEBESHUNGRIGEN ist ein Roman über Gefühle, die zu Verhandlungsmasse werden, und vielleicht sind am Ende wirklich nur die aufrichtig, die Lehmann für seine Kinder hegt, insbesondere die kleine hörbehinderte Anna … was ihn allerdings auch nicht davon abhält, sich in ihrer Gegenwart volllaufen zu lassen.

Warum haben wir 2026 oft noch das Frauenbild aus dem Jahr 1962?

Vor allem schreibt Karine Tuil darüber, wie Frauen von Männern und der Gesellschaft behandelt werden. So verfilmt Romain Nizan den Roman von Marianne über eine Emanzipierung und ein Überleben als Femizid-Schocker, was von allen Beteiligten mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen wird: Die getötete Frau funktioniert besser als eine, die überlebt, und wenn Gewalt Kinotickets verkauft und den Buchabsatz steigert, wird mit einem Schulterzucken gefragt: „Warum nicht?“

In diesem Zusammenhang streift Karine Tuil auch das Thema von mangelnder Solidarität unter Frauen – und zeigt, dass der männliche Druck auch fruchtet, weil ihm nachgegeben wird:

„Hilda würde sich noch ein paar Jahre halten, bestenfalls, und deshalb hungerte sie, zwang sich jeden Tag bis zur Erschöpfung zum Crosstraining und ließ sich Hyaluronsäure spritzen, damit die Männer sagten, sie sähe noch gut aus. Botox und Gesichtsoperationen lehnte sie ab, weil dadurch die Züge erstarrten oder entstellt wurden; aber als sie hörte, wie Produzenten sich über maskenhafte Gesichter und vom Skalpell verunstaltete Ex-Schönheiten mokierten, hätte sie ihnen gern entgegengehalten, dass die Schauspielerinnen sich ihretwegen unters Messer legten, dass ihr Jugendwahn sie in die OP-Säle getrieben hatte, wo sie zu alterslosen Fabelwesen wurden, halb Frau, halb Katze. Sie ruinierten ihren Körper, damit der taxierende Blick dieser Männer noch etwas länger auf ihnen verweilte, und wer weiß, mit ein wenig Glück bekamen sie sie am Ende sogar ins Bett.“

Unaufgeregt setzt Karine Tuil zwei Frauentypen gegeneinander: Diejenigen, die selbst in Machtpositionen sind – die Agentin Anne, die alle Fäden in der Hand hält, und Marianne, die nach ihrer Trennung gelernt hat, dass die Nähe eines Mannes ein Add-on sein kann, aber nicht die Grundlage ist für ein gutes Leben – gegen jene, die denken, dass sie bereit sein müssen für alles, was von ihnen verlangt wird:

„War es tatsächlich eine Frage des Alters oder des Aussehens? Wo hatte sie versagt? Sie hielt eisern Diät, ließ sich trotz heftiger Schmerzen die Intimzone epilieren, weil es Romain so besser gefiel, sie gab ein Vermögen für Dessous aus – nicht zu nuttig, nicht zu klassisch –, sie akzeptierte sämtliche sexuellen Praktiken, auch diejenigen, die er ihr abverlangte, obwohl sie ihr widerstrebten. Regelmäßiger Analverkehr gehörte dazu, und dass sie sich seine Sexfantasien von Gang Bangs anhören musste, bei denen sie von mehreren Männern gleichzeitig vergewaltigt wurde. So viel Einsatz – und dann diese Textnachrichten [auf seinem Handy] von einer zweitklassigen Schauspielerin und einem vierundzwanzigjährigen Püppchen.“

Allgemeingültige Themen, aber auch „très français“

In der fließenden Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch erzählt Karine Tuil für mein Gefühl sehr französisch über Betrug, Hoffnung und fiesen Sex, über Macht und die hässlichen Seiten des schönen Scheins: Es ist diese unmittelbare Nähe zu den Figuren, die stets auch Stellvertreter für eine ganze Gesellschaft sind, in Kombination mit einem Skalpell-Blick auf sie, wie ich ihn auch mit Yasmina Reza verbinde.

Die Autorin nimmt es mit der Perspektivtreue nicht genau und lässt in Kapiteln, die einen Fokus auf einer bestimmten Figur haben, auch schlaglichtartig andere Innenansichten einfließen; diese Ausnutzung der allwissenden Erzählperspektive erzeugt eine quecksilbrige Vielschichtigkeit, weil alles jederzeit gebrochen, relativiert, anders eingeordnet werden kann.

Männer: Lieben – oder lassen? Nach Karine Tuils Roman hat man dazu eine deutliche Meinung …

Karine Tuil schreibt darüber, dass Männer für ihre „pissing contests“ keine Toilettenräume brauchen – und so gehört Kapitel 18, in denen sie ihre Alpha-Männchen aufeinanderhetzt, für mich zu den Highlights des Romans:

„Romain stand in Lehmans Büro und wagte sich kaum zu rühren. Er hatte überlegt, was er mitbringen sollte, Pralinen oder eine Box mit Stanley Kubricks Gesamtwerk; am Ende hatte er die DVD seines ersten eigenen Films eingesteckt, er wollte kein Geld für Lehman ausgeben, selbst wenn er es als Spesen verbuchen konnte. Mit dem in Selbstdisziplin erstarrten Mitarbeiter bot sich kein Dialog an, also machte er es sich auf dem großen weichen Sofa bequem, bis Lehman endlich in der Tür auftauchte: ‚Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen!‘ Obwohl genau das seine Absicht gewesen war: ihn warten zu lassen, um zu demonstrieren, wer hier über die Zeit verfügte. Nizan sprang auf. Er war deutlich größer als Lehman, es gefiel ihm, dass er ihn körperlich überragte; der magnetischen Aura des Ex-Präsidenten konnte er sich dennoch nicht entziehen. Er empfand eine Mischung aus Anziehung und Abneigung.

Lehman und Nizan sind in gleichen Teilen real und Karikaturen, und darin zeigt sich auch die Brillanz von Karine Tuil: Dass wir meinen, diese Männer zu kennen, dass wir sie hemmungslos verabscheuen, ihnen aber gleichzeitig durch die Handlung folgen. Um sie scheitern zu sehen? Ja, natürlich. Aber auch, weil uns diese Selbstüberschätzung fesselt, ihr animalischer Anspruch auf alles. Anders als einen kleinen Schmetterling kann man eine Hyäne nicht mit einer Nadel in einem Bilderrahmen festpinnen, um sie sich aus der Nähe anzusehen; genau dies tut Karine Tuil nun mit ihrem Buch.

Und vielleicht liegen Abscheu und Faszination manchmal gar nicht so weit auseinander, wenn Hilda voller Verachtung auf das Verhalten ihres Mannes blickt:

„Ebenso wenig ertrug sie den Opportunismus und die Heuchelei, die sich in die zwischenmenschlichen Beziehungen an der Spitze der politischen Hierarchie einschlichen, und die tägliche Anwesenheit unangenehmer Gestalten, denen sie im Umfeld ihres Mannes begegnete: auf der einen Seite Kriecher, Profiteure und Speichellecker, auf der anderen liebeshungrige, berechnende Gold Digger. Und wie viel Genuss Lehman daraus zog! Seine kindische Genugtuung stieß sie ab, ihr missfiel, wie er mit Menschen spielte und sie auf die Probe stellte, nur um zu sehen, wie tief sie sich erniedrigen würden, um Teil seines Hofstaats zu werden.“

Was bedeutet Authentizität, wenn es das Ziel ist, im Sonnenlicht gesehen zu werden?

Auch das ist einer der Kriegsschauplätze dieses Romans: Dass Hilda, die gleiche Figur, die Machtspiele durchschaut und verurteilt, selbst Teil eines Systems ist, das dem Selbsterhalt an der Spitze dient:

„Als sie fertig ist, macht sie ein Selfie mit der neuen Handtasche, bearbeitet es ein wenig und teilt es mit den Hashtags #danke@chanel #danke@festivaldecannes #amazingday auf Instagram schließlich muss sie sich bei den Sponsoren bedanken, wenn sie auch weiterhin mit Aufmerksamkeiten bedacht werden will. Zwei Stunden später repostet sie eine Story des Kollektivs MENSCHEN, DIE KÄMPFEN, als Unterstützung für die Freischaffenden in der Kulturszene und um der Oberflächlichkeit des Moments eine soziale Tragweite zu verleihen.“

DIE LIEBESHUNGRIGEN brauchte ein paar Kapitel, bis ich mich hineinfallen lassen konnte – danach bin ich durch die insgesamt 391 Seiten gejagt. Spannend ist in diesem Kaleidoskop der Eitelkeiten auch, wie zugewandt Tuil (die Autorin) ihre Figur Marianne (eine Autorin) in der einzigen Ich-Perspektive zeichnet:

„Hatte ich das Recht, unser Leben als Material zu benutzen? Ich wusste, dass es schwierig werden, dass mich mein Text in unangenehme Situationen bringen, dass ich beim Schreiben weinen oder zutiefst deprimiert sein würde. Die Wunde würde immer wieder aufreißen, bei Erscheinen des Buches, bei jeder Lesung, wann immer ich öffentlich darüber sprechen und Fragen beantworten würde. Aber genau das erwartete ich doch von jedem Buch: den absoluten Kontrollverlust und dass es mich in eine seelisch belastende Situation versetzte.“

Dürfen wir, obwohl dies die Eigenwahrnehmung ihrer Figur ist, davon ausgehen, dass Karine Tuil damit etwas unterstreichen will? Zum Glück liest sich DIE LIEBESHUNGRIGEN anders: Die Autorin erlaubt uns, die Kontrollverluste in diesem literarischen Horrorszenario mit Sicherheitsabstand zu erleben – als ein den Abgrund umkreisendes Lesevergnügen.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Karine Tuil: DIE LIEBESHUNGRIGEN. Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch. dtv, 2026