Mit DIE RIESINNEN schlägt Hannah Häffner ein neues Kapitel im Genre des Heimatromans auf – und beglückt ihre Leser*innen mit einem Roman, der virtuos auf der breiten Klaviatur von „U“- und „E“-Literatur spielt.
„Wer nur im Guten erinnert wird, ist tot. Wer mit all seinen Fehlern bleibt, ist lebendig.“
Dieses Buch ist wie ein Stück Borke, trocken, auf faszinierende Art rissig, man möchte es in der Hand halten, seine Oberfläche spüren und erahnen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Mit gleicher Überzeugung kann ich aber auch festhalten: Dieses Buch ist wie ein warmer, dunkler Schokoladenpudding mit einer leichten, auf genau richtige Art beißenden Chili-Note. Wie geht das zusammen? Wir gehen rein! (Zum Geleit sei gesagt: Obwohl ich Spoiler vermeide, streife ich Dinge, die in der Mitte und gegen Ende des Romans passieren.)
Nicht jede ist gemacht für die Schwarzwald, für ein Leben im Dorf, in dem bei Unwettern Wind und Regen so unbarmherzig gegen die Häuser schlagen wie sonst der Dorfklatsch gegen die Menschen. Aber Liese, groß, dürr, schicksalsergeben gegen das eine wie das andere, gehört trotzdem hier hin, kann sich nicht vorstellen, anderswo zu sein. Und jetzt ist sie schwanger, von einem Mann, den sie geheiratet hat, weil man das eben tut. Bernhard, der immer nach seiner Arbeit in der Schlachterei riecht, fragt sie, ob das gut ist, dass sie ein Kind bekommen. Und Liese sagt ja, noch ohne zu wissen, was dies bedeuten wird.
In ihrem Roman DIE RIESINNEN schlägt die Autorin Hannah Häffner den Bogen vom Jahr 1963 in die Gegenwart und erzählt von drei Generationen einer Familie, die sich den Körperbau teilen, die roten Locken und eine gewisse Bockigkeit, die es ihnen nicht immer leicht macht im Leben, aber uns Lesende umso mehr begeistert:
Liese, die nach dem frühen Tod ihres Mannes gegen den Wiederstand ihrer Schwiegereltern und der Belegschaft den Familienbetrieb übernimmt; ihre Tochter Clara, die den Ausbruch aus der Enge der Schwarzwaldsenke wagt, aber nach flirrenden Monaten zurückkehrt, mit gestutzten Flügeln, bis sie eine Idee hat, die verrückt zu sein scheint; und schließlich Eva, die in manchem anders ist als ihre Mutter und Großmutter, der es leicht fällt, mit Menschen umzugehen, aber für ihr Glück auch Einsamkeit braucht.
Große Themen in einem Buch, auf das wir alle gewartet haben, ohne es zu wissen: DIE RIESINNEN von Hannah Häffner ist ein berauschendes Unterhaltungserlebnis!
Wenn ich DIE RIESINNEN als modernen Heimatroman bezeichne, soll das kein despektierlicher Verweis auf alte Groschenromane sein, sondern wirklich meine staunende Bewunderung zum Ausdruck bringen – denn eigentlich begeistern mich Geschichten, in denen eine schicksalsgegebene Verbindung zur „Scholle“ mitschwingt, weniger. Und ich habe vielleicht auch ein paar Geschichten zu viel gelesen, in denen die Böswilligkeit des Dorftratschs das Feuer ist, in dem Heldinnen geschmiedet werden. Aber hier funktioniert das alles ganz hervorragend, sowohl Ortsverbundenheit als auch Kleinbürgerhass, und bietet einen ausgewogenen Hintergrund, vor dem Häffners Frauenfiguren sich entfalten können.
Wie bekommt die Autorin das hin, dass ihr Text manchmal fast karg wirkt und dabei doch immer schwelgerisch ist, kantig und glatt, uns Lesende in eine gewisse Ehrfurcht versetzt vor all dem Schweren und Traurigen, und uns gleichzeitig beim Lesen immer wieder ein Gefühl von Schwerelosigkeit schenkt? Im Lauf der 409 Seiten habe ich mich immer wieder zu ermahnen versucht: Schau genauer hin, sei analytischer in Hinblick auf die Konstruktion, da kannst du jede Menge lernen – und dann ging es eben doch nicht, weil ich mich zu sehr (und zu gerne!) habe mitreißen lassen von diesem in seiner Stillheit reißenden Erzählfluss. Beispielsweise, wenn es um das Verhältnis zwischen den drei Frauen geht:
„‚Es tut mir leid, dass ich gegangen bin‘, sagt Cora schließlich. – ‚Leid tun einem nur die Sachen, die man nicht wieder tun würd.‘ So unendlich müde sieht die Mama aus. ‚Und? Würdest du’s wieder tun?‘ – Sie soll nicht lügen. Sie lügt nicht. ‚Ich würd es wieder tun.‘
‚Dann entschuldige dich nicht.‘
Oder wenn die Autorin zwei Nebenfiguren, die wenig Zeilen im Buch haben und doch viel spürbaren Raum in der Geschichte, scheinbar ganz nebenbei so charakterisiert, dass man sie sich liebend gerne vorstellt:
„Der Fischel [von dem wir an anderer Stelle schon erfahren haben, dass er bei der Arbeit viel stöhnt und schwitzt] schwebt in seine Küche zurück, ein Stückchen höher noch als auf Zehenspitzen, er braucht das Lob, wie alle Köche, sonst fällt er vom Fleisch. – Esther kümmert sich um den Service und darum, dass keiner denkt, dass er was Besseres sei. Sie ist wie von Zauberhand auf eine ihrer Annoncen erschienen. Mittelgroß und bebrillt, ein strenger Zopf, dazu ein im schönsten Polnisch gefärbter Singsang, der einem im selben Atemzug Angst und Hoffnung machen kann.“
Und vielleicht gehört diese Stelle zu meinen liebsten im ganzen Buch, wenn wir hoffen, dass das, was sich entwickelt zwischen Cora und einem Mann, von Bestand sein wird:
„Für eine Weile fühlt es sich gut an, das zwischen ihnen. Verliebt ist sie nicht, aber sie mag den Ludwig. Mag seine grauen Locken, die drahtig sind wie ihre roten, und dass er die Dinge meistens pragmatisch sieht. Wenn sie bei ihm in der kleinen Küche sitzen und reden, sie mit den Füßen auf seinem Schoß, sein Hemd offen und die Ärmel aufgerollt, dann ist es ganz vertraut, genau so, dass sie es noch ertragen kann. – Es ist gut, wie es ist, auch wenn der Ludwig sich manchmal Mühe gibt, alles zu ruinieren. ‚Was ist das, mit uns?‘, fragt er.
Cora sagt: ‚Ich weiß es nicht. Muss es denn etwas sein?‘
Anscheinend schon.“
Hat Hannah Häffner das Buch der Stunde geschrieben? In einer Zeit, in der es jeden Tag schreckliche Nachrichten gibt und sich Politiker*innen öffentlich an die Gurgel gehen, ist DIE RIESINNEN Trostpflaster, Eskapismus und liebevolles Schmirgelpapier zugleich.
Wollte ich Kritik üben an DIE RIESINNEN, dann vielleicht, dass die Autorin mit Ludwig und Johannes, einer anderen Figur, der wir später begegnen werden, in meiner Wahrnehmung nicht sorgsam umgeht, was umso mehr erstaunt, weil sie sogar Lieses Ehemann („Manchmal vermisst sie Bernhard. Nicht ihn selbst, sondern um ihn herumzuleben, wie um einen Steinbruch mit Geländer. Jetzt ist da so viel Platz, fast zu viel.“) zwar keine Absolution erteilt, aber uns zeigt, wie stark er Opfer einer Familiendynamik ist – am Ende sogar noch einmal mehr als am Anfang. Ich bin nicht einmal sicher, ob der Roman Johannes, seine Familie und die Frage nach Privilegien und Klassismus wirklich braucht; für eine Geschichte, die zu 98 Prozent so herrlich ungezügelt daherkommt, scheint mir das ein zu gewolltes und „braves“ Abhaken eines gesellschaftsrelevanten Punkts zu sein.
Andererseits steht es natürlich auch im direkten Zusammenhang mit dem großen Thema des Buchs, seiner modernen Heimatromanigkeit – und der Frage, wie Wurzeln unser ganzes Leben bestimmten. Ganz egal, ob wir uns mit ihnen wohlfühlen oder wir uns von ihnen lösen wollen, sie sind da: am Ort unseres Aufwachsens und durch die Menschen, die uns dabei begleitet haben. Über dieses Thema kann man große Abhandlungen schreiben; umso verblüffter war ich, als ich las, wie Hannah Häffner das Thema mit erzählerischer Lässigkeit in einem Nebensatz abhakt:
„Was ist falsch an Wurzeln? Sie halten dich, das ist es, das ist ihr Fehler und das einzig Sinnvolle, was sie tun.“
Überhaupt: Was ich besonders mag an DIE RIESINNEN ist, dass Hannah Häffner vieles, was man als Lebensweisheit nur unzureichend beschreibt, in ihre Geschichte einbaut – bei allem Harten, Eckigen, Traurigen, was das Leben der drei Riessberger-Frauen bestimmt, schenkt die Autorin uns immer wieder kleine, warme Momente, die zumindest mich glücklich haben aufseufzen lassen:
„Es ist ein Vertrauen zwischen Liese und Margret, das dort gar nicht sein dürfte. Alles, was zwischen ihnen steht, zwischen ihnen stehen müsste, scheint nicht wichtig, wie so vieles seine Bedeutung verliert, wenn ein Ende, welcher Form auch immer, naht.“
Und das führt mich nun auch zu einem letzten Zitat, mit dem ich meine Gedankensammlung abschließen und euch DIE RIESINNEN dringend auf die Leseliste schreiben möchte:
„Sie weiß noch, wie es ist, wenn die Blicke in der Haut steckenbleiben. Kennt das Gefühl, wenn man nicht in die Welt passt, als hätte der liebe Gott einen über den Rand hinaus gemalt.“
Autorinnen wie Hannah Häffner, die sich auf diese Kunst verstehen – das Malen über die von ihnen selbst vorgegebenen Linien hinaus –, die sind wirklich ein Geschenk für uns alle.
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Hannah Häffner: DIE RIESINNEN. Penguin, 2026


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