Schönheit, Außenseitertum und die Zwänge, unter die wir von der Gesellschaft gestellt werden – in ihrem Debütroman DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN verhandelt Betty Boras große Themen so souverän, dass ich sie unbedingt für ein Kurzinterview gewinnen wollte. Und das findet sich nun … hier!

Da habe ich vorher etwas verpasst: Auf Instagram ist Betty Boras schon längere Zeit bekannt – ich habe sie nun erst durch ihren Roman DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN kennengelernt, den ich mit viel Vergnügen gelesen habe … und hin und wieder einem inneren Widerstand, der unterstreicht, wie gut die Autorin ihre Themen platziert und ausarbeitet. Grund genug, ihr drei neugierige Fragen zu stellen.

Liebe Betty, Du erzählst in Deinem Roman DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN von Theresia, deren Aussehen sie im 18. Jahrhundert zum Opfer macht und in ein Arbeitslager im rumänischen Banat bringt – und von Vio, die im Deutschland der Gegenwart damit hadert, dass ihre kleine Tochter nicht dem entspricht, was optisch als „normal“ gilt. Ist Schönheit immer eine Waffe, die sich gegen Menschen richtet?

Betty Boras: „Schönheit ist eine Währung, die Macht verleihen, aber auch zur Gefahr werden kann, wenn sie auf Missgunst stößt. Dass Theresias Schönheit von ihrem Umfeld nicht ausgehalten werden kann, dass sie als gefährlich gilt, das sind die Gründe, warum die Waffen der sogenannten Keuschheitskommission gegen sie gerichtet werden.

Vio hingegen richtet selbst die Waffe auf sich. Das Phänomen des ‚pretty privilege‘, dass es schöne Menschen leichter haben, hat sie so internalisiert, dass sie glaubt, das Leben ihrer Tochter – und dadurch auch ihr eigenes – zerstört zu haben, als diese nach einem Unfall Narben im Gesicht davonträgt. Als Migrantin hat Vio gelernt, Defizite durch gutes Aussehen und Angepasstheit auszugleichen. Während sie für ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen musste, sollte ihre Tochter die besten Startbedingungen haben. Diese zerschlagene Hoffnung hält Vio kaum aus.“

Dein Roman zeigt auch, welchen Zwängen sich Vio unterworfen fühlt, als sie aus ihrer rumänischen Heimat nach Deutschland kommt. Ist die Freiheit, die wir alle genießen und schätzen, vielleicht doch auch eine Illusion?

Betty Boras: „Wenn wir uns umsehen, was weltweit gerade passiert, dann wird uns ständig vor Augen geführt, dass es keine Gewissheiten gibt. Und doch brauchen wir illusorisches Denken, um nicht ständig in Unruhe und Angst zu leben.

Vio war in Rumänien ein glückliches Kind, und sie glaubte, dass das so bleiben würde. Ihre Eltern hingegen hatten die Vorstellung, dass das Leben in Deutschland ein wahrgewordenes Märchen ist. Beide Illusionen fallen der Wirklichkeit zum Opfer, während zeitgleich neue Wunschvorstellungen aufgebaut werden: Dass es mit jedem Schritt besser wird, mit jeder Generation. Illusionen erzeugen auch Druck. Ein Banater Sprichwort lautet: ‚Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte erst das Brot.‘ Rückschritte sind nicht vorgesehen, da liegt also auch eine Unfreiheit in der Wunschvorstellung.“

Romane, die auf zwei Zeitebenen von Frauenschicksalen erzählen, zeigen, dass es in der Vergangenheit viele lebensbedrohliche Umstände gab – während Problemstellungen in der Gegenwart oft nicht zwingend existenziell sind. Nimmst Du es mir auf der Ebene übel, dass ich mit Theresia mehr mitgefiebert habe?

Betty Boras: „Natürlich nicht! Ich finde es nach den ersten Rückmeldungen zum Roman extrem spannend, wer welche Lieblingsebene hat, und dass das bisher recht ausgeglichen ist.

Bei Theresia auf der historischen Ebene geht es wirklich um Leib und Leben. Sie wird in ein Arbeitslager verschleppt und weiß nicht, wie sie und ihr ungeborenes Kind entkommen sollen. Aber auch für Vio in der Gegenwart werden der Kampf gegen ihre Schuldgefühle und der Wunsch, ihr Kind vor der Welt zu beschützen, existenziell. Die Obsession, die sie zum Thema Schönheit entwickelt, ist alles andere als gesund, bringt sie und ihre Tochter in Gefahr. Und auch für Vio als junger Mensch ist es auf eine Art lebensnotwendig, Anschluss zu finden. Nicht länger in dem Korsett, das sie tragen muss, in ihrem Zimmer zu liegen und zu warten, dass die Zeit vergeht und sie endlich leben kann.“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Betty Boras: DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN. HanserBlau, 2026