Die Autorin Alena Schröder spielt geschickt mit den Versatzstücken des Familiengeheimnisromans – JUNGE FRAU, AM FENSTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID ist aber alles andere als ein Genreroman, sondern ein ebenso bewegendes wie schlaues Lesevergnügen, das man als „Upmarket“ bezeichnen darf.
„Evelyn fixierte Hannah für einen kurzen Moment, prüfend, abwägend, müde. Sie hätte ihn einfach wegwerfen sollen, diesen Brief, nun war es zu spät. Hannah würde ohnehin nicht lockerlassen, sollte sie sich doch kümmern um diesen ganzen Dreck. Diesen Trümmerberg aus Erinnerungen, den sie über die Jahrzehnte ihres Lebens so sorgsam begrünt und bepflanzt hatte, so wie der Berliner Senat den Teufelsberg, eine Müllhalde aus Weltkriegsschutt, dessen Spitze aus weißen Kuppeln der alten amerikanischen Abhöranlagen sie an klaren Tagen von ihrem Fenster aus sah.“
Hannah Borowski, eine etwas haltlos durchs Leben treibende Twentysomething-Berlinerin, staunt, als sie bei ihrer Großmutter den Brief einer israelischen Anwaltskanzlei findet, die ihre Dienste bei der Restituierung von „Raubkunst“ anbietet – denn bisher hatte sie keine Ahnung, dass es in ihrer Familie Juden gab. Aber warum will Evelyn nicht darüber sprechen?
Durch ihren Doktorvater, mit dem Hannah mehr verbindet als akademischer Forschungsdrang, lernt sie den eifrigen Jörg Sundmann kennen, der sie gerne dabei unterstützt, ihre Familiengeschichte zu ergründen, ob sie diese Hilfe nun haben möchte oder nicht. Immerhin hört Hannah so zum ersten Mal von ihrer Urgroßmutter Senta, die aus den engen Grenzen ihres Lebens ausbrechen wollte und in zweiter Ehe mit dem Sohn eines jüdischen Kunsthändlers verheiratet war, in dessen Besitz sich ein Gemälde befand, das sie mit „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ beschreibt – und das, so es wirklich von Vermeer stammen würde, unermesslich wertvoll wäre, wenn man es heute fände …
Ein Buch, in das man sich mit einem wohligen Seufzer fallen lassen kann
Vorab sei gesagt: JA, ICH BIN VERLIEBT! Und wie das so ist mit dem höchsten aller Gefühle, begann es für mich zunächst mit latenter Verwirrung. Ein raunende Familiengeheimnis und zwei parallel erzählte Frauenschicksale – das sind die Fäden, aus denen viele Genre-Stoffe gewebt werden. Nun heißt der erste Roman von Alena Schröder aber nicht „Die Schatten der Vergangenheit“ oder „Sentas Vermächtnis“ oder „Das Geheimnis des Sommerpavillons“, sondern trägt den Titel JUNGE FRAU, AM FESTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID, der vergnügt (und vielleicht ein wenig präpotent) „Ich bin etwas Besonderes!“ kräht, und dies auf einem Umschlag, dessen hübsche Gestaltung vor allem Romantik zu versprechen scheint. Ja, man darf etwas irritiert sein von diesem Gesamtauftritt, der versucht, etwas zur eierlegenden Wollmilchsau zu machen, was doch vor allem eins ist: ein einfach großartiges Lesevergnügen!
Hirn, Herz und Chuzpe zeichnen dieses Romandebüt aus: Da ist zum einen die clever konstruierte Handlung, die Gegenwart und Vergangenheit miteinander verzahnt und es versteht, genau die richtigen Knöpfe bei LeserInnen zu drücken. Alena Schröder gibt beiden Zeitebenen einen eigenen Sprachton, verdichtet komplexe Milieus in kurze Sätze und bedient sich souverän der Versatzstücke des Familiengeheimnisromans. Letzteres bedeutet eine gewisse Vorhersehbarkeit, die aber in keiner Weise störend ist – man kann sich in die Geschichte hineingleiten lassen wie in ein warmes Schaumbad. Natürlich gibt es trotzdem die kleinen, beißenden Schockmomente, die das Wohlfühl-Ambiente vortrefflich stören, aber Schröder erliegt weder der Versuchung, die Holocaust-Ebene zum „Torture Porn“ auszubauen, noch neigt sie zum dramatisierenden Gefühlkitsch.
Herz beweist Alena Schröder sowohl bei der Ausgestaltung ihrer sympathisch-sperrigen Heldinnen und den liebenswert im Hintergrund wimmelnden Nebencharakteren (Lotte! Ich will einen Roman über Lotte, und ich will ihn JETZT!) als auch bei den Antagonisten, deren Abscheulichkeit – hier die vom Leben frustrierte Überzeugungs-Nationalsozialistin, dort der akademische Streber mit Hang zum Denunziantentum – man gut nachvollziehen kann, ohne aufgefordert zu werden, sie ihnen nachzusehen.
Wohlkalkulierte Frechheit, wegen der man vergnügt in die Hände klatschen möchte
Und schließlich Chuzpe: Ach, ich bin gespannt, wie die allgemeine Reaktion auf Kapitel 15 sein wird … Für mich war es ein großes Vergnügen zu lesen, wie Alena Schröder die instrumentalisierte Empathie- und Empörungskultur aufs Korn nimmt (was ich noch dazu als schlauen Kommentar zur allgegenwärtigen Aufregungsblase Social Media empfunden habe) und an anderer Stelle männlicher Überheblichkeit in den verschiedensten Ausprägungen süffisant den Spiegel vorhält.
JFaFsAbK ist kein Roman ohne Fehl und Tadel – hier und da hätte man sich statt einer schnell zusammenfassenden Szene einen weiteren von Schröders überzeugenden, weil lebensechten Dialogen gewünscht, die Wandlung von „Was will ich eigentlich vom Leben?“ zu „Jetzt starte ich durch“ kommt ein wenig hopplahopp daher, und wenn der Zufall im – wie ich gerüchteweise hörte – doch recht großen Berlin zwei Frauenfiguren aufeinandertreffen lässt, die nur aufeinander gewartet haben, um sich vortrefflich zu ergänzen, dann ist das vielleicht ein bisschen viel Deus ex machina. Stört mich das? Nö! Stattdessen erfreue ich mich an der großartigen Beobachtungsgabe der Autorin, die mit Scharfschützengeschick kleine Details setzt („Keks?), ihrem ebenso präzise eingesetzten Humor und ihrem Talent, mich zu Tränen zu rühren (Kapitel 28! Kapitel 30!).
Wer den weiten Bogenschlag von ALTES LAND mochte und die Frauenfiguren in ALTE SORTEN oder TANTE MARTL ans Herz drücken wollte, wird Alena Schröders Roman genau so lieben wie ich, da bin ich sicher – ich wünsche ihm von ganz tief unten in meinem kleinen Leserherzen ganz viel Erfolg und begeisterte LeserInnen.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Alena Schröder: JUNGE FRAU, AM FENSTER STEHEND, ABENDLICHT, BLAUES KLEID. dtv, 2021


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