In seiner posthum veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung WATERFRONT JOURNALS erzählt der Künstler David Wojnarowicz von Männern, Frauen, Teenagern, die mitten in ihren eigenen Leben stehen – und am sogenannten Rand der Gesellschaft.

„Meine Augen sind schon immer Reklametafeln für einen frühen Tod gewesen.“

Nachts um drei an einem verregneten Heiligabend offenbart ein Mann, dass er davon träumt, zu schlagen und geschlagen zu werden, um Widerstand zu spüren – und so eine Form von Nähe, die er begreifen und zulassen kann. In einem Automatenrestaurant an der 42. Straße lässt ein Junge uns daran teilhaben, wie nah Todesangst und Erregung beieinander liegen können. Ein anderer junger Mann ist davon überzeugt, ein versprengtes Mitglied des britischen Königshauses zu sein; irgendwann hat er alles verbrannt, was er je geschrieben hat, weil er befürchtet, dass „die da oben“ sonst etwas über ihn herausfinden. Und dann gibt es da noch die Frau in einem Coffee Shop auf der Lower East Side:

„Wenn ich die Straßen langgehe, wünsche ich mir manchmal, meine Fingernägel würden wachsen und so lang und hart werden, dass ich damit Furchen im Beton machen kann“, vertraut sie uns an, „oder durch totale Konzentration bewirken, dass alle Scheiben auf einmal platzen und auf die Straße regnen oder dass der Rauch wieder in den Zigaretten verschwindet wie bei einem rückwärts abgespielten Film oder dass die Straße aufbrechen wie bei einem Erdbeben.“

David Wojnarowicz war ein Mensch, der in seiner Kunst Extreme zeigte – weil er sie selbst erlebt hat

Der Künstler David Wojnarowicz (1954–1992) war fasziniert von Lebensgeschichten, die sonst übersehen werden. Er nannte die Menschen, die er porträtierte, „kleine Brandherde in der gesellschaftlichen Landschaft“ – und zählte sich vermutlich selbst dazu: Aufgewachsen in einem gewalttätigen Elternhaus, musste er einige Jahre als obdachloser Stricher überleben. Später trampte er durch Amerika, verbrachte einige Zeit in Paris und kehrte 1979 nach New York zurück, eine Stadt, die noch nicht war, wie wir sie heute kennen.

„Wie so oft war die hohe Kriminalität aber auch eine große Chance für eine florierende Subkultur“, schreibt Isabella Caldart in einem lesenswerten Artikel auf 54books über David Wojnarowicz und zitiert Alan Barrows, seinen ersten Galleristen: ‚Ein Großteil des East Village stand leer und verfiel. Junge Künstler und andere Kulturschaffende, Musiker und so weiter, zogen dorthin, weil es im Vergleich zu anderen Vierteln in New York unglaublich billig war.‘ Diese Subkultur hat gleich mehrere Superstars hervorgebracht wie Madonna, Keith Haring (mit dem Wojnarowicz in der Disco Danceteria arbeitete), RuPaul.“

In WATERFRONT JOURNALS gibt David Wojnarowicz – in der deutschen Übersetzung von Markus Gärtner – jenen namenlosen Menschen eine Stimme, denen er bei seinen Streifzügen durch meist nächtliche Städte begegnet. „Ich hatte viel richtig guten Sex im Knast“, erinnert sich ein Mann, dem man ein abgeklärtes Lächeln anzuhören meint, „ständig lief mir einer hinterher und versuchte mich zu überreden, den Daddy, mit dem ich grad was hatte, in den Wind zu schießen und mit ihm was anzufangen … einmal hatte ich auch zwei gleichzeitig. Der eine sah echt gut aus, hatte nur eben eine Frontallobotomie gehabt.“

Wer ein heiteres Buch sucht, wird hier nicht fündig werden …

Die Selbstironie dieses ersten von über vierzig kurzen Texten wird sich selten wiederholen: Es sind Momentaufnahmen aus dem Alltag von Überlebenden, und es ist herausfordernd, wie eng Sexarbeit und Gewalt und Fatalismus und Lust und Angst hier zu etwas verschweißt sind, was kalt ist, in vielerlei Hinsicht unschön … und doch manchmal wirkt wie Heldengeschichten aus archaischen Zeiten. Aber obwohl manchmal so etwas wie Hoffnung durchschimmert, lässt David Wojnarowicz keinen Zweifel daran, wer das grausamste Raubtier ist:

„Ganz schlimm war das, er schwitzte schon stark und hatte Schmerzen“, gesteht ein Mann in Mickey’s Diner morgens um halb drei:„Ich hab ihn gefragt: Wie dringend brauchst du das Geld? Dringend genug, dass du dich umdrehst? Er fing an zu weinen, drehte sich aber um, und ich habs dann gemacht, ich hab ihn gefickt – ihm auch dreißig extra gegeben, weil ich so verdammte Schuldgefühle hatte. Ich weiß wirklich nicht, was man da sagen soll … ich weiß nicht, warum ich das gemacht hab …“

Es gibt ganz leise Momente, wenn ein Mann in einer Pizzeria auf der 33. Straße berichtet, dass er – vielleicht – die Chance hätte, in den Armen eines anderen Menschen so etwas wie Glück zu finden … aber davor zurückschreckt. Und dann berichtet ein anderer Mann, wie er beim Cruisen Zeuge eines Mordes wurde: Die Welt, die wir in WATERFRONT JOURNALS kennenlernen, ist keine schöne.

Das Foto zeigt die deutsche Hardcover-Ausgabe von „WATERFRONT JOURNALS“ von David Wojnarowicz, die im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem feuchten Gully-Deckel.

Dem Suhrkamp Verlag ist zu danken, weil er die WATERFRONT JOURNALS ins Programm genommen hat – reichlich rätselhaft bleibt, warum man dem Buch ein wenig erleuchtendes Nachwort von Philip Hoare beigefügt hat, während verschiedene amerikanische Ausgaben Texte von Tony Kushner oder Olivia Laing enthielten oder ein kurzes Vorwort der Filmemacherin und Herausgeberin Amy Scholder, die sich erinnert, wie David Wojnarowicz ihr 1989 einige dieser kurzen Monologe schickte: „I wrote this over the last thirteen or fourteen years. It’s all true“, schrieb er dazu, wandte sich dann aber anderen Projekten zu.

WATERFRONT JOURNALS erschien erst 1996, vier Jahre nach dem Tod von David Wojnarowicz. Der letzte und längste Text, „Aus dem Tagebuch eines Wolfsjungen“, wird als autofiktional gewertet – tatsächlich schlägt der Autor darin eine andere Saite an:

„Als wir beide gekommen waren, ließ er sich rücklings gegen die Wand fallen, die Arme seitwärts ausgestreckt, als hätte man ihn gekreuzigt, trunken von den letzten rauschhaften Momenten, wie der von den langschäftigen Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian, und seine Silhouette wurde vor dem bewölkten Nachthimmel sichtbar, der in dem Moment ausriss und Mond und Sterne offenbarte.“

Warum sollte man sich auf ein Buch wie WATERFRONT JOURNALS einlassen?

Liest man WATERFRONT JOURNALS – oder setzt man sich ihm aus? Beides ist wahr, beides lohnt sehr. „In den letzten Jahren hat sich ein Glamour über Downtown gelegt, Teil einer Nostalgie für das schmutzige, gefährliche New York vor der Gentrifizierung“, schreibt Olivia Laing in ihrem Begleittext zu WATERFRONT JOURNALS, den ich dank Isabella Caldart lesen konnte. „Künstler, deren Tod [durch AIDS] einst stigmatisiert wurden, sind zu charismatischen Protagonisten von Büchern, Dokumentarfilmen und großen Museumsausstellungen geworden.“

Laing besucht die zur Universität von New York gehörende Fales Library, wo Unterlagen von Autor- und Künstler*innen wie Dennis Cooper, Jerome Charyn, E.L. Doctorow oder über die feministische Riot Grrrl-Bewegung gesammelt werden. „In konventionellen Begriffen ist ein Archiv nichts weiter als ein durchsuchbarer Speicher historischer Dokumente, ein neutraler Aufbewahrungsort für Primärquellen“, erzählt Laing über ihre Begegnung mit dem Chef der Fales Library. „Aber Marvin Taylor glaubte, dass es auch ein Zufluchtsort oder ein Save House sein kann; eine Form des Zeugnisablegens, ein Akt politischen Widerstands, ja sogar ein Beatmungsgerät.“

Wie mag es sich anfühlen, solche Texte wie die in WATERFRONT JOURNALS zu schreiben? Auf der Homepage der David Wojnarowicz Foundation wird die Fotografin Nan Goldin zitiert:

„Ich habe von David gelernt, keine Kompromisse einzugehen. Bei ihm gab es keine Unterscheidung zwischen Werk und Leben, das gilt besonders für sein Schreiben. Er hat sein Innerstes nach außen gestülpt. David hatte keine Schutzmechanismen; er hat alles gefühlt.“

Diese Form von Wahrhaftigkeit macht WATERFRONT JOURNALS zu einem Erlebnis. Das Kaputte und Zerrissene – vor allem aber die Freiheit, die sich dort findet, wo niemand versucht, einen Weichzeichner über das zu stülpen, was die Allgemeinheit sonst nicht sehen möchte – haben David Wojnarowicz geprägt. Mit seinen literarischen Mitschriften legt er Zeugnis ab, für andere, aber natürlich auch für sich. Es ist ein politischer Akt und einer, der zutiefst menschlich ist, denn wer andere mit seinem Schmerz, seiner Traurigkeit, seiner Hilflosigkeit konfrontiert, der fordert: „Sieh mich an!“ Umso mehr berührt es zu lesen, was David Wojnarowicz später festhielt:

„Der Moment meiner Diagnose war der, an dem ich mich von dem Verlangen verabschiedete, dazu zu gehören, und ich verstand, dass das, was mich nicht dazugehören ließ und mich von anderen unterschied, das Interessanteste an mir war.“

Das Foto zeigt die deutsche Hardcover-Ausgabe von „WATERFRONT JOURNALS“ von David Wojnarowicz, die im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch wird von einer Hand vor ein mit Graffiti-besprühtes Falttor gehalten.

Für den Mainstream ist David Wojnarowicz vermutlich heute ein Unbekannter – umso mehr lohnt es, ihn wiederzuentdecken!

Die Literatur ist voll von Stimmen, die aus einer realen oder angenommenen Außenseiterposition heraus von Heldenreisen erzählen. Dieser Versuchung erliegt David Wojnarowicz weder in seinen Schlaglicht-Mitschriften noch, wenn er das „Tagebuch eines Wolfsjungen“ in sein Notizbuch schrieb. In der Version, die wir heute in WATERFRONT JOURNALS lesen, finden wir diesen Absatz:

„Der Tod war ein Schmutzfleck in der Ferne. Ich weiß nicht genau, was ich damit meine, aber manchmal war alles, was ich wollte, mich in meinem Kopf in eine Wiege aus Armen legen. Manchmal fragte ich mich, von welchem Planeten ich gestürzt bin, welcher fremde Leib mich geboren hat. Dieser ganze Scheiß tut weh, es ist, als wäre man auf einem Floß, ganz allein auf offener See. Ich wedle mit den Händen vor meinem Gesicht. Ich weiß doch, dass ich unsichtbar bin, warum sind meine Gedanken grauenhaft laut? […] Ich bin es so satt, mich erschöpft und fremd zu fühlen, sogar meine Träume kommen mir dumm vor. Sie gehören in eine andere Welt, ein anderes Jahrhundert, vielleicht zu einem anderen Geschlecht, das in dieses ganz beschissene Regelwerk hineinpasst, keine Ahnung.“

David Wojnarowicz starb am 22. Juli 1992 an den Folgen von AIDS; er wurde 37 Jahre alt. ich entschuldige mich für den folgenden Pathos, aber: WATERFRONT JOURNALS bedeutet, ihn anzusehen, um zu zeigen, dass er sehr wohl und natürlich dazu gehört.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

David Wojnarowicz: WATERFRONT JOURNALS. Aus dem amerikanischen Englisch von Markus Gärtner. Suhrkamp, 2025.