Ist Liebe Privatsache – oder ein politischer Akt, der durch die Regel der Gesellschaft bestimmt wird? Die Autorin Shon Faye hat dazu in ihrem Buch LOVE IN EXILE eine klare Meinung.
„Die geheime Angst vor meiner eigenen Wertlosigkeit bestimmte jeden Aspekt meines Lebens: Freundschaften, Familie, Sexualität und Religion. Diese Furcht lag schon seit meiner Kindheit tief in mir begraben und brach sich Bahn in zerstörerischen, nicht authentischen Versionen jener Liebe, nach der ich mich in Wirklichkeit sehnte: Suchtverhalten und kurzlebige Romanzen, die entweder himmelhochjauchzend und fernab jeder Realität oder unerträglich schmerzhaft und dem Wahnsinn nahe waren – häufig beides zugleich.“
Liebe ist ein Wort, das man selten neutral benutzt, sondern in Großbuchstaben, kursiv, in Anführungs- oder mit Ausrufezeichen. Wenn die Beatles mit einem ihrer größten Hits recht haben und wir wirklich nicht anderes brauchen als „Love, Love, Love“, was sagt das aus über Menschen, die Single sind: Haben die Pech gehabt oder ist es etwas anderes … und vor allem reine Privatsache? Die britische Journalistin Shon Faye findet:
„Wir werden dazu ermutigt, unser Gefühlsleben als apolitisch zu verstehen, als etwas Individuelles, vollkommen Privates. Aber das ist nicht der tatsächliche Stand der Dinge. Unser Innenleben ist im ständigen Austausch mit der Gesellschaft, es ist von kollektiver Bedeutung. Diese Tatsache zu leugnen, sorgt allein dafür, dass all jene, die sich sowieso schon von den geduldeten Narrativen ‚wahrer‘ Liebe entfremdet fühlen, noch stärker ausgeschlossen werden.“
Ist es wichtig, dass wir unsere Vorstellungen von Liebe beständig hinterfragen – so wie viele Pflanzen zurückgeschnitten werden müssen, um frisch austreiben und wachsen zu können?
LOVE IN EXILE hat den Untertitel „Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist“: Shon Faye erzählt in der fließenden Übersetzung von Desz Debreceni und Anne-Sophie Richter von ihren Erlebnissen, von alten – oftmals selbstverletzenden – Vorstellungen von Liebe und dem, was sie bei ihrer Recherche gelernt hat.
„Ich habe die Hoffnung, dass wir uns selbst und gleichzeitig die Gesellschaft wieder in Ordnung bringen können“, schreibt sie. „Mir ist klar geworden, dass uns Verbitterung und Unzufriedenheit in unserem Bemühen um die Liebe nicht weiterbringen. Dieses Buch habe ich geschrieben, weil der Sinn des Lebens darin liegt, Liebe zu erkennen und zu erfahren – egal in welcher Form. Ich hoffe, zeigen zu können, dass der politische wie persönliche Kampf darum, Liebe zu erfahren, eine wunderschöne und notwendige Aufgabe ist trotz der Strapazen, die er mit sich bringt. Schließlich entscheidet der Blütenschnitt darüber, wie viele Früchte ein Baum tragen kann.“
Erzählende Sachbücher zu diesem Thema gibt es viele – was mich neugierig auf dieses gemacht hat: dass die Autorin trans ist und dadurch einen erweiterten Erfahrungsschatz hat. Eins ihrer stets barrierefrei und spannend geschrieben Kapitel dreht sich beispielsweise um das Thema, das für viele Frauen zentrale Bedeutung hat: Mutterschaft. Shon Faye ist froh, diese Rolle nicht einnehmen zu müssen (von „können“ ist nicht die Rede!), obwohl sie auch Auswirkungen auf sie hat:
„Der letztendliche Zerfall unserer Beziehung geschah so abrupt, dass er sich unecht anfühlte. In der einen Minute hetzt du durch Harrods, um seiner Familie ein paar fancy Kekse zu besorgen, die die unterschwellige Botschaft überbringen sollen: ‚Meine aufrichtige Entschuldigung dafür, dass Ihr geliebter Sohn mit mir, einer unfruchtbaren Transsexuellen, zusammen ist.‘ In der nächsten sitzt du mit ihm in der Bar eines Ibis-Hotels, um eine Krisensitzung über die grundlegende Inkompatibilität eurer Leben abzuhalten.“
Die Selbstironie der Autorin geht einher mit zum Teil überraschenden Bezügen, wenn Shon Faye den Bogen schlägt von der Bedeutung der Mutterrolle zur „Jungfrau“ Maria (die laut Dante die „Tochter“ ihres Sohnes war, herrjemine) – und das als Vorlage nimmt, um die Frage anzutippen, ob eine trans Frau rechtlich als Mutter des Kindes gelten darf, das sie zwar nicht zur Welt gebracht, aber gezeugt und/oder großgezogen hat.
Shon Faye schneidet in LOVE IN EXILE viele Themen an
Es geht um die heilige Thérèse von Lisieux und den Geschmack von Salz auf fremder Haut, um das Dating der Autorin, die Frage, was Abhängigkeit ist (und ob diese ähnlich schwer zu definieren ist wie Liebe) und was innige Freundschaft bedeutet: Ist sie die letzte Hoffnung, unsere immer mehr aus dem Ruder laufende Welt zu retten?
„Im Großen und Ganzen finde ich die menschliche Existenz im 21. Jahrhundert zutiefst deprimierend“, gibt Shon Faye zu; immer wieder geht es in LOVE IN EXILE deswegen um die Frage, ob der Liebe, nach der wir suchen oder die wir gefunden zu haben meinen, auch die Silbe „Selbst-“ vorangestellt werden muss. Ist RuPauls Glaubensbekenntnis „If you can’t love yourself, how in the hell are you gonna love somebody else“ zugleich Heilsversprechen und Druckaufbau?
Shon Faye stellt die Frage, wie eine trans Frau über die eigene Sexualität und Körperlichkeit sprechen soll, wenn beides in Teilen der Gesellschaft Widerwillen auslöst, auch wenn laut Pornhub der Begriff „Transgender“ in den USA an dritter Stelle der häufigsten Suchbegriffe steht – und sie mit Männer konfrontiert wird, die sich als „Chaser“ bezeichnen, als „transamor“ oder „skoliosexuell“:
„Ein Begriff, der sich auf einigen Dating-Apps finden lässt, der das Hingezogensein zu trans Personen als eigene sexuelle Orientierung darstellt und auf das griechische ‚skolio‘ zurückgreift, was verbogen bedeutet. Ich persönlich kann mir nichts Heißeres vorstellen, als wenn ein cis Mann sich eines Neologismus bedient, der wörtlich übersetzt ‚Ich ficke gerne verbogene Menschen‘ bedeutet“, schreibt sie – und bindet diesen Gedanken wie folgt ab: „Diese kalkulierte Entmenschlichung von trans Frauen verbirgt [der Chaser] hinter Lobpreisungen, die bis zur Glorifizierung ihrer Körper reichen.“
Das ist vermutlich etwas, was auch Frauen kennen, die nicht trans sind – und vielleicht muss deswegen hier auch noch erwähnt werden, dass LOVE IN EXILE für alle Lesende viele Denkanstöße bietet, nicht nur für jene, die durch die „Queerness“ im Untertitel angesprochen werden.
Wir wollen alle gesehen werden – und welche Rolle spielt dabei die breite Öffentlichkeit?
So ist auch das Thema Repräsentation für alle Menschen wichtig (auch wenn cis Heterosexuelle es natürlich leider haben):
„Es gibt spezifische Gründe, warum ich mich von der Dominanzgesellschaft im Stich gelassen und ausgeschlossen fühle. Wenn ich fernsehe oder ein Buch lese, werde ich nur selten jemandem mit meinen Erfahrungen begegnen, der geschätzt, gewürdigt oder so geliebt wird, wie ich hoffe, geliebt zu werden. […] Das Gefühl der Isolation, das dem Mangel an beständigen Vorbildern für Beziehungen geschuldet ist, die meinen gleichen, fordert eindeutig seinen Tribut.“
Zugegeben, dieser Gedanke ist nicht neu für mich, aber ich finde den Bezug spannend, der später folgt:
„Aus Unterhaltungen mit Freundinnen weiß ich, dass ich mit dem Gefühl, die Verstrickungen von Liebe und Sex nur schwer entwirren zu können, nicht allein bin. Ich entdecke im zeitgenössischen Diskurs nur wenig ehrliches Schreiben über das Sexleben von Heterofrauen. Es überrascht nicht, dass viele von uns Angst haben, etwas Falsches zu sagen, wenn es um Sex und Liebe geht.“
Denn auch dies ist etwas, was wir nicht nur in Kommentarspalten beobachten können: „Eine Frau jedweder Art zu sein, die ihre Sexualität in ihrer Kunst ausdrückt, heißt, jemand zu sein, der sich möglicher Belästigung, Spott und Verachtung aussetzt.“ Man kann hier an Catherine Millet denken, an Charlotte Roche und andere – und sich fragen, warum Frauen, die offen über Sex schreiben, als „skandalös“ oder „mutig“ eingeordnet werden; eventuell lohnt es, in diesem Zusammenhang auch über die Genres New Adult oder Dark Romance nachzudenken?
Wie viel Öffentlichkeit braucht die weibliche Lust? „Wenn sie sich sicher fühlen, geben Frauen bisweilen ihre Liebe zum Schwanz preis, zum Blasen, dazu, gefickt zu werden“, schreibt die Autorin. „Aber in der Öffentlichkeit machen sie dicht. […] Ein schwuler Mann definiert sich zumindest teilweise durch sein eigenes Begehren, während eine heterosexuelle Frau oft durch das Begehren von anderen definiert wird.“
LOVE IN EXILE ist Shon Fayes Versuch, daran etwas zu ändern. Ich stimme ihr nicht immer zu – manches ist für mich zu intellektuell: „Die Vorstellung, dass das heteronormative Paar im Endeffekt eine Privatisierung von Liebe, Zuneigung und Nähe darstellt, welche uns in anderen Teilen der Kultur von einem postfordistischen Kapitalismus durch Vereinzelung und einsame urbane Lebensweisen genommen wird, macht die Tatsache, dass ich keinen Partner habe, etwas leichter zu ertragen.“
Aber ich unterschreibe sofort, was eine der Kernthesen des Buchs ist: Dass es wichtig ist, über Liebe in all ihren Facetten zu sprechen, den guten wie den schlechten, den intimen wie den öffentlichen.
„Denn wenn Liebe etwas Privates ist, tragen wir allein die Schuld an dem Gefühl, nicht geliebt zu werden. Wir vergraben uns in Scham, glauben, keinen Zutritt zum Reich der Liebe zu haben und dass uns nie der Schlüssel zu diesem glücklichen Ort anvertraut wurde, an dem andere in Frieden leben.“
Vielleicht, so könnte man es abschließend fassen, dürfen wir LOVE IN EXILE von Shon Faye als Schlüssel verstehen.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Shon Faye: LOVE IN EXILE – Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist. HanserBlau, 2025.


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