Lesen ist trotz objektiver Kriterien bei der Einordnung eines Textes immer eine subjektive Erfahrung – was dem einen gefällt, lässt den anderen kalt, und umgekehrt. Und so konnten mich diese vier Romane nicht vollumfänglich überzeugen; sie anderen Lesenden vorstellen und durchaus empfehlen möchte ich trotzdem.

So. Hier sollte eigentlich ein anderer Text stehen. An dem habe ich lange gefeilt. Und als ich ihn posten wollte, dachte ich: „Nee, wirklich nicht.“

In dem Text sollte es darum gehen, dass ich mir seit einiger Zeit erlaube, Bücher abzubrechen. Ja, und? Zugegeben, es fällt mir schwer, das Abbrechen. Die für mich ehrenwerte Variante: „Weil ich das Gefühl habe, den Autor*innen nicht gerecht zu werden.“ Aber meistens befürchte ich, dass ich einfach zu doof bin, um sie zu verstehen. Auf der anderen Seite werde ich dieses Jahr 56. Wie viel Zeit habe ich noch für Bücher, die im Marie Kondo’schen Sinne so gar keinen „Joy sparken“ für mich? Wer loslässt, hat die Hände frei!

Außerdem habe in den letzten Monaten Bücher gelesen, die mir nicht gefallen haben. Das sagt genau gar nichts aus über die Qualität dieser Texte: Manchmal will der Funke nicht überspringen. Ich habe die jetzt zur Seite gelegt, ohne eine Rezension zu schreiben. Damit genüge ich dem Anspruch nicht, den ich an dieses öffentliche Lesetagebuch habe. Aber läuft deswegen Hannah Waddingham hinter mir her und ruft „Shame“?

(Jetzt muss ich gerade lachen über den „Heiligen Ernst“, mit dem ich in der ersten Version des Textes versucht habe, mich zu erklären. Ich bin doch nicht „Game of Thrones“ oder die Passionsfestspiele! Wobei ich nun „Shame, shame, shame“ im Ohr habe in der Version von Izabella Scorupco. Voll der Ohrwurm, thank me later!)

Und schließlich: Wie gehe ich mit Büchern um, bei denen ich Leser von geringem Verstand die Qualität sehe – aber doch nicht begeistert genug bin, um eine ausführliche Rezension zu schreiben? Es sind auf jeden Fall Romane, von denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie viele von euch begeistern werden. Und deswegen – let’s all clutch our pearls! – probiere ich jetzt etwas aus:

Vier kurze Leseeindrücke zu vier Büchern in drei – zwei – eins … jetzt!

Das Foto zeigt den Roman KONFETTIBLUES von Lutz van der Horst; das Buch liegt auf einem gemusterten Papierhintergrund

KONFETTIBLUES von Lutz van der Horst – ein Liebesroman, der es mir etwas schwer machte, ihn ans Herz zu drücken

„An der Anzahl der Lacher werde ich feststellen können, welche Art von Gags bei wem zündet. Wenn nur Markus lacht, sind die Witze zu derbe und müssen abgemildert werden. Wenn nur Danny lacht, ist alles totaler Mist und ich kann noch mal von vorne anfangen. Ich bin mir nicht sicher, was es bedeutet, wenn nur Elmar lacht, aber irgendetwas wird es bedeuten.“

Ein Buchtitel zum Verlieben, ein sympathischer Autor und ein Roman über Selbstzweifel und Gefühlsverwirrung: Lutz van der Horst erzählt in KONFETTIBLUES schwungvoll über Max, der mit Ende 20 am Tiefpunkt des Lebens angekommen ist – seine Karriere als Late-Night-Moderator ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat, und einem Durchbruch als Comedy-Star steht im Weg, dass Max weder witzige Ideen hat noch die Drahtseilnerven, die man für eine Bühnenshow braucht. Zum Glück gibt’s seinen besten Freund Markus, mit dem der Drogen-beschwingt auf Partys gehen kann, wo er sich auf Genitalebene in den sexy Yuma verliebt …

KONFETTIBLUES hat mich mit seiner Mischung aus Action und bewusst gesetzten Fremdschäm-Momenten immer wieder an eine 90er-Jahre-Komödie erinnert und ist – weil Lutz van der Horst mit rasantem Tempo durch die unterhaltsame Story prescht – sicher ein Lesevergnügen für Fans von Tommy Jaud & Co.; wer auf die Selbstzweifel und plakative Darstellung der verbockten Schauspielausbildung in Joachim Meyerhoffs ACH, DIESE LÜCKE stand, wird hier auch auf seine Kosten kommen.

Was ich mir gewünscht hätte? Weniger Brachialhumor, kreativere Ideen als die krass überzeichneten Eltern und mehr Feingefühl, wenn es um die behauptete, aber für mich Leser von geringem Verstand wenig nachvollziehbare Bisexualität der Hauptfigur geht. Aber: Dann wäre KONFETTIBLUES ein anderes Buch geworden – und natürlich hat auch diese Achterbahnfahrt auf 281 Vollgas-Seiten ihren Reiz. Vor allem: KONFETTIBLUES hat das Herz am rechten Fleck, und das ist viel wert, finde ich.

Das Foto zeigt das Buch PERSILSCHEINPARTY von Gabriele Weingartner; das Buch liegt auf einem gemusterten Papierhintergrund.

In PERSILSCHEINPARTY fängt Gabriele Weingartner eine Zeit ein, die bald in Vergessenheit geraten wird

„Oskar musste nach Hause, wo es etwas zu feiern gab, ein Jubiläum: das zehnjährige Bestehen der Persilscheinsammlung seines Vaters – wenn er das recht verstanden habe. Wobei es nicht um das Waschpulver gehe, sagte Oskar, das sei ihm schon klar. – Ihm war es recht, dass sie weder Lesen noch Rechnen geübt hatten, ihm war auch egal, wie die Prüfung ausfiel. Er hatte keinen Ehrgeiz, er würde den Laden seines Vaters so oder so übernehmen.“

In PERSILSCHEINPARTY erzählt Gabriele Weingartner von einer Kleinstadt in den 50ern: von Kindern, die sich selbst überlassen sind, von Frauen, die sich nicht wieder hinter den Herd verbannen lassen wollen, vom Wunsch nach einem besseren Leben – und von der Selbstzufriedenheit, mit der Oskars Vater feiert, dass er sich eine weiße Weste kaufen konnte.

Die Autorin taucht stimmungsreich ein in die Lebenswelt der Kinder, die mit dem konfrontiert werden, was vor ihrer Geburt passiert ist – und auch darüber hinaus steht in PERSILSCHEINPARTY vieles nebeneinander: die Begeisterung für Tupperware; der Blick der einen nach vorne, das Wissen der anderen um das Gestern; eine erste Liebe; ein abenteuerlicher Ausflug, und vieles mehr.

Als ich den großartigen Einband gesehen und mich sofort festgelesen habe, war ich sicher, dass ich diesen Roman lieben würde. Ob nach 186 Seiten der Anhang notwendig ist, in dem die Lektorin (Jahrgang 1981) die Autorin (1948) in einer Mischung aus Interview und Werkstattbericht zu Wort kommen lässt, sei dahingestellt – er hat für mich den Eindruck verstärkt, dass hier eine interessante Geschichte vor allem mit dem Wunsch erzählt wurde, Zeugnis abzulegen über eine Zeit, an die sich bald nur noch wenige aus eigener Erfahrung erinnern können. PERSILSCHEINPARTY ist darum ein Buch, das sich zu entdecken lohnt – für das ich aber nicht der richtige Leser war, weil ich den Text trotz großartiger Momente letztendlich als etwas altbacken empfunden habe.

Das Foto zeigt das Buch HEIMAT von Hannah Lühmann; es liegt auf einem gemusterten Papierhintergrund.

Kann ein Roman unterhaltsam und politisch zugleich sein? Hannah Lühmann stellt dies in HEIMAT unter Beweis – wenn auch nicht in allen Punkten begeisterungswürdig

„In Karos Welt gab es nichts, das sich nicht durch einen Aufenthalt im Wald oder eine Apfeltarte klären ließ. Jana spürte eine große Sehnsucht in sich.“

Wow, die Autorin kann schreiben, sie hat eine spannende Geschichte – aber obwohl der Einstieg eine begeisterungswürdige Leseerfahrung versprach, konnte mich HEIMAT nicht überzeugen … und hinterlässt bei mir den Eindruck, dass das Buch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Hannah Lühmann erzählt von der schwangeren Jana, die mit ihrem Mann Noah und den Kindern in die Provinz zieht, wo die Gärten groß sind und der Himmel so hoch wie die Wahlprognosen für die AFD. Dort lernt sie Karolin kennen, die einen „natürlichen“ und „traditionellen“ Lebensstil propagiert, zu dem auch gehört, sich ihrem Mann unterzuordnen und darüber nachzudenken, einen Schleier zu tragen. Beginnt hier eine Freundschaft, oder verfällt Jana der anderen Frau? Noch dazu ist sie fasziniert von Karolins Mann Clemens, der so stark, männlich, natürlich ist … und ganz anders als Noah, von dem sie sich zunehmend entfremdet (zumal er sich wie der letzte Honk verhält).

Der einfache und kompakte Erzählstil machen HEIMAT zugänglich – der geringe Umfang von gerade einmal 170 Seiten bedeutet aber leider auch, dass die Autorin sich kaum Raum nehmen kann: Alles passiert in einem literarischen Stakkato, wird dargestellt statt ausgeleuchtet; je mehr wir uns dem Ende nähern, fühlt sich das Buch für mich wie ein Fiebertraum an, in dem die Farben um die schablonenartigen Figuren immer greller werden.

Vermutlich soll das genau so sein – denn Hannah Lühmann skizziert geschickt das Bild einer Gesellschaft, die ihrer Auflösung entgegentaumelt. Aber so viele gute Stellen ich mir markiert habe, so wenig überzeugt mich das Ganze, was ich ausgesprochen schade finde. HEIMAT hat viele Lesende – sicher zurecht – im Sturm erobert; mir ist das Buch leider ein zu kurzes Stück entgegengesprungen.

Das Foto zeigt das Buch TOYBOY von Jonas Theresia, das auf einem gemusterten Papierhintergrund liegt.

Wenn eine Geschichte besser ins dreckige New York der 70er Jahre zu passen scheint als ins Deutschland der Gegenwart, dann ist das mehr als spannend – Vorhang auf für TOYBOY von Jonas Theresia

„Ich habe der Camsexfirma einen Lebenslauf und eine Personalausweiskopie geschickt, dazu ein Ganzkörperfoto und ein Foto von meinem erigiertem Schwanz. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich für das Cambusiness gutaussehend genug bin, wenn auch kein spektakulär schöner Mensch. Ein spektakulär schöner Mensch hat einen Schimmer im Gesicht, der sich nur andeuten muss und der einen auf verspielte Weise heimsucht. Meine Schönheit dagegen war eine sehr glatte und berechenbare Schönheit, die zwar selten war, aber nicht selten genug. Wenn ich meinen Körper also zu Geld machen wollte, musste ich mich zwangsläufig mit den schmutzigeren Jobs abfinden, und Lohnarbeit kam nicht infrage, sie war der neunte Höllenkreis.“

Gregor denkt, er habe seine große Liebe gefunden – Levin ist dagegen klar, dass das Cam-Sex-Girl OxyOxana seinem kleinen Bruder Gefühle vorgetäuscht hat, um an sein Geld zu kommen. Während Gregor beschließt, auf spektakuläre Weise aus dem Leben zu scheiden und dies live zu streamen, will Levin das Geld für ihn zurückholen. Dabei hat er es auch nicht leicht gerade, denn als Callboy ist er eher überfordert als routiniert, sein Versuch als Cam-Boy geht schief, und schließlich läuft auch der Dreh eines Pornos nicht glatt. Vielleicht ist eine Erinnerung seiner Freundin Cook, bei der ein wildes Pferd sich als bemitleidenswerter Klepper herausstellt, gar nicht so weit weg von Levins Lebensrealität?

Schnell, aufgeladen mit Tabuthemen, auf dem schmalen Grat zwischen Skurrilität und Absurdität balancierend: TOYBOY ist ein Roman der Güteklasse „in your face“, den ich nach dem großartigen Einstieg staunend weitergelesen habe; modernes Arthouse-Kino, ganz sicher – was mich für den fantastisch schreibenden Jonas Theresia applaudieren, aber wegen des wilden Trips am Ende auch ratlos zurücklässt.

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Ich habe nur PERSILSCHEINPARTY selbst gekauft, die anderen Bücher als Rezensionsexemplare vom Verlag erhalten. Bei meinen Rezensionen handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie geben lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Lutz van der Horst: KONFETTIBLUES. Droemer, 2025

Gabriele Weingartner: PERSILSCHEINPARTY. Limbus, 2025

Hannah Lühdorf: HEIMAT. HanserBlau, 2025

Jonas Theresia: TOYBOY. Kein & Aber, 2025