Viele Menschen würden daran zerbrechen, mit Anfang 50 die Diagnose Alzheimer zu bekommen – Jo Failer hat darüber stattdessen ein bewegendes Buch geschrieben: ICH DENK NICHT DRAN.

Alle Wege führen nach Rom und zum richtigen Buch; manchmal braucht es auch einen Podcast und eine Bahnfahrt. Als die hinreißende Pressefrau des dtv mir im Zug zur Leipziger Messe Jo Failer vorstellte, erinnerte ich mich, dass die Journalistin Silvi Feist bereits über sein Werk berichtet hat in ihrem Podcast „Feiste Bücher“. Ohne diese Impulse wäre ICH DENK NICHT DRAN an mir vorbeigegangen: Ich bin kein Sachbuch-Leser, und ich scheue vor Texten zurück, in denen Menschen über Krankheiten schreiben.

Jo Failer und ich plauderten, er schenkte mir eins der Küchlein, die er für sich und seine Reisebegleitung gekauft hatte – und ich wurde neugierig auf sein Buch, weil er das Gegenteil zu sein schien von einem Mann, der einen schweren Schicksalsschlag hinter sich hat. Beziehungsweise: mit ihm lebt. Zugegeben, mir war auch ein wenig unwohl beim Gedanken daran, den Text zu lesen – ich fürchte bei Erfahrungsberichten immer, in eine Voyeurismus-Falle zu stolpern, auch wenn die Einladung, genauer hinzuschauen und in die Lebenswelt eines Fremden einzutauchen, durch die Veröffentlichung ausgesprochen wird.

ICH DENK NICHT DRAN ist ein Buch, das mich begeistert, bewegt, mit eigenen Ängsten konfrontiert und bereichert zurückgelassen hat; Jo Failer, bei dem mit Anfang 50 eine Alzheimer-Frühform diagnostiziert wurde, hat keine „Sob Story“ geschrieben, sondern ein „Vermächtnis zu Lebzeiten“. Wer meine Rezension gelesen hat, der weiß, mit welchem Erzähltalent der Autor uns Sätze schenkt, die so schön und wahr sind, dass man weinen möchte – aber auch das besondere Glück empfindet, das man mit großartigen Liedern oder besonders einnehmenden Bilder verbindet.

Umso mehr freue ich mich, dass Jo Failer sich die Zeit genommen hat, mir drei neugierige Fragen zu seinem Schreiben zu beantworten.

Lieber Jo, Du bezeichnest Dein Buch als „Vermächtnis zu Lebzeiten“, denn Du setzt Dich in ICH DENK NICHT DRAN mit Deiner Alzheimer-Erkrankung auseinander. Warum ist es Dir wichtig, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?

Jo Failer: „Kein Betroffener hat bislang diese unsichtbare Krankheit so sichtbar gemacht. Viele Experten reden darüber, aber keiner hat sie selbst. Mir hat diese Betroffenen-Sicht immer gefehlt. Deshalb habe ich mich mit dem Buch restlos ‚nackig‘ gemacht.

Alzheimer ist leise. Zumindest, wenn man den Verfall nicht offensichtlich sieht. Und alles, was leise ist, wird oft überhört. Deshalb dieses Buch. Es sollte ein poetischer Almanach sein. Zur Aufklärung. Und vor allem, um meinen Kindern etwas zu hinterlassen, das bleibt, wenn ich mich selbst vergesse. Damit sie später nicht nur wissen, was ich verloren habe. Sondern wer ich war.“

Obwohl Du in Deinem Buch erzählst, wie die Krankheit Dir immer mehr Erinnerungen, Zusammenhänge und Wörter raubt, beschreibst Du das so bildreich und schlau, dass man sich fragt: Wie schafft er das?

Jo Failer: „Die Erkrankung zerstört nicht alles gleichzeitig. Das Gehirn baut an verschiedenen Stellen ab und nicht überall gleich. Anders als beispielswiese ein bösartiger Tumor. Abruf, Tempo, Verknüpfung – all das wird bei mir schwieriger. Aber Dinge wie Sprache, Bilder, Ausdruck sind noch da. Zum Glück. Das Schreiben ist deshalb kein Widerspruch. Es ist mein Raum, in dem ich mich noch austoben kann. Ich kann weniger abrufen – aber ich bin näher dran. Am Moment. Am Gefühl. An der Essenz. Ich schreibe langsamer, ringe oft um jeden Satz. Vielleicht wird er genau deshalb dichter.“

In Deinem Buch prallen Gegensätze aufeinander – Deine große Angst davor, die Namen Deiner Kinder zu vergessen, und Dein Lachen darüber, dass Du im Supermarkt nach „Kuhschnee“ suchst, weil Dir das Wort Frischkäse nicht mehr einfällt. Wie hältst Du das eine wie das andere aus?

Jo Failer: „Ich halte es nicht aus. Ich halte es zusammen. Die Angst ist da. Jeden Tag. Sie sitzt leise neben mir und wartet. Dann passiert so etwas wie ‚Kuhschnee‘ oder ‚Wirrwarr‘, was eigentlich ein Kaiserschmarrn ist … und ich muss lachen. Nicht, weil es lustig ist. Weil es sonst zu schwer wird.

Ich hatte immer diesen situativen Humor. Er ist jetzt kein Gegenspieler der Angst. Er ist ein Ventil. Wenn ich nur die Angst hätte, würde ich erstarren. Wenn ich nur lachen würde, wäre es unehrlich. Also lebe ich beides. Die Fallhöhe und den Witz. Gleichzeitig. Vielleicht ist genau das meine Art, nicht zu zerbrechen.“

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Das Foto zeigt einen Kaffeebecher der Deutschen Bahn auf einem Ausklapp-Tisch in einem ICE; rechts daneben steht das kleine Küchlein, das im Text erwähnt wird.

Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Jo Failer: ICH DENK NICHT DRAN. Ein Vermächtnis zu Lebzeiten. dtv, 2026

Meine Rezension zum Buch findet sich HIER.