Hervorragend balanciert Katie Yee Tragik und Humor aus – und erzählt in MAGGIE – ODER: EIN MANN UND EINE FRAU KOMMEN IN EINE BAR so lebensecht von einer Frau, der von einem Moment auf den anderen der Boden unter den Füßen weggerissen wird, dass man kaum glauben kann, dass es sich nicht um eine wahre Geschichte handelt.

„Darlene ist der Meinung, wir sollten dem Tumor einen Namen geben. […] Wir einigten uns auf Maggie, benannt nach der neuen Geliebten meines Mannes. Im Sinne von ‚Du bist so schlimm wie Krebs, Maggie.‘ Und auch wie ‚Guck mal, ich hab auch eine‘.“

Diesen Roman habe ich Ende Dezember gelesen – und nur deswegen nicht zu einem Jahreshighlight gekürt, weil ich kurz vor Silvester keine Zeit mehr hatte, meine Rezension zu schreiben. MAGGIE – ODER: EIN MANN UND EINE FRAU KOMMEN IN EINE BAR hat alles, was ein Lieblingsbuch braucht: Katie Yee erzählt eine Geschichte, die emotional und intellektuell berührt, die zum Nachdenken anregt, sehr traurig ist … aber auch so unaufgeregt heiter, dass man viele Szenen direkt noch einmal liest, um sich an ihnen zu erfreuen.

Aber der Reihe nach: Die Ich-Erzählerin ist die Tochter chinesischer Einwanderer, inzwischen mit einem nordamerikanischen „Vorzeige“-Weißen verheiratet, der aus einer wohlhabenden Familie stammt und ihr in Brooklyn ein von materiellen Sorgen freies Leben als Mutter zweier kleiner Kinder ermöglicht – bis zu dem Tag, an dem er sie damit überrascht, dass er eine Affäre hat. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wird kurz darauf bei der Erzählerin ein Krebstumor gefunden.

Ein Melodram? Nein! Vielleicht erzählt Katie Yee eher eine Komödie aus Schmirgelpapier …

Diese Geschichte hat das Zeug für ein ganzes Tränenmeer, aber Katie Yee nähert sich dem Thema anders: Ohne der Situation, in der sich ihre Figur wiederfindet, die Wucht zu nehmen, erzählt sie mit einer ganz eigenen Mischung aus Abgeklärtheit – die man nicht mit Resignation oder Gleichgültigkeit verwechseln sollte –, ergebnisoffener Neugier und, auch wenn man das vielleicht nicht erwartet, Humor. Ich war beim Lesen überrascht, wie oft ich geschmunzelt habe; dafür sorgt auch Darlene, die beste Freundin der Erzählerin, die durch das Rauchen ihrer letzten Zigarette ein erstaunliches Geschäftsmodell entwickelt hat und emotional eher raubeinig unterwegs ist:

„Wenn Darlene eine Frau kennenlernt, fügt sie sie zu ihren Kontakten hinzu, aber jedes Mal, wenn diese Frau etwas tut, was Darlene nicht passt, löscht sie einen Buchstaben des Namens, wie Galgenmännchen, bloß rückwärts. Sind alle Buchstaben weg, hat die arme Frau keine Chance mehr.
‚Das ist unfair‘, sage ich zu Darlene, die einen recht langen Vornamen hat. ‚Dann hättest du selbst ja sieben Chancen. […] Eine Lily hätte bloß vier. Und was ist mit Eva? Der ersten Frau überhaupt?‘
‚Eins, zwei, drei – vorbei!‘, sagt sie und schlürft ihre Ramen.“

Im Mittelpunkt steht aber natürlich das Herantasten und Verarbeiten der Hauptfigur – und wie Katie Yee darüber schreibt, hat mich immer wieder beeindruckt, zumal ich die ganze Zeit fest überzeugt war, hier den Tatsachenbericht einer realen Person zu lesen, keinen Roman. Dazu trägt bei, dass die Erzählerin vieles, was bei einer Trennung und schweren Erkrankung belastend ist auf der ganz alltäglichen, pragmatischen Ebene, ausblendet; umso mehr hatte ich das Gefühl, zuhören zu dürfen, wie jemand sein eigenes Leben und Empfinden sorgsam kuratiert für uns offenlegt. Kann man von eleganter Reserviertheit sprechen?

Familie ist etwas Wunderbares … aber nicht immer und nicht für alle Beteiligten!

Umso mehr werden mich einige der Gedanken, über die Katie Lee schreibt, noch lange begleiten, wie dieser hier:

„In jedem Familiengruppenfoto verbirgt sich ein ganz eigenes Chaos. Vielleicht liegt es an der gemeinen Tatsache, dass man immer eine Person ausschließen muss. Ich war immer diejenige, die auf den Auslöser drückte, um einen Beweis für unser glückliches Leben zu haben. Verzweifelt darum bemüht, es kurz stillstehen zu lassen. – Auch wenn wir daran dachten, den Selbstauslöser einzuschalten, war ich diejenige, die die Kamera ausrichtete. Ich blickte durch eine Linse auf meine Familie und rannte los, um mich in die Lücke zu quetschen, die sie für mich gelassen hatten. – Auf einem Foto stehen die drei im Park vor dem Bootshaus. Noah war etwa so alt wie Lily jetzt, seine Schwester damals noch ein Säugling. Ich hatte den Selbstauslöser eingeschaltet, war dann jedoch beim Loslaufen auf dem taunassen Gras ausgerutscht. Die Kamera klickte in der Sekunde, in der es passierte. Ihr Lachen ist nun für die Ewigkeit festgehalten.“

Katie Lee lässt ihre Figuren an anderer Stelle aber auch erkennen, dass „eine geheime Macht darin liegt, den Auslöser zu drücken“ – und so ist MAGGIE eben auch die Ermächtigung der Hauptfigur und die Darstellung der Kraft, die es hat, ein Buch zu schreiben und im Festhalten zu verarbeiten, was passiert ist. Dabei geht es nicht nur um die jüngste Vergangenheit:

„Manchmal träume ich davon, wie mein Leben unter dem Schutz eines anderen Namens verlaufen wäre. Hatte ich die richtige Wahl getroffen? Hätte eine andere Frau mein Leben führen können? Shakespeare sagte, eine Rose würde genauso lieblich duften, auch wenn sie anders hieße. Würden wir diese Zeilen ebenso ehrfürchtig zitieren, wenn ein Mann namens Bob sie verfasst hätte? Für einige Menschen sind Namen nichts als schlaffe Luftballons, die darauf warten, mit Bedeutung gefüllt zu werden. Aber wir anderen wissen, wie schwer sie wiegen.“

Katie Yee schreibt über viele große Themen, und das mit einer Beiläufigkeit, die mich begeistert hat

MAGGIE erzählt vom Ende einer Ehe und vom Überwinden einer Krankheit, aber auch von Vorurteilen und anderen schwierigen Gefühlen, nicht nur denen, die man in den Wartezimmern von Arztpraxen hat. Kann man eine Familie zerschneiden wie einen Regenwurm, von dem doch angeblich beide Hälften weiterleben? (Und nein, nur die Hälfte mit Kopf hat die Chance.) Katie Yee schreibt in den kurzen, fortlaufenden und nicht durch Kapitel strukturierten Absätzen unaufgeregt über die großen Fragen des Lebens – zu denen vielleicht auch gehört, ob man nur mit Menschen zusammen sein kann, die Anführungszeichen korrekt setzen.

Ist eine Affäre möglicherweise die Zweitmeinung für eine Ehe? Und stimmt es, dass wir durch ein unsichtbares rotes Band mit unserem Seelenverwandten verbunden sind – oder ist es ein furchtbares Knäuel, weil sich manchmal Fäden kreuzen und wir falsch verknüpft wurden? „Darlene zeigt mir die Dating-Apps: Man kann sich das eigene Profil von einer KI generieren lassen. Man kann nach politischer Ausrichtung oder Religion oder Körpergröße oder Sternzeichen filtern. So viele Schutzmaßnahmen, um sich bloß nicht in die falsche Person zu verlieben.“ Dabei, und auch darüber schreibt Katie Yee, können es die Umwege sein, die nicht nur für Ortskenntnis sorgen, sondern ein Ziel bedeuten.

Die von Jasmin Humburg fließend ins Deutsche übertragenen 267 Seiten enden vielleicht etwas zu versöhnlich – aber dankenswerterweise ohne Paukenschlag, so wie das Leben eben oft eine Aneinanderreihung von kleinen und großen Momenten ist … und eine eigene Komik hat, wenn wir offen sind, sie zu finden:

„Meine Onkologin sagt, ich solle mindestens vier Wochen nach der Operation nichts Schweres heben. ‚Warten Sie einen Monat, bevor Sie wieder ins Fitnessstudio gehen oder Ihr normales Work-out machen.‘ Mein ‚normales Work-out‘ besteht darin, ein Zimmer zu betreten, sofort zu vergessen, was ich eigentlich dort tun wollte, es unverrichteter Dinge zu verlassen, nur um nach ein paar Minuten wiederzukommen. Mein ‚normales Work-out‘ besteht darin, immer wieder zum Gefrierschrank zu laufen, weil ich der Meinung bin, doch noch einen letzten Löffel Mango-Sorbet zu brauchen. ‚Ich glaube, das schaffe ich‘, sage ich zur Ärztin.“

MAGGIE – ODER: EIN MANN UND EINE FRAU KOMMEN IN EINE BAR ist für mich das perfekte erste Buch, um 2026 mein öffentliches Lesetagebuch fortzuführen. Und ich möchte diese Gedankensammlung unbedingt mit diesem Zitat beenden:

„Im Internet gibt es irgendwo ein Video von einem Waschbären, der ein Stück Zuckerwatte in die Pfoten bekommen hat. Er kann sein Glück kaum fassen und läuft damit zum Fluss. Dort fängt er an, die Zuckerwatte zu waschen, so wie er es immer tut, wenn er etwas Fressbares findet, aber sie verschwindet vor seinen Augen. Sie löst sich einfach auf, ohne dass er begreift, was passiert. So fühlt es sich mit meinen Träumen auch manchmal an. Ich wache morgens auf und kann gar nicht genau sagen, was mit ihnen passiert ist. Sie wurden mir aus den Händen gerissen, sind mir im Fluss abhandengekommen.“

Man frage mich Leser von geringem Verstand bitte nicht, wie ich daraus eine allgemeingültige Aussage für das neue Jahr ableite – aber vielleicht ist der Gedanke tröstlich, dass manche Dinge vergänglich sind? Es muss ja nicht direkt eine Ehe sein … Und so oder so: Haltet ihr, halten wir, unsere Zuckerwatte von Wasser fern!

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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Katie Yee: MAGGIE – ODER: EIN MANN UND EINE FRAU KOMMEN IN EINE BAR. Aus dem Amerikanischen von Jasmin Humburg. park x ullstein, 2025.