Mirinae Lee erzählt in ihrem großen Roman DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK von 100 Jahren koreanischer Geschichte – und von einer Frau, die uns mitleiden, staunen und begeistert in die Hände klatschen lässt.
„Wenn andere glaubten, es sei ausweglos, hast du immer einen Weg gefunden. Ein winziges Schlupfloch. Einen feinen Riss in der Festungsmauer, den sonst noch niemand entdeckt hatte.“
Schließen sich Grausamkeit und Eleganz aus? Können wir ein Buch ans Herz drücken, obwohl uns die Geschichte eine Ohrfeige nach der anderen versetzt? Dieser Roman fordert etwas von uns, sowohl inhaltlich als auch mit seiner Erzählweise, er schenkt uns aber auch viel … und nach dieser Vorrede: Wir gehen rein!
Im Golden Sunset, dem optimistisch benannten staatliche Pflegeheim in der südkoreanischen Provinz, hat eine Verwaltungsangestellte eine schöne Idee: Sie will die Geschichten der Bewohner*innen aufschreiben, mit ihnen noch einmal zu den wichtigsten Momenten ihres Lebens reisen. Um das Kopfkino in Gang zu setzen, bittet sie die Teilnehmenden, drei Begriffe zu nennen, die ihnen wichtig sind – so erwachen oft lang vergessene Erinnerungen an große und kleine Abenteuer eines ganz normalen Lebens. Doch dann lernt die geduldige Zuhörerin eine alte Dame namens Mook Miran kennen, die auf der Demenzstation lebt, obwohl sie anders als ihre Zimmergenossin keine Spur von Verwirrung zeigt. Und sie braucht keine drei Worte, um sich zu erinnern, sondern beginnt, von ihren acht Leben zu erzählen: Sie war Sklavin und Fluchtkünstlerin, Mörderin und Terroristin, Spionin, Geliebte und Mutter; nur über die achte Selbstzuschreibung schweigt sie sich aus.
Der Titel von Mirinae Lees Roman verspricht acht Leben einer Frau – und die Geschichte ist sogar darüber hinaus vielfältig
Die koreanische Autorin Mirinae Lee, die nach ihrem Studium in den USA heute in Hongkong lebt, hat einen Roman geschrieben, der uns Lesende zu gleichen Teilen beutelt und verwöhnt: DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK erzählt von einem Frauenleben, das von so viel Grausamkeit geprägt ist, dass man keine Sekunde daran zweifelt, dass es genauso tatsächlich passiert sein könnte; gleichzeitig ist es eine Abenteuergeschichte und das Porträt einer Überlebenden. Ihrer Heldin ohne Heiligenschein, deren wahren Namen wir nie erfahren – Mook Miran ist nur eine von vielen Rollen, in die sie geschlüpft ist – erspart Mirinae Lee nichts: Sie wird gejagt, geprügelt und vergewaltigt, sie ist mehr als einmal dem Tode nah. Aber sie überlebt: Weil sie schlau ist, weil sie zäh ist, weil sie das Talent dafür hat, jede noch so vage Chance zu ergreifen. Und während wir staunen und mitleiden, jubeln wir ihr auch zu – nicht nur, aber besonders dann, wenn sie sich rächt.
Auf 331 Seiten, die fließend von Karen Gerwig ins Deutsche übertragen wurden, wird die Geschichte nicht chronologisch oder aus einer Perspektive erzählt: Nach dem Prolog, in dem wir Frau Mook im Golden Sunset durch die Augen der Verwaltungsangestellten kennenlernen, werden wir ins fünfte Leben geworfen, das 1961 an der nordkoreanischen Grenze spielt, wo ein Junge sich in eine „Geisterjungfrau“ verliebt, von der offen bleibt, ob sie eine Verrückte ist oder etwas anderes. Sofort danach finden wir uns im Jahr 1938 wieder und im ersten Leben, das von einem Mädchen erzählt, das heimlich Erde isst, um den feinen Geschmäckern darin nachzuspüren, die in einem so krassen Kontrast stehen zur Brutalität des prügelnden Vaters.
Männliche Abscheulichkeit müssen wir auch im nachfolgenden dritten Leben aushalten, das 1950 spielt und dessen Tragik sich erst in seiner ganzen Bandbreite erschließt, wenn wir das zweite Leben durchgestanden haben, das uns ins Indonesien des Jahres 1942 führt – und in eine Zeit, in der die japanische Armee zwischen 20.000 und 200.000 Koreanerinnen als „Trostfrauen“ in die Prostitution zwang, was 70 Prozent von ihnen nicht überlebten; die sehr weit auseinanderliegende Zahl der Opfer stammt von Wikipedia und lässt ahnen, wie erschütternd groß die Dunkelziffer ist. Und trotzdem gibt es auch in diesem Kapitel kleine Momente der Zartheit, die tief bewegen.
Viel Grausamkeit – und genau so viel Schönheit. Geht das zusammen?
So geschickt und spannend Mirinae Lee ihren Roman strukturiert hat, so gut gewählt sind auch die Perspektiven, aus denen sie die Geschichte erzählt: Zu denen, die bereits genannt wurden, gesellen sich eine Tochter, die sich auf ein riskantes und emotional abgründiges „Spiel“ einlassen wird, ein Amerikaner, der in Südkorea das Richtige tun will, und ein Nordkoreaner, dessen neue Hoffnung eine Enttäuschung sein könnte … oder hat er doch sein Glück gefunden?
„Ihm wird bewusst, dass zur Unehrlichkeit wie zum Liebemachen zwei gehören. Keine Täuschung ist komplett ohne die Person, die getäuscht werden soll. Wie sehr er sich sehnte zu glauben – wie bereitwillig, wie verzweifelt. | Er weiß, was er tun wird. Das, worin er am besten ist – was er immer getan hat und immer tun wird: Er wird warten.“
Mirinae Lees erzählt von einem ganzen Jahrhundert der wechselhaften koreanischen Geschichte, und es bietet sich auch deswegen an, ihr Buch einen Jahrhundertroman zu nennen: Sie führt uns die Grausamkeiten des Krieges vor und die Unmenschlichkeit einer totalitären Diktatur, singt ein tonloses Hohelied auf die Resilienz einer Frau, die manchmal Täterin sein muss, aber nie nur Opfer bleibt, und fächert ein Spektrum männlicher Atrozität vor uns auf, das nur deswegen zu ertragen ist, weil die Autorin ihm zwei ebenfalls männliche Nebenfiguren entgegensetzt, die unser Herz rühren.
Überhaupt, die Nebenfiguren. Zugegeben, die meisten haben in DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK die Rolle des Hintergrundrauschens, und doch sind viele von ihnen für sehr starke Momente verantwortlich, mal direkt, mal indirekt: Die Frau, die nur Ruhe findet, wenn sie einen Plastikedelstein in Händen halten kann, die Menschen, die im Angesicht des Todes ihre Geschichte erzählen – wir wollen sie und viele andere ans Herz drücken und retten. Was mich nun in einer möglicherweise nicht ganz eleganten Kurve zu einer der Kernaussagen des Romans bringt. Zugegeben, in meinen Worten wirkt sie platt: „Aus Gewalt wird immer nur Gewalt entstehen, aber Liebe kann jede noch so tiefsitzende Angst heilen.“ Klingt vermutlich wie eine ausgelutschte Kalenderweisheit? Ist aber, wenn man das Buch zugeklappt hat und einige Tage später noch einmal in Gedanken zu ihm zurückkehrt, etwas, was uns lächeln lässt.
Und was hat es mit der achten Zuschreibung auf sich, die Frau Mook für sich in Anspruch nimmt? Ob sie eine Hochstaplerin ist, wie der Rückseitentext behauptet – und wenn ja: in welchem Kontext –, das will ich an dieser Stelle offen lassen. Zumal Mirinae Lees Leseabenteuer uns vorführt, wie vielschichtig die sogenannte Unwahrheit sein kann: „Nicht alle Lügen sind schlecht. Manchmal ist eine Lüge kein Werkzeug, um andere zu verletzten, sondern nur der Versuch zu überleben. Der Versuch, nicht den Verstand zu verlieren.“ Und so gehört eine kleine Szene, die man im Getöse der Handlung fast zu vergessen droht, vielleicht zu den schönsten – wenn zwei Mädchen gemeinsam von der Schule nach Hause gehen, die beide wissen, dass eine von ihnen lügt, um nicht an der Realität zu zerbrechen:
„Solange die Geschichte dauerte und Mihee von ganzem Herzen zuhörte, war Yeonjoo der glücklichste Mensch auf Erden. In ihrer gemeinsam erfundenen Geschichte waren sie sich nahe.“
Gibt’s nicht irgendetwas zu meckern an DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK von Mirinae Lee?
Ich bin selbst ein wenig verblüfft, dass ich an den 331 Seiten tatsächlich nichts finde, was ich kritisch anmerken möchte – und wenn ich nun andeute, dass ich den Schutzumschlag zu voll und in der Farbgestaltung weniger überzeugend finde, kann ich direkt Applaus für die Gestaltung des Einbands hinterhersetzen.
Arbeitet man sich durch das Verlagsvorschau-Getöse der großen deutschen Verlage für die zweite Jahreshälfte 2025, dann ist DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK aus dem Unionsverlag, der vor 50 Jahren in der Schweiz gegründet wurde und seit ein paar Jahren zu C.H. Beck gehört, vielleicht nicht das Buch, das man automatisch im Scheinwerferlicht des Publikumsinteresses finden wird. Dabei hat es jede Aufmerksamkeit verdient – denn selten habe ich einem Zitat auf der vorderen Umschlagklappe so zugestimmt:
„Ein welt- und zeitumspannendes Meisterwerk. Mirinae Lee ist das Unmögliche gelungen: Aus einem zerrissenen Jahrhundert hat sie einen Roman von ungeheurer Schönheit und Spannung gewoben.“
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern das Leseexemplar vom Verlag geschickt bekommen. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Mirinae Lee: DIE ACHT LEBEN DER FRAU MOOK. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. Unionsverlag, 2025


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