In ihrem erzählenden Sachbuch DEUTSCHSTUNDEN erzählt die britische Autorin Pippa Goldsmith, wie sie mit ihrem neuen deutschen Pass und vielen alten Fragen zu ihrer Familiengeschichte versucht zu verstehen, was in der Vergangenheit passiert ist und was das für ihre Zukunft bedeutet.

„Während wir darauf warteten, das Flugzeug verlassen zu können, sah ich nach, ob sich mein Pass in meiner Tasche befand, um mich auf die Grenzkontrolle vorzubereiten; eine Routinemaßnahme, nichts, worüber man wirklich nachdenken musste. Bis mir beim Anblick meines britischen Passes klar wurde, dass er in Zukunft nicht mehr mein einziger sein würde. Bald würde ich zwei haben, und wenn es so weit war, würde ich immer wieder darüber nachdenken müssen, welchen ich benutzen sollte. Welche Identität ich wählen sollte.“

Im Zusammenhang mit ihrem Astronomie-Studium besuchte Pippa Goldschmidt auch Seminare der Royal Society: In einem weißen Stuckgebäude in Laufnähe zum Buckingham Palace lauschte sie Forschungserkenntnissen über Kosmologie und Dunkle Materie – nicht ahnend, dass sich dabei die Wege mit ihrem Großvater kreuzten. Der hatte die Carlton House Terrace 6–9 zwischen 1936 und 1941 mehrfach besuchen müssen, als es der Sitz der deutschen Botschaft war, um seinen Pass verlängern zu lassen. Bis zu dem Tag, als das „Dritte Reich“ ihm die Staatsangehörigkeit entzog; ihn, den deutsche Literatur liebenden Veteran des Ersten Weltkriegs, der für seine Tapferkeit ausgezeichnet wurde … und nun als deutscher Jude froh sein konnte, in England in Sicherheit zu sein.

Als der Brexit viele Menschen in Großbritannien vor das Problem stellte, sich nicht mehr so frei in Europa bewegen zu können wie vorher, nahm Pippa Goldschmidt ein Recht in Anspruch, das die Nachkommen derjenigen haben, die in der Zeit der Nazidiktatur ihre Staatsangehörigkeit verloren: Sie beantragte einen deutschen Pass. Der bürokratische Akt dauerte fast ein Jahr; die Auseinandersetzung mit dem, was ihrem Großvater passierte, länger.

Pippa Goldschmidt reist 2020 in das Land ein, aus dem ihr Großvater einst fliehen musste – aber wird sie dort ankommen können?

So beginnt für die Autorin, die kurz vor dem ersten Corona-Lockdown nach Frankfurt zieht, eine Spurensuche. Warum war ihr Großvater mehrfach in England, bevor er für immer dort bleiben konnte? Wie sah sein Leben davor aus und danach, welche Schicksale sind in seine Familiengeschichte eingeschrieben, die natürlich auch die der Autorin ist – und wird Pippa Goldschmidt Wurzeln schlagen können in einem Land, in dem ihr Großvater sie – wenn man widerlicher Weltanschauungen folgen würde – nie hatte?

Ich habe Pippa Goldschmidt 2019 auf einer Lesung in München kennengelernt und danach mit großem Vergnügen ihren Kurzgeschichtenband VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN gelesen. Schon damals erzählte sie davon, dass sie sich um die deutsche Staatsangehörigkeit kümmern wollte – umso neugieriger war ich nun auf ihr Buch DEUTSCHSTUNDEN, das den Untertitel „Eine Rückkehr“ trägt und wie sein Vorgänger fließend von Zoë Beck übersetzt wurde.

Von der Kunst, in längst vergangene Zeiten einzutauchen

Natürlich hat mich Goldschmidts Erforschung der Familiengeschichte an einen der großen Sachbuch-Erfolge dieses Jahres erinnert, ANNA – WAS VON EINEM LEBEN BLIEB, in dem Henning Sußebach über seine Urgroßmutter schreibt … und der mich mit seiner Spurensuche wiederum an die Bestseller von Florian Illies denken ließ. Das Erfolgsrezept von Illies ist es, so persönlich und mitreißend über Persönlichkeiten der Geschichte zu schreiben, dass wir gar nicht anders können als zu glauben, dass sich dies alles genau so zugetragen hat, wie er es erzählt (hinzu kommt der besondere Humor des Autors, der immer wieder durchblitzt). Sußebachs Ansatz ist ein anderer und vielleicht sensibler zu nennender, weil er nicht für sich in Anspruch nimmt, die Gedanken seiner Vorfahrin und ihrer Zeitgenossen zu kennen.

Und Goldschmidt? Ist, wenn man so will, noch ein bisschen neutraler. Und dann auch wieder nicht: Man merkt DEUTSCHSTUNDE an, dass die Autorin sich dem Thema zwar mit den Werkzeugen einer wissenschaftlichen Recherche nähert, so wie sie sich auch mit Quasaren beschäftigt (den aktiven Kernen einer Galaxie), ihre Ergebnisse aber natürlich persönlich geprägt sind.

„Es hat eine gewisse Ironie, an einem klaren Winterabend die leuchtenden Sterne zu betrachten und Quasare zu studieren, die allesamt für das bloße Auge unsichtbar sind (selbst der hellste bekannte Quasar ist hundertmal zu schwach, um ohne Teleskop gesehen werde zu können)“,

schreibt die Autorin über das eine – und in gewisser Weise auch über das andere:

„Ich konnte zwar auf die Stelle am Himmel zeigen, von denen ich wusste, dass sie dort zu finden waren, aber ich würde sie niemals ohne Weiteres suchen können.“

Pippa Goldschmidt erinnert sich an ihre Großmutter Lisl, die nach dem Mauerfall hoffte, dass Deutschland nie wieder die Art von Land werden würde wie das, unter dem sie und ihre Familie leiden mussten; sie liest Annette von Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, recherchiert über die Schlachtfelder des ersten und die Internierungslager des zweiten Weltkriegs, sie findet Unterlagen über ihre Urgroßeltern in Offenbach und in Wien, wertet verschiedenste Quellen aus und steht schließlich im Keller unter einem Frankfurter Bürokomplex vor den rekonstruierten Mauern des jüdischen Ghettos, die sinnbildlich stehen für ein allzu pragmatisches Weitermachen und gleichzeitig auch für die Notwendigkeit, die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Von der liebevollen jiddischen Selbstbeschreibung „Luftmensh“ zum nationalsozialistischen Kampfbegriff

Ein wiederkehrendes Motiv in DEUTSCHSTUNDEN ist das antisemitische Stereotyp der „Wurzellosigkeit“, das unter anderem missbraucht wurde, um zu behaupten, dass Juden keine Identifikation mit ihren Heimatländern hätten; so gab es während des Ersten Weltkriegs eine sogenannte „Judenzählung“ bei der Armee, deren Ergebnisse aber geheim gehalten wurden, da das erhoffte Ergebnis nicht stimmte: prozentual gesehen dienten genauso viele deutsche Juden wie deutsche Nicht-Juden, ohne dafür aber die gleiche gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren.

Aber was soll das überhaupt bedeuten, Wurzeln haben oder Wurzeln nicht haben? Hat das eine nur mit freudigem Glück zu tun und das andere nur mit Schmerz? Als sie zu Gast ist bei der Verlegung von Stolpersteinen für eine entfernte Verwandte und deren Familie, schlägt Pippa Goldschmidt den Bogen zwischen dieser Erinnerungskultur und dem Schmerz ihrer Großmutter:

„Ich weiß, dass ich auch für Lisl weine, die niemals in der Lage war, ihren eigenen schrecklichen Verlust offen anzuerkennen. Die es nur in Form geschriebener Worte tun konnte: die Notiz, die an den Schal [ihrer Mutter] geheftet war, das Formular von Yad Vashem. Vielleicht schreibe ich deshalb dieses Buch – als eine Erweiterung von Lisls Botschaft an uns.“

DEUTSCHSTUNDEN ist ein Buch, das ich mit Gewinn gelesen habe – nicht unbedingt, weil ich etwas Neues über das Schicksal jüdischer Menschen gelernt hätte oder mich in den Beobachtungen der Autorin über das Deutschland der Gegenwart wiederfinde. Trotzdem ist es ein Geschenk, Pippa Goldschmidt dabei zuhören zu dürfen, wie sie über ihre persönliche Spurensuche berichtet.

Anders als die bereits erwähnten Bücher von Florian Illies ist DEUTSCHSTUNDEN keins, das durch seine schillernde Erzählweise Applaus verlangt; umso mehr hat die Autorin ihn verdient. Zumal sie, zwischen England und Deutschland, zwischen wissenschaftlicher Astronomie und persönlicher Familiengeschichte, zwischen dem Schreiben über die Vergangenheit und dem Leben in der Gegenwart, längst ihre eigenen Wurzeln geschlagen hat:

„Ich beschließe, aus Frankfurt fortzugehen, meine Möglichkeiten zu nutzen und in einer Stadt ohne Verbindung zu meiner Familie zu leben. Mein Partner bekommt einen Job in Berlin, und wir ziehen weg. Berlin hat so viel eigene Geschichte, die gründlich dokumentiert wurde, dass ich mich befreit fühle von der Notwendigkeit, etwas Persönliches entdecken zu müssen.“

Und dann gibt es auch noch die beiden letzten Absätze des Buchs; die werde ich hier natürlich nicht zitieren. Aber wer sie liest, dem wird es wie mir gehen: Man möchte aufspringen, Pippa Goldschmidt gratulieren, sie ans Herz drückend willkommen heißen … und applaudieren.

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Ich habe dieses Buch selbst auf dem „Markt der unabhängigen Verlage“ im Münchener Literaturhaus gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Pippa Goldschmidt: DEUTSCHSTUNDEN. Eine Rückkehr. Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks Verlag, 2025.