Wie geht man mit einem Verlust um, der größer ist als die Verletzungen eines Lebens? Nora Gomringer hüllt Dornen in Seide und öffnet in ihrem großartigen Buch AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD einen Teil ihres Familienalbums.

„Läse meine Mutter hier mit, würde sie mich streng ermahnen, lustiger zu sein. ‚Du hast das Talent dafür. Humor ist wichtig. Ich hab dir die ganze [Dorothy] Parker früh zu lesen gegeben, damit du Lakonie begreifst und einfangen kannst. Sei kein romantisches Mädchen. Die sind durchweg langweilig! Du musst die Menschen zum Lachen bringen, wenn du willst, dass sie sich an dich erinnern. Oder du musst Wunder tun. Kannst du das, Nora?‘“

Wie fühlt sich Trauer an, was bedeutet Abschied für Menschen, denen das geschriebene Wort wichtig ist, und was hat das mit einem unauffällig wirkenden Satzzeichen zu tun, das große Geschichten erzählt? Kurz vor Ende des Jahres habe ich ein Buch gelesen, das für mich eindeutig zu den besten gehört, die ich 2025 genießen durfte – einen „Nachrough“.

Nora Gomringer ist vielfach ausgezeichnete Lyrikerin und Librettistin – aber auch ganz volksnah wie wir alle: Kind von Eltern. Ihr Vater Eugen gilt als Begründer der „Konkreten Poesie“ und verstarb im August 2025, ihre Mutter Nortrud, promovierte Germanistin und Lektorin ihres Mannes, bereits 2020. Über diesen Verlust hat Nora Gomringer ein Buch geschrieben, das vieles ist. Es bietet sich an, ein Füllhorn preisender Adjektive auszuschütten, aber in vielerlei Schattierungen haben sich mir zwei eingeprägt: tragisch und humorvoll.

AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD ist ein Buch der Räume: Nora Gomringer bewegt sich in den konkreten, in denen ihre Eltern lebten und die nun, nach deren Tod, ausgeräumt werden. Sie schaut kurz in jenen, der ihre brüderreiche Familie umfasst, weil ihre Mutter zwei Söhne und ihr Vater fünf mit in die Ehe brachte; umso bewusster ist sie sich des Raumes, der sie ausschließt, weil ihre Eltern sich in ihm bewegten und ihr gemeinsamen Kind ohne böse Absicht auf Abstand hielten (auch wenn man dem Vater anderes unterstellen könnte, wenn er sagt: „Sie ist nicht deine Mutter, sie ist meine Frau.“).

„Unter jedem Dach ein Ach“ – und bei den Kennedys aus dem Frankenland ganze Chöre

Zu den wichtigsten Räumen im Buch gehören jene, die zunächst gar nicht als solche zu erkennen sind, denn bei ihnen handelt es sich um Bindestriche wie den, der im Vornamen der Autorin Nora und Eugenie zusammenbringt, und die Gedanken- beziehungsweise Halbgeviertstriche, die zwischen dem Geburtsjahr eines Menschen und dem Todesjahr stellvertretend stehen für ein ganzes Leben.

Und natürlich ist der Nach„rough“ selbst ein Resonanzraum, in dem Nora Gomringer ihrer Mutter nachspürt. Autofiktionales Erzählen ist mehr als nur Chronik, Deutung und Umdeutung, sondern auch Ermächtigung; zu den vielen Fragen, die man sich stellen darf, gehört deswegen auch, inwieweit die Autorin erzählt, um selbst zu verstehen:

„Als Frau, die Eifersucht, Ohnmacht, wirtschaftliche Engen und Ehrgeiz auch in der Liebe kennengelernt hat, habe ich heute viel Verständnis für eine Bleibende, eine Beharrliche wie sie“, schreibt Nora Gomringer über ihre wenig watteweiche Mutter, die an ihrem Mann verzweifelte, ihn für Jahre verließ, nur um dann zurückzukehren: „Aber Verständnis ist auch so etwas Changierendes, wie das Erinnern. Und es kennt eigentlich keine Verwandtschaft mit dem Verzeihen.“

AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD ist ein verblüffendes Buch, weil es auf 208 Seiten so viel erzählt, dass uns schwindelig werden könnte: Ein Seelöwe verliert seine Augen, Heinrich Heine wird geliebt und eine „ebenso schändliche wie befreiende Toleranz gegenüber Schulden“ ausgelebt. Wir sind dabei, wenn Nortrud Gomringer mit einem beherzten „Ich sterbe jetzt“ das Gespräch mit einem Bestatter sucht. Wenn sie es dann später tatsächlich tut. Und wir erleben, wie Vater und Tochter nach ihrem Tod eine Reise unternehmen.

Jede Familiengeschichte ist ein Kaleidoskop – aber über wenige wird so gut geschrieben wie über diese

Aus dem vermeintlich einfachen Halbgeviertstrich strömen Erinnerungen aller Art heraus, kleine Besonderheiten und nicht ganz so kleine Verletzungen: Wir erfahren, warum die Autorin lange denkt, ein Seepferdchen hätte Ähnlichkeit mit einer Luftpumpe, können ahnen, welche Befreiung es für sie ist, als ihr Freund feststellt „Dein Vater mag dich wirklich nicht“, und staunen über einen Hauch Intellektuellen-GALA, wenn Günter Grass ihr eine Tafel Schokolade schenkt und sie dem Künstler Max Bill eine Flasche Wein vor die Füße fallen lässt.

Vor allem geht es aber um Nora Gomringers Mutter, die zum einen das Werk ihres Mannes kommentierte, zum anderen das Leben ihrer Tochter von klein auf mit Rotstift zu korrigieren suchte. Vieles von dem, was Gomringer dem Buch anvertraut, trifft uns unmittelbar, wie der Moment, in dem die Autorin elfjährig beschließt, sich der Mutter nie wieder nackt zu zeigen.

„Das Erinnern ist ein Topf oder ein Behälter mit einem Deckel, den man meistens verlegt hat. Die Sachen im runden Gefäß drehen sich. Vielleicht dreht sich alles wie in einer Waschmaschine? Oder Betonmischmaschine“, schreibt sie an anderer Stelle. „Jedenfalls herrschen starke Fliehkräfte und schleudern einem manchmal Bilder aus dem Dunkel entgegen, Wörter, ganze Sätze. Wenn ich es heute verstehe, Gedichte gut und gewinnend zu rezitieren, kommt es daher, dass meine Mutter – hier schleudert es ihr Bild an mich – genau das so gut konnte.“

In der Sendung „Druckfrisch“ erzählt Nora Gomringer, dass all das, was sie über ihre Eltern herausgefunden hat, zu ihr sprach, nicht sang; deswegen hat sie kein (Lang-)Gedicht geschrieben, sondern diesen Prosatext. Trotzdem hört man dem Buch an, wie die Autorin sonst ihr Erleben verdichtet: Nora Gomringer hat einen Sound, der zugewandt alltagssprachlich klingt, aber natürlich bildungsgeprägt ist und den ich mit allergrößtem Vergnügen gelesen habe – den ich aber nicht fließend vorlesen kann. Dabei will man das, und wenn ich die Stellen noch einmal lese, die ich für mich markiert habe, dann sind diese in Summe nur unwesentlich kürzer als das Buch.

Man möchte noch viel erzählen über einen Kühlschrank, der dem Märchenpferd Fallada ähnelt, die Autorin in den Arm nehmen und ihr im nächsten Moment schon wieder applaudieren, und man würde etwas dafür geben zu wissen, welches Schimpfwort Ernst Jandl der nach ihm eintreffenden Friederike Mayröcker entgegenschleuderte, was die damals noch junge Nora schockierte und ihre Mutter mit einem trockenen „Das ist eine Ehe“ abtat.

Wie soll man mit dem Verlust des Menschen umgehen, ohne den es uns – über den biologischen Beginn hinaus – nicht geben würde?

Überhaupt, die Mutter, im Bade liegend und durchs Leben marschierend: Die Frau, die in ihrer Jugend als wilde, kettenrauchende Hummel bekannt ist, nach einem Besuch in Ausschwitz den eigenen Vater konfrontiert, die kleine Tochter als Bleikugel bezeichnet und sich vom ewig untreuen Gatten emanzipiert, indem sie promoviert und sich so ihres eigenen Wertes versichert. Wenn Nora Gomringer schreibt, dass sie den Moment verpasst hat, an dem ihre Mutter ihres Lebens müde wurde, trifft uns Lesende das, weil da doch die ganze Zeit so viel Schlauheit, Frustration, Begeisterung in der Mutter pulsiert … und wir sie trotz dieser weiblichen Virilität „nur“ in der Rückschau nach ihrem Tod kennenlernen.

In der erwähnten Episode von Druckfrisch erklärt Dennis Scheck diese Textstelle zu der für ihn zentralen:

„Die Trauer ist ein neuer Rock, ein Kleid, zwanzig Kilo weniger, neue Routine, eine schwere Bronchitis, ein langes Gebet, beständige Fragen, spontanes Weinen, laute Selbstgespräche, leises Wehklagen in erkaltetem Bade-wasser, irre viel Orga.“

Wenn überhaupt, dann würde ich ein paar Sätze später einsetzen, wenn Gomringer schreibt:

Trauerpost annehmen, aber niemals öffnen, nachdem man die ersten zwanzig Schreiben geöffnet hat und viel zu viele einen vom Tod der Mutter in Kenntnis setzten: Jetzt, da deine Mutter tot ist, es tut mir leid, dass deine Mutter tot ist, gestorben heißt nicht fort für immer, sie ist tot, aber du stehst im Leben und so weiter. – In allen noch so wohlmeinenden Nachrichten schwang eine allzu rasche Art des Aufräumens mit, des Sich-wieder-Versorgens, des Entsorgens der Toten, Appelle der Kontrolle. Ich fühlte mich wie ein automatischer Müllsack, ein Ganzkörper-Tränensack, dessen Auftrag es ist, sich selbst zusammenzuschnüren und zu verräumen. Natürlich defekt. Tragisch defekt. Das machte mich aggressiv.“

Sicher kann man AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD als Aufbegehren gegen all das lesen und noch dazu als Abrechnung mit zwei Elternteilen, die eine virtuose Autorin geprägt und verletzt haben – das „rough“ im Untertitel steht aber für „Hart, aber herzlich“ und ist die Antwort auf diese Selbsteinordnung der Autorin: „Als Kind einer oft weinenden Mutter hatte ich viele Annahmen und wenig Gewissheit.“ Mit diesem Buch, so darf man annehmen, hat die Autorin dem etwas entgegengesetzt.

„Darf ich das hier so erzählen?“, fragt Nora Gomringer sich in einem der kurzen Kapitel, durch die wir zu fliegen versucht sind, dann aber innehalten, um langsamer und genauer zu lesen. „Ist nicht jedes Erinnern an die Eltern halbe Wahrheit? Wie viel Selbsterfindung, wie viel Selbstmitleid sei jedem zugestanden? […] Sprichst du nicht über die Gestorbenen, redet keiner mehr von ihnen. Wenn ich das so schreibe, will ich ungerecht sein, wohl weil ich es als persönlich erlittene Frechheit kaum hinnehmen kann, dass meine lustige, herbe, emotional erpresserische und zugleich großzügige Mutter fort ist und ihre Stimme nie mehr meinen Namen spricht.“

AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD ist genau das: Ein Weg, der Mutter wieder Raum und Klang und Wahrheit zu geben. Und wir können dankbar sein, Nora Bindestrich Eugenie Gomringer dabei begleiten zu dürfen.

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Ich habe dieses Buch freudvoll selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Nora Gomringer: AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD. Ein Nachrough. Voland & Quist, 2025.