Mit ihrem Roman MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL schließt Alena Schröder nach ihren Bestsellern JUNGE FRAU, AM FENSTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID und BEI EUCH IST ES IMMER SO UNHEIMLICH STOLL ihren bewegenden und schlauen Familien-Triptychon ab.
„Irgendwas war mit dieser Stadt, dachte Hannah. Jedes Mal, wenn sie hier war, brach irgendetwas auf, gab es einen Wendepunkt in ihrem Leben. Genau hier hatte sie als Baby auf dem Arm ihrer Mutter einen Streit zwischen Silvia und Evelyn miterlebt. Hier in Güstrow hatte sie viele Jahre später versucht, der Geschichte ihrer Großmutter nachzuspüren. Sie hatte ein altes Bild finden wollen und damit eine Verbindung zu ihren Vorfahren. Das hatte nicht geklappt, dafür hatte sie ihre beste Freundin gefunden – einen viel größeren Schatz. Und jetzt dieser Brief.“
Es gibt Bücher, vor denen fürchtet man sich, weil man ihre Vorgänger so geliebt hat, dass die Erwartungshaltung groß ist. Vielleicht zu groß? So ging es mir mit MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL: Ich habe mich 2021 mit so einer Hingabe in Alena Schröders JUNGE FRAU, AM FENSTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID fallen lassen können, dass der Roman bis heute ein Gradmesser ist.
Kurzer Rückblick: Es ist die Geschichte von Hannah, die nach dem im Titel beschriebenen Gemälde sucht – und es ist die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die sich nicht in die Enge eines vorbestimmten Lebens zwingen lassen wollte und mit der Mutterrolle fremdelte, so wie später ihre Tochter.
JUNGE FRAU – der Roman, der Denis Scheck ein „Hoppla!“ entlockte – hat den Familiengeheimnisromans nicht neu erfunden, sondern eine besondere Farbe geschenkt: Alena Schröder schreibt schwungvoll und barrierefrei, aber ihre Texte sind nicht „einfach“ oder gar seicht, sondern machen uns Lesenden das Angebot unkomplizierter Unterhaltung, in der diverse Tiefen ausgelotet werden.
Dieses Talent stellte Alena Schröder 2023 erneut unter Beweis: Sie erzählt in BEI EUCH IST ES IMMER SO UNHEIMLICH STILL eine Geschichte, die zwischen der Vergangenheits- und Gegenwartsebene des ersten Romans angesiedelt ist. Obwohl es starke Nebenfiguren gibt wie eine Tante zum Verlieben und ordentlich Geschichtsballast gewälzt wird, ist dieses Buch ein Kammerspiel, in dem sich Hannahs Mutter Silvia und ihre Großmutter Evelyn umkreisen, verletzen, anstarren … und vielleicht finden?
Die beiden ersten Romane von Alena Schröder über die Frauen der erweiterten Familie Borowski waren Lesehighlights – wird es genau so gut weiter gehen?
Ihrem großen Thema Familie bleibt Alena Schröder auch im abschließenden Band des emotionalen Triptychons treu: Hannah hat ihr Glück in der WG gefunden, in der sie seit sieben Jahren mit ihrer besten Freundin lebt; Männer bleiben nie lange genug, um ihre Zahnbürste ins Badezimmer zu stellen. Aber damit ist nun Schluss, denn Rubi hat sich verliebt und zieht mit Max (diesem Lauch!) von Berlin aufs Land. Und als wäre das nicht schlimm genug, steht plötzlich ein Blumenstrauß auf dem Tisch, mit dem Martin van der Kampen in Hannahs Leben platzt – ihr Vater, den sie weder kennt noch vermisst. Er möchte, dass Hannah Teil seiner Familie wird. Aber braucht Hannah überhaupt eine neue?
Diese Frage stellt sich auf der zweiten Zeitebene für die 14-jährige Marlen auf andere Weise: Nach dem Tod ihrer Mutter findet sie, schutz- und aussichtslos im Güstrow der Nachkriegsjahre, Aufnahme im Haus von Wilma, deren Mann im Krieg verschollen ist; Jon war als Maler erfolgreich, und in diese Fußstapfen will seine Frau treten. Wer davon – und von dem Mädchen, das nun unterm Dachstuhl haust – gar nichts hält ist die alte Burgel, früher Jons Kinderfrau, jetzt Haushälterin, die einen eigenen Blick auf die Welt hat … und deswegen kleine Wunder wirken kann. Aus den drei Frauen wird erst eine Schicksalsgemeinschaft und dann etwas anderes, zumal Wilma merkt, welches Talent Marlen für das Malen hat.
Es ist Bullshit-Bingo zu sagen, dass Alena Schröder alle Register zieht – aber wie soll ich’s ausdrücken, wenn sie’s doch tut? MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL hat zwar einen Titel, der sich zu sehr anbiedert an den Formulierungsreigen von JUNGE FRAU, aber dieser Roman ist – Tusch und Trommelwirbel – ein Genuss, eine Granate und ein Geschenk: Da werden Versöhnungssuppen gekocht und Graffitis gesprüht, es wird mit Friedhofsbesuchen gefremdelt und „hereditäre Netzhautdystrophie“ diagnostiziert; ein Brief mit Antworten wird gefunden und ein anderer geschrieben, um eine Zukunft zu verhindern.
Ein Füllhorn von starken Momenten und Themen
Von all dem erzählt Alena Schröder mit bewährter Leichtigkeit und einer Tiefe, die berührt, ohne dass wir Gefahr laufen, in ihr zu ertrinken. Wobei: Wenn Burgel (man stelle sich nun den Verfasser dieser Zeilen vor, wie er die Hände aufs Herz drückt und „Burgel!“ seufzt) in einem leisen Moment ein Fenster öffnet, dann können Tränen fließen. Die Autorin tippt den Rausch von Farbe, Form und Komposition ebenso an wie die erhabene Stimmung in einer Kirche, sie weiß, wie sie uns mit der Schilderung einer Manipulation auf die Barrikaden treibt … aber auch, wie sie uns mit der Erwähnung von Kartoffelbrei aus der Packung ein warmes Gefühl schenkt. Und zwischendurch gibt es auch etwas zu lachen, wenn ein trockenes „Mülltrennung war schon immer deine Stärke“ zumindest mich Leser von geringem Verstand vor Vergnügen quietschen lässt.
Auch wenn sie es nicht gerne hören wird: Den Vorwurf, dass sie an Männern wenig gute Haare lässt, muss sich Alena Schröder mit diesem Buch gefallen lassen – und gleichzeitig hat mir sehr gefallen, wie sie Hannahs furchtbaren, T-Shirts mit der Aufschrift „This is what a Feminist looks like“ tragenden Mitbewohner dreht, ohne ihn zu verbiegen.
Da ich mich schon als Fan-Boy geoutet habe, kann ich auch sagen, dass ich verblüfft bin, wie man an einigen Stellen die Mechanik des Geschichtenerzählens erkennt, dies den Text aber noch besser macht: So platziert Alena Schröder die Rückblicke auf den ersten Roman zwar plakativ, aber auch elegant – und als Hannah an der Familienaufstellung einer Kollegin teilnimmt, sind ihre Erkenntnisse zwar „auf die Zwölf“, aber wie so vieles im Roman schlau beobachtet, wenn es hier um die Familiendynamiken von Frauen geht, die Mütter sind (und Töchter sowieso):
„Die klare, konturierte Figurenzeichnung vor einem weicher ausgearbeiteten Hintergrund“, wird an einer Stelle Wilmas Bildsprache des sozialistischen Realismus beschrieben, „der besondere Fokus auf die Augenpartie und den Blick der Figuren, der dem Betrachter immer und überallhin zu folgen schien“; fast könnte man denken, Alena Schröder habe so ihre eigene Herangehensweise kommentiert.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um meine große Begeisterung für Alena Schröders Schreiben auf den Punkt zu bringen
Ein Buch in einem Satz zusammenzufassen ist unmöglich – auch wenn sich dieser anbieten würde (zumal da auch wieder meine Lieblingsfigur vorkommt): „Burgel lag in ihrem Bett und starrte ins Dunkel, in den magischen Spalt zwischen Hier und Dort.“ Das könnte man in Leuchtbuchstaben über diesen Roman schreiben, der für mich eine besondere Strahlkraft hat … und auch in den Momenten rührt, die strenge Kritiker*innen vermutlich lieber überlesen (beispielsweise, wenn Marlen in der Maserung von Holztüren Schutzgeister erkennt, die gerade noch im Wald gelebt haben und bald schon über Schweine in ihren Ställen wachen werden).
Vielleicht bietet es sich an, hier noch zu erwähnen, dass im Roman zwei Liebesgeschichten angerissen (aber zum Glück nicht auserzählt) werden – und es gibt ein Wiedersehen mit dem titelgebenden Gemälde des ersten Romans. Wie Alena Schröder (die angeblich nichts davon hält, Botschaften in Bücher zu packen) damit umgeht, begeistert mich, weil sie so doch einiges sagt über Verlust und Weitermachen. „Tut mir leid“, lässt sie Marlen ganz am Anfang von MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL denken, „ich mach’s wieder gut. Ich repariere dich.“
Die Welt da draußen, sie wird immer verrückter. Und Bücher helfen da leider auch nur bedingt. Aber dieses hier, von dem habe ich mich repariert gefühlt.
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Alena Schröder: MEIN GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL. dtv, 2026.


Schreibe einen Kommentar