Mit Schwung und unbeschwertem Tiefgang schreibt Bianca Nawrath in SCHÖNE SCHAM über einen Wochenendausflug, der das Potenzial zum Horrortrip hat.

„‚Kuchen klingt super!‘ Kata reibt sich die Hände. Im nächsten Moment zischt sie mir heimlich zu, ich solle einen Gang runterfahren und auch andere am Tisch zu Wort kommen lassen. Ich öffne den Mund, um zu widersprechen, und schließe ihn gleich darauf wieder. Zum Dampfablassen summe ich leise den Song ‚Schmetterling‘ von ‚Team Scheiße‘ vor mich hin. ‚Deine Probleme sich nicht meine Probleme. Ich bin ein fucking Schmetterling. Flatter, flatter, flapp, flapp.‘“

Ein Haus, fünf Menschen und die Vorfreude auf ein paar entspannte Tage an der Ostsee, die sich nicht erfüllen soll: Davon erzählt Bianca Nawrath in SCHÖNE SCHAM, schont ihr Ensemble dabei nicht und liefert die perfekte Vorlage für einen Film in der Tradition von „Der Vorname“ oder „Das perfekte Geheimnis“. Aber funktioniert ihr schnell getaktetes Zeitgeist-Gruppenbild – in dem die Autorin auch der wichtigen Frage nachgeht, wie lange man eine ungute Beziehung beobachten darf, bevor man sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig macht – auch als Roman?

Kata, die Gastgeberin, ist mit dem sympathischen Lenny zusammen, der für ihren Geschmack zwar etwas zu verstrahlt ist, aber gerade deswegen liebt sie ihn auf eine – sagen wir mal – entspannte Art: Sie mag es, im Film ihres Lebens die Hauptdarstellerin zu sein und einen verlässlichen Co-Star zu haben. Ganz große Gefühle beschwört dagegen der alerte Christian, wenn es um seine bildschöne Freundin Amalia geht, die er zum Start ins Wochenende mit einer Wagenladung Blumen überrascht – besser gesagt: überrollt.

Die beiden Paare sind gut aufeinander eingespielt, aber diesmal ist auch Ola dabei, Katas Cousine, bisexuell, meinungsstark, laut … und vom ersten Moment an auf Konfrontationskurs mit Christian, auch wenn sie laut eigener Aussage keinen Bock hat, als „die Anstrengende“ zu gelten.

„Sie hat Christians Ego aufgebrochen wie eine Orange. Mit bloßen Händen. Erst die glatte, gespannte Oberfläche, dann das plötzliche Nachgeben, wenn die Schale sich löst und darunter die raue, verletzte Schicht zum Vorschein kommt“, erfahren wir dazu. Und: „Christian ist nicht zum ersten Mal lauter geworden, wenn andere dabei waren. Normalerweise funktioniert es, ihm mit gemeinsamen Lachern eine Brücke zu bauen, raus aus der verfahrenen Situation seiner kindlichen Aggression. Und ist nicht jeder manchmal süchtig nach dem eigenen inneren Drama?“

Es sind solche Sätze wie der hier zuletzt zitierte, die ihren möglichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit meiner Meinung nach sehr erfüllen. Oder sieht das hier jemand anders?

Wer intensive Figuren erleben möchte, darf manchmal keine Angst vor grellen Farben haben

SCHÖNE SCHAM ist ein schnelles Lesevergnügen, das in kurzen Kapiteln abwechselnd aus der Perspektive der drei Frauen erzählt wird, was ebenso für Spannung sorgt wie die sich aufbauenden Konflikte im Haus. Kata, Ola und Amalia sind der Autorin sehr gut gelungen, was man von Christian vielleicht nach nur eingeschränkt behaupten kann – hier hat Bianca Nawrath für mein Gefühl zu sehr in die Klischee-Kiste gegriffen, um einen zum Toxischen tendierenden „Alpha-Mann“ als Reibungspunkt sowohl für Ola als auch uns Lesende aufzubauen.

SCHÖNE SCHAM erzählt vom Wunsch nach Bindung und Halt, tippt das Thema Klassismus und weibliches Empowerment an, zeigt aber vor allem, wie Eltern die Verhaltensmuster ihrer Kinder auch im Erwachsenenalter bestimmen. Auf die eine oder andere Art sind sämtliche Figuren versehrt und an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, zu dem es eine Veränderung braucht, besser noch: eine Verwandlung. Was aber nicht der einzige Grund ist, warum ein Schmetterling den Umschlag ziert.

SCHÖNE SCHAM von Bianca Nawrath wurde von den Autor*innen Sophia Fritz, Judith Poznan und Anton Weil gefeiert – man hätte dem Roman aber etwas weniger Konfettikanone im eigentlichen Werbetext gewünscht …

„Mit zugespitzten Dialogen, psychologischer Spannung und glaubhaften Figuren hinterfragt Bianca Nawrath traditionelle Machtstrukturen“, hängt der Klappentext die Latte hoch, „und führt ihre Leser*innen über viele oftmals hochamüsante Umwege zu der Erkenntnis, wie wertvoll weibliche Solidarität ist.“ Mein erster Gedanke: Ist das der Text, mit dem die Agentur das Projekt vorgestellt hat – oder hat der Verlag so wenig Vertrauen ins Publikum, dass er die Leseerfahrung und das zu erreichende Ergebnis direkt vorgeben möchte, als würde der Roman nicht in der Frankfurter Verlagsanstalt erscheinen, sondern in einem der Romance-Labels, bei denen die „Tropes“ als Verkaufsargument nach vorne gestellt werden?

SCHÖNE SCHAM ist ein Roman, der bei mir den Eindruck hinterlässt, dass er sehr viel aussagen soll – und deswegen nicht davor zurückschreckt, mit der Brechstange zu arbeiten: sei es, wenn es um die bereits erwähnte Ausgestaltung von Christian geht (inklusive dessen Backstory), oder wenn das Entsetzen von Kata über etwas, was Lenny ihr verschwiegen hat, fast schon existenziell ausfällt. Die „hochamüsanten Umwege“ muss ich verpasst haben – vermutlich ist damit nicht das zumindest auf mich etwas bemühte Einbauen eines Hildegard-von-Bingen-Buchs gemeint? Und der sehr dramatische Showdown sicher auch nicht.

Bianca Nawrath schreibt mit Schwung und deutlichem Vergnügen daran, es ihren Figuren nicht leicht zu machen, ohne dabei aber zu versuchen, die zu ertragende Schmerzgrenze ihrer Leser*innen auszureizen. Noch dazu hat der Text eine filmische Qualität, die mir nachhaltiger im Gedächtnis bleiben wird als die Aufarbeitung der großen Themen (wir erinnern uns: Machtstrukturen! Weibliche Solidarität!) – denn darüber gibt es meiner Meinung nach intensivere Bücher.

Jede Generation braucht Bücher wie SCHÖNE SCHAM

Was nun bitte nicht als negative Einschätzung missverstanden wird: Ich habe die 252 Seiten sehr gerne gelesen und bedauere fast, nicht mehr zur Zielgruppe zu gehören, denn für die bin ich wohl 20 Jahre zu alt. Daran mag es auch liegen, dass ich nicht „hochamüsiert“ bin, wenn die Autorin zur Auflösung eines intensiven emotionalen Moments – in dessen Folge die Aussprache ein wenig feuchter geworden ist – eine ihrer Figuren sagen lässt:

„Ich weiche zurück, um meine mit überteuerter Gesichtscreme pickelfrei gepflegte Haut zu retten.“

Meint: Mit Ende 20, Mitte 30 hätte ich SCHÖNE SCHAM sicher begeistert(er) gelesen, mit mehr Identifikation … und vielleicht eben auch mit der (heute für mich nicht mehr neuen) Erkenntnis, wie wichtig Solidarität ist. Und dass man auch in Freundschaften immer hinschauen sollte, statt zugunsten des Gruppenfriedens wegzusehen.

Florian David Fitz und Emilia Schüle sind vermutlich leider zu alt, um Hauptrollen in einer Verfilmung von SCHÖNE SCHAM zu übernehmen? Es würde mich trotzdem nicht wundern, wenn die Geschichte in ein paar Jahren mit Starbesetzung seine Kino- oder Streaming-Premiere feiert. Und während ich jetzt – weil sehr neugierig geworden – überlege, ob ich mir zeitnah einen Backlist-Titel von Bianca Nawrath besorge, freue ich mich auf alles, was wir von dieser Autorin noch erwarten dürfen.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Bianca Nawrath: SCHÖNE SCHAM. Frankfurter Verlagsanstalt, 2025.