Tezer Özlü galt als eine der wichtigsten neuen literarischen türkischen Stimmen der 1980er Jahre – jetzt ist ihr autofiktionaler Roman DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT neu übersetzt worden.
„Strom gibt es in der Kleinstadt nur am Abend, bis Mitternacht. Der Sommer taucht die Wege entlang der Holzzäune der Gärten in ein stilles Licht. Am Nachmittag krähen die Hähne. An den Berghängen grasen Kühe. An manchen Tagen halten die plattnasigen Busse von Istanbul nach Ankara auf dem Platz vor dem Uhrturm. Ich betrachte die Menschen, die in die Großstädte pendeln, mit Sehnsucht Und ich sage mir still: ‚Eines Tages werde auch ich diese fernen Welten kennen.‘“
Sie wird 1943 in Anatolien geboren, von katholischen Nonnen unterrichtet, übersetzt später Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll ins Türkische, stirbt 1986 in Zürich, als eine der wichtigsten jungen Stimmen der türkischen Literatur geltend. Der preisgekrönte Autor Deniz Utulu hat ihren Roman DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT nun neu übersetzt und gibt uns die Gelegenheit, die Autorin Tezer Özlü kennenzulernen.
In ihrem fragmentarischen Roman erzählt die Autorin auf 95 Seiten von ihrer Kindheit, ihrem Aufbruch in die Welt, von ersten sexuellen Erfahrungen und verschiedenen Ehen, von ihrer Todessehnsucht und davon, dass ihr Vater findet, es lohne zu leben, weil man Feigensaft trinken kann. DIE KALTEN NÄCHTE gibt es nicht nur in DER KINDHEIT: Es sind Momente der Fremdheit, des Gefühls von Verlorensein, die das Leben der Autorin prägten, sei es neben ihrer Schwester auf einer durchgelegenen Matratze, oder eingesperrt vor der Elektroschocktherapie.
Zwei Perspektiven, die zu einer verschmelzen
Wenn Tezer Özulü über ihre Kindheit schreibt, dann tut sie das als erwachsene Frau, die um Verletzlichkeit und Schmerz weiß und den Hunger auf etwas, was unmittelbar vor ihren Fingerspitzen auf sie zu warten scheint:
„Die Lehrereltern, die engen Gebäude des muslimischen Viertels, die katholische Atmosphäre der Klosterschule, das Verhalten der verrückten Nonnen, das gar nicht zu unserem Denken passt, das Fehlen anderer Lehrer oder Ideen, die unsere Gedanken ordnen, uns helfen könnten, das Leben zu fassen, das uns erwartet, all das bewirkt in uns eine große Unruhe“, lesen wir, und es ist faszinierend, dass hier zwei Stimmen übereinanderliegen, die der Heranwachsenden und die Erwachsenen, die das Buch einige Jahre vor ihrem Tod schrieb:
„Das Leben kann nur im Jetzt begriffen und verstanden werden. Doch uns wird das Erleben und die Wirklichkeit als etwas Fremdes, erst noch zu Entdeckendes vorgesetzt. Wie der Globus im Geographieunterricht. Niemand redet davon, dass die Jahreszeiten, die Tage und Nächte das Leben selbst sind. Immer bereitet man uns mit irgendeiner Lehre auf etwas vor. Aber worauf?“
Solche wie auf Transparentpapier geschriebene Erkenntnis des früheren und späteren Ichs machen den Text immer wieder zu einem Erlebnis:
„Auch ich suche am abschüssigen Matratzenhang nach Schlaf und denke über Gott nach. Ob es ihn gibt oder nicht. Ich bete zu ihm, für uns alle. Bis zu jener Nacht, in der ich weiß, dass es keinen Gott gibt. Jetzt brauche ich nicht mehr zu beten. Ich kann denken, was ich will.“
DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT beginnt mit einem warmen Mollton und verliert sich, wenn die Protagonistin in die Welt hinauszieht, in einem hohen Sirren; spürbar ist immer ein Aufbegehren, ein Verlangen nach mehr. „Ich will Ecken entdecken, die ich noch nie gesehen habe, will Menschen beobachten, die mir fremd sind, ich will dieses unersättliche Leben durch die Augen ins Herz aufnehmen“, erzählt Tezer Özlü, die sich in der Wohnung eines Berliner Dichters danach sehnt, selbst zu schreiben, aber keine Ruhe dafür zu finden scheint:
„Sind da viele, die so fühlen? Viele, die in den Tiefen ihrer Gedanken nach der Vervielfachung des Augenblicks suchen, nach dem Wesen des menschlichen Seins, nach der Grenzenlosigkeit von Zeit und Gefühl? Ich weiß es nicht. Doch ich spüre, dass ein einziger Augenblick Dinge in sich trägt, die größer sind als Zeit, größer als Gefühle, größer als Berge und starke Bäume mit weit ausladenden Ästen. Dinge, die weiterreichen als das Blaugrün des Mittelmeers, das in die Ozeane fließt, in Ozeane, die am Horizont mit dem Sternenhimmel verschmelzen. Dinge, größer noch als die Sonne, die hinter den Bergen in den Himmel aufsteigt.“
Wie immer ist es müßig, sich die Frage zu stellen, was in diesem autobiographischen Text war ist und was Fiktion
Die Protagonistin, des Lebens oft müde, verbringt fünf Jahre in der Nervenheilanstalt, erlebt Missbrauch. Wir wirbeln durch ihr Leben, haben keine Orientierung, wen sie liebt oder von wem sie schwanger ist, als sie wieder einen anderen Mann trifft, den sie dann heiratet. Sie ist ungemein präsent in jedem Moment, was verblüffend ist, da Tezer Özlü wenige Worte braucht, um sie zu beschreiben. Kann man ihr dabei immer „trauen“?
So stolperte ich darüber, wie wichtig ihr die erotischen Berührungen ihrer Cousine waren (eine herrlich schamlose Textstelle), die erst aufhörten, als sie in die Pubertät kam – und die Autorin dann an anderer Stelle betont, Männer mit Begehren zu betrachten, seit sie ein Kleinkind war. Aber Autofiktion ist natürlich nie chronologische Tatsachenschilderung.
Stets präsent ist der Wunsch nach Auslöschung, der aber nicht mit Selbstvernichtung verwechselt werden darf: „Ich werde von Gedanken an den Tod verfolgt. Tag und Nacht denke ich darüber nach, mich zu töten“, heißt es früh im Text.
„Es gibt keinen bestimmten Grund dafür. Leben ist gut, nicht leben ist genauso gut. Da ist nur eine Unruhe. Eine Angst, die mich dazu drängt, mich zu töten, es zu versuchen. In einer dunklen Nacht, spät, stehe ich auf. Alle schlafen, wie jede Nacht. Das Haus ist kalt. Ich bemühe mich, so leise wie möglich zu sein. Ich schaufle mir Hände voll Pillen in den Mund, die ich seit Tagen gesammelt habe. Um mich nicht übergeben zu müssen, esse ich dazu ein Stück Brot mit Marmelade. Ich bin ein Mädchen. Ich will, dass mein toter Körper schön aussieht, und habe ihn den ganzen Tag dafür vorbereitet.“
Die Protagonistin fühlt ihre Andersartigkeit – und beobachtet die Menschen um sich herum mit einer von mir als traurig empfundenen Faszination:
„In ihrer Welt steigert sich Euphorie nicht bis in den Wahn. In ihrer Welt führt eine Krise nicht zu Todesangst, kippt nicht in Todessehnsucht. In ihrer Welt ist essen immer schön. Sie halten ihre Mahlzeiten ein. Gefühle nähren sie nicht wie Speisen. Sie glauben an ihre Arbeit. Sie befürworten die ‚Rebellion‘, verteidigen aber den Platz, den die Gesellschaftsordnung ihnen bereithält. Sie heiraten nicht so leichtfertig, wie sie in den Bus steigen, noch lassen sie sich so schnell scheiden, wie sie an der Haltestelle aussteigen.“
Wie nähern wir uns Tezer Özlüs DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT?
Deniz Utlu hat ein Nachwort zum Roman geschrieben, das unsere Wahrnehmung des Textes noch einmal verändern kann: „Ihre Sprache ist nicht mehr Türkisch oder Deutsch, die Übersetzungsbewegung selbst formt die tragende Zunge, die dem innersten Sein die Säule ist“, lässt er uns möglicherweise literarischer wissen, als es ein Nachwort erfordert. „Vielleicht trägt Tezer Özlü eine Poetik der Härte in die türkische Sprache. Es ist nicht die Härte des Deutschen, die im Türkischen anklingt, sondern die Härte der türkischen Sprache selbst, die Tezer Özlü hervorholt – immer vermittelt durch die Universalsprache der Dichtung.“
Als Leser von geringem Verstand glaube ich nicht, dass man sich den KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT wie einem Roman nähern sollte, und mein Eindruck, dass man den Text mit der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen vergleichen kann, hat sich nicht bestätigt: Dafür sind die Handlungssprünge zu erratisch, ist das, was erzählt wird, zu reduziert. Wie lässt man sich also am besten ein auf das Buch von Tezer Özlü? Vielleicht, indem man DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT wie ein Langgedicht liest, geprägt von scharfer Beobachtungsgabe, Wehmut, Lebenshunger und dem Gegenteil:
„Lange, nasse, feuchte, kalte, graue Jahre. Früh endende, dunkle Tage. Nächte voller Sehnsucht nach verbotenen Männerkörpern. Nonnen mit schwarzen Kopftüchern. Ihre Gebete. Wohnungen, die sich nicht heizen lassen. Die Clubs, in denen SOS, la luna SOS gespielt wird, Liebhaber, die Schmuggler werden.“
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Tezer Özlü: DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT. Aus dem Türkischen übersetzt und mit einem Nachwort von Deniz Utlu. Suhrkampf, 2025


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