Man darf sich von dem belanglos vor sich hinleuchtenden Umschlag nicht täuschen lassen: Mit VERLORENE SCHÄFCHEN hat Madeline Cash einen rasant humorvollen Familienroman geschrieben – mit Figuren, die man in den Arm nehmen möchte, obwohl man sie auch schütteln könnte.
„Jedes Paar zehrt von einem Mythos, einer Ursprungslegende, und bei Bud und Catherine handelte dieses Märchen von Jugendliebe und Rebellion. Catherine wusste nicht, wann der Zauber aufgehört hatte, aber als es so weit war, fühlte es sich an, als träten sie aus dem dunklen Kinosaal ins grelle Tageslicht.“
Als Bud und Catherine sich kennenlernen, liegt das Leben wie ein Abenteuer vor ihnen: Er macht Musik, sie fotografiert, und verliebt, wie sie sind, vögeln sie sich einmal quer durch die Kleinstadt. Aber das ist viele Jahre her – und drei Kinder noch dazu. Inzwischen sind die künstlerischen Ambitionen begraben und das Haus versinkt im Chaos, Catherine träumt von einer Affäre mit dem Nachbarn … und Bud? Der googelt auf dem Familienrechner nach den besten Selbstmordmethoden, was zumindest eine der Töchter beunruhigt.
Drei Schwestern zum Verlieben
Die Flynn-Schwestern, die sich eher staunend beäugen als liebevoll umarmen, sind eine Nummer für sich – genauer gesagt: drei Nummern, jede auf eigene Art besonders. Da ist Abigail, die älteste und schönste, die gemeinsam mit ihrer besten Freundin Tibet fragwürdige Drogen nimmt und sich frisch verliebt hat in einen Mann, der ihr ein Gefühl von Sicherheit schenkt, auch wenn er den wenig vertrauenserweckenden Spitznamen „Kriegsverbrecher-Wes“ trägt.
Ihre jüngste Schwester Harper ist hochintelligent – was auch deswegen zur Herausforderung wird, weil die Welt um sie herum es nicht ist:
„Wie die Kinderpsychologin sagte, hatte Harper kein Problem mit Kommunikation. Sie war eine Meisterin. Vielleicht konnte sie lernen, mit Tieren zu sprechen, mit den Elementen zu sprechen, und eines Tages sogar mit Gott. Ihre privaten Studien nahmen sie ganz in Anspruch. Sie hatte keine Zeit mehr für die achte Klasse, deshalb erschien sie nicht mehr zum Unterricht. Als ihre Lehrerin eine Entschuldigung verlangte, schrieb sie ‚Schulbildung ist ein System aufgezwungener Ignoranz‘, wofür sie vorübergehend suspendiert wurde.
‚Es ist paradox‘, sagte Harper zur Schulsozialarbeiterin, ‚dass die Strafe fürs Nicht-zur-Schule-Gehen ist, nicht zur Schule zu gehen.‘
‚Wie fühlst du dich dabei?‘, fragte die Sozialarbeiterin. Mehr durfte sie mit ihrer Qualifikation nicht fragen.
‚Vollkommen unverstanden‘, sagte Harper. Was auch paradox war, denn sie sprach sieben Sprachen.“
Wenn Harper sich die Zeit nicht damit vertreibt, den tauben Kindern an ihrer Schule das Pokern und vermutlich Abzocken anderer beizubringen, steckt sie ihre Nase in Dinge, die sie nichts angehen. Und weil sie deswegen – möglicherweise folgerichtig – die ein oder andere Verschwörungstheorie entwickelt, landet sie in einem Erziehungscamp, wo sie aber immerhin aufgrund der Mangelernährung den späten Babyspeck verliert.
Und Louise, die mittlere Schwester? Ist nicht so hübsch wie Abigail, nicht so verrückt wie Harper. Oder vielleicht doch? Immerhin rechnet sie sich Chancen aus, beim Schönheits- und Talentwettbewerb der lokalen Kirchengemeinde den Titel der „Miss Lady of Suffering“ zu erringen. (Ihr einziger Auftritt dort ist eine der vielen Szene, bei denen man nicht weiß, ob man mitleiden, vor Vergnügen kichern oder sich einen Hauch fremdschämen soll.) Aber vielleicht ist es die bessere Idee, eine Bombe zu bauen? Schließlich hat sie in einem Chatroom gerade einen Mann kennengelernt, der endlich einmal Verständnis für sie zeigt – wenn auch eine ungesunde Hingabe zum Terrorismus haben könnte …
Satire oder Komödie? Das dürfen wir Lesende selbst entscheiden
Mit VERLORENE SCHÄFCHEN hat die US-amerikanische Autorin Madeline Cash eine zumeist hinreißende Komödie geschrieben, die sicher auch als Satire verstanden werden darf. Sie wird von schwarzem Humor vorangetrieben, hält aber auch leise und zarte Momente bereit – denn wenn wir uns darauf einlassen, werden uns die Exzentriker*innen der Familie Flynn nacheinander schnell ans Herz wachsen.
Noch dazu entfaltet sich in der Übersetzung von Sophie Zeitz eine kuriose Welt vor uns, in der Papageien eine Kirche bevölkern, der Pastor aber trotzdem mehr genervt ist von der sehr engagierten Miss Winkle: Die leitet die Selbsthilfegruppe der Gemeinde, „Verlorene Schäfchen“ genannt, hilft Menschen durch schwere Lebensphasen … und weiß, dass sie die einzige Konstante der Gruppe ist, ohne große Hoffnung, auf den rechten Weg zurückfinden zu können. Was auch immer das sein mag.

Braucht jede Geschichte einen Schurken?
Die Kleinstadt ist kein Paradies, eine Schlange lebt hier trotzdem, und die ist meiner Meinung nach die Schwachstelle von Madeline Cashs vergnüglicher Außenseiterballade: Paul Alabaster, einer der reichsten Männer Amerikas, ist ein Ernst Stavros Blofeld ohne weiße Katze, hat dafür aber exzentrischen Vorlieben, was die Eiswürfel in seinen Drinks angeht. Alabaster ist nicht nur Besitzer des Hafens, für den Bud arbeitet, und beschäftigt Kriegsverbrechen-Wes als Sicherheitsmann, sondern scheint alles zu hören, alles zu wissen und alles zu können. Ist es ein Zufall oder eine sehr gefährliche Wendung der Geschichte, dass Abigail zu einer geheimnisumwitterten Party in seinem Anwesen eingeladen wird, zu dem sonst nur reiche Männer kommen? Harper, die Neunmalkluge, und Tibet, die Rausch und Betäubung gleichermaßen offen gegenübersteht, beginnen zu ermitteln:
„Tibet sichtete das Material. Aus Fiktion Fakten zu sieben war der Schlüssel ihrer Arbeit. Dabei griff sie auf die Unterstützung eines Medikaments zurück, das sie in einer ausgehöhlten Enzyklopädie aufbewahrte. Das Pulver war eigentlich zur Sterilisation von Kamelen zugelassen, bei Frauen zwischen sechzehn und zweiunddreißig hatte es jedoch einen stimulierenden Effekt. Angeregt von dem tiermedizinischen Pharmazeutikum folgte Tibet der Spur der Schlagzeilen, bis sich ein roter Faden abzeichnete.“
„Ich hätte die Familie Flynn ewig auf ihren herrlich abgründigen Wegen begleiten können“, lässt sich die Schriftstellerin Elena Fischer auf dem Umschlag zitieren, und genau das ist mein Problem mit VERLORENE SCHÄFCHEN: Mit Paul Alabaster will Madeline Cash Multimilliardäre wie Elon Musk oder Peter Thiel satirisch aufs Korn nehmen, die Abgründe ihrer Macht, ihrer Longevity-Besessenheit … und dabei springt sie meiner Meinung nach zu kurz. Das, was als Bedrohungsszenario zunächst clever aufgebaut wird, hätte Thrillerpotential, doch dann stolpert dieses Element in der zweiten Hälfte des Buchs ein wenig zu ulkig und harmlos durch die Geschichte.
(Was ich, nebenbei bemerkt, tatsächlich nicht verstanden habe: die typographische Besonderheit, dass in manchen Kapiteln das „c“ mit einem Punkt darüber geschrieben wird. Eine Freundin hat versucht, mich zu erleuchten … aber für mich bleibt das weiterhin ein Fragezeichen.)
VERLORENE SCHÄFCHEN ist zu einem Drittel misslungen – aber Anfang und Ende entschädigen dafür umso mehr
Ich brauchte ein paar Tage, um meine Gedanken zu ordnen und zu entscheiden, ob ich Madeline Cashs Roman empfehlen will – oder ich besser den Mantel des „Thank you, NEXT!“ darüber ausbreite. Letztendlich glaube ich aber, dass es sich lohnt, dieses Buch zu entdecken. Es ist einfach ein Vergnügen, die vor sich hintaumelnden Hauptfiguren der Familie Flynn kennenzulernen, aber auch Miss Winkle ins Herz zu schließen (und sich zwischendurch mit vergnügtem Grausen zu schütteln beim Gedanken an den Nachbarn). Und in das Ende des Buchs bin ich regelrecht verliebt.
VERLORENE SCHÄFCHEN ist ein Lesetipp für alle, die trockenen, etwas fragwürdigen Humor zu schätzen missen – vermutlich habe ich aus keinem Buch in der letzten Zeit so viel laut vorgelesen wie aus diesem:
„Louise wusste nichts über das Judentum. Sie hatte einmal den Anfang eines israelischen Pornos gesehen, als ihr Vater seinen Computer offen herumstehen lassen hatte, aber was den Inhalt anging, glaubte sie nicht, dass er sich an historische Fakten hielt.“
Mir gefällt die Erzählweise von VERLORENE SCHÄFCHEN deswegen so gut, weil es eben nicht darum geht, dass wir uns vergnügt auf die Schenkel klopfen – immer wieder mischt sich auch eine Bitterkeit ins Vergnügen, ein kleiner Nackenhieb, der so nebenbei gedropped wird, dass man ihn fast überlesen könnte; wenn man will, kann man eine Menge „oh, oh“ im vergnüglichen „haha“ finden:
„Die Villa des Milliardärs sieht aus wie eine Ruine, dachte Bud. Aztekisch vielleicht, oder Maya. Er wünschte, er hätte sich architektonisch vorbereitet, hätte sein Wissen über Ruinen aufgefrischt. ‚Vorkriegsarchitektur‘ war sicher richtig, aber welcher Krieg? Alles war vor irgendeinem Krieg.“
Es hat mich erstaunt, dass VERLORENE SCHÄFCHEN im „Literarischen Quartett“ vorgestellt wurde – und nicht überrascht, dass man es im Rahmen dieser meiner Meinung nach schrecklichsten, weil dünkelhaftesten Ausgabe seit langem verrissen hat. Ja, erwartet man hier die große, literarische Satire auf den aktuellen American Way of Life, dann wird man vermutlich enttäuscht werden. Mich hat der Roman vor allem angesprochen, wenn es nicht um das Vorführen von Archetypen geht, sondern wenn wir eine Verletzlichkeit in den Figuren spüren, wenn sie also nicht als Stellvertreter in einer gesellschaftlichen Bestandsaufnahme agieren, sondern sie staunen, leise vor sich hin schmerzen, hadern:
„Miss Winkle waren Widrigkeiten nicht fremd, daher nahm sie ihr neues Glück mit gesunder Skepsis an. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass Gott ihr dies wieder wegnehmen würde, so wie Er ihren Ehemann, ihre gute Figur und ihre Lieblingsschokoladensorte weggenommen hatte. Jetzt mischten sie dunkle unter die Milchschokolade und behaupteten, bitter mache es besser. Nichts konnte ferner von der Wahrheit sein. In der überwiegenden Bitterkeit der Welt konnte man sich glücklich schätzen, wenn man einen Moment der Milch erwischte.“
Drücke ich mich vor einem eindeutigen „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“?
Wenn wir uns Nachrichten aus der weiten Welt anhören – oder auch die hier aus Deutschland –, dann kommt man nicht umhin, eine Bitterkeit zu verspüren, die leider so gar nichts mit dunkler Schokolade zu tun hat. Ob ein Buch wie VERLORENE SCHÄFCHEN da der vollmundige Milchgeschmack sein kann? Ich weiß es nicht … auch wenn das Bekenntnis zum Zusammenraufen, zum Zusammenhalt, zum „Gemeinsam gegen alle“ mich gerade am Ende unmittelbar berührt und gerührt hat.
Es lohnt also auf jeden Fall, sich die Leseprobe zu schnappen und auszutesten, ob Madeline Cashs Humor genau das ist, was gerade den Sonnenschein durch Regenwolken brechen lässt. Zumal man sich manches Zitat sofort auf ein T-Shirt drücken lassen würde, allen voran dieses hier:
„Und war das Leben nicht seltsam? Und war es nicht toll?“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern von seiner Lektorin mit einem aufmunternden „Vielleicht ist das etwas für dich“ geschickt bekommen. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Madeline Cash: VERLORENE SCHÄFCHEN. Penguin, 2026


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