Ein ungewöhnliches Buch, in dem das Schöne und das Schreckliche sehr nah beieinander liegen, weil großartig von beidem erzählt wird: Sabrina Orah Mark findet in HAPPILY das echte Leben in Märchen – und umgekehrt.
„Wie gläserne Särge und Zauberspiegel haben Märchen zweierlei Funktionen: Sie spiegeln den menschlichen Blick, doch gleichzeitig erlauben sie den Blick auf das, was dahinter liegt. Märchen sind hausgemachte Geschichten, dessen Innerstes nach außen gekehrt ist.“
Was, bitte schön, ist denn das? Ein Reigen vielleicht, ein wilder Ritt auf jeden Fall, hin und wieder eine Herausforderung … und fast auf jeder Seite ein Vergnügen: Die US-amerikanische Autorin Sabrina Orah Mark legt eine Sammlung vor, deren Umschlag mich kalt gelassen hätte – wäre da nicht die erste Textseite gewesen, die mich sofort begeistert hat:
Darin denkt die Autorin über ein Märchenbuch nach, das sie in ihrer Kindheit niemals aufgeschlagen wollte, weil auf dem goldgesprenkelten Einband ein sabberndes Krokodil abgebildet war, das ihr unheimlich erschien, obwohl es eine Cord-Weste trug. Nun, viele Jahre später, möchte sie das Buch unbedingt lesen – und beginnt daher, es selbst zu schreiben.
HAPPILY, fließend übersetzt von Esther Kinsky, ist Essay, Meditation und Ermächtigung; ein Buch, das uns Gedankenräume öffnet, zum Nachdenken provoziert und dabei mehr als einmal … schockiert? Die Autorin denkt über ihr Rollen nach als Tochter einer jüdischen Familie, als Frau eines afroamerikanischen Schriftstellers, als Mutter zweier Söhne. Wie spiegeln sich diese Lebensrealitäten in Märchen – und wie können auch wir die Welt um uns herum verstehen, wenn wir sie durch die garantiert nicht rosarote Brille einer Märchenerzählerin sehen?
Düstere Geschichten jenseits der Disney-vizierung
Wir begegnen Alice und der Roten Königin, Hänsel und Gretel, Blaubart, Pinocchio, der ein Ekel ist in der Originalfassung, die nicht von Disney weichgespült wurde, und neben vielen anderen auch dem Golem, den wir heute aus Horrorgeschichten kennen, der aber im 16. Jahrhundert erfunden wurde, um jüdischen Menschen Mut zu machen, die vielerlei Verfolgung ausgesetzt waren … und der am Ende von seinem Schöpfer zerstört wird:
„In einer anderen, merkwürdigeren und schöneren Version der Geschichte reibt ein kleines Mädchen den Buchstaben Aleph von der Stirn des Golems und macht ‚emet‘ zu ‚met‘: ‚Wahrheit‘ zu ‚Tod‘. In der Sefer Jetzirah, dem ältesten und geheimisvollsten kabbalistischen Text, steht das Schweigen für das Aleph, und sein numerischer Wert ist der des Wortes ‚Mutter‘.“
Man darf HAPPILY als Gedankenstrom empfinden, der immer wieder zur Stromschnelle wird, dabei aber stets sorgsam gelenkt ist und komponiert wurde. Zu klassischen Motiven wie dem des Rotkäppchens gesellen sich die Neuinterpretationen anderen Autor*innen, in dem der Wolf seinen Kopf zum Kraulen in den Schoß des Mädchens legt – und so gleiten wir immer tiefer in die Gedankenwelt von Sabrina Orah Mark, halb literarische Wunderkammer, halb Klagemauer:
„Meine Geschichten beginnen mit Figuren, die einfach und archetypisch sind, wie Das Stiefkind oder Die Mutter oder Der Vater oder Der Ehemann oder Die Schwester oder Die Söhne. Ich habe sie alle in Märchen gefunden. Doch als ich sie fand, hatten sie viele Risse und Sprünge und tausend Schichten Übermalung. Ich schreibe Wörter auf kleine Zettel (manchmal sind es Gebete, manchmal Witze) und stecke sie in die Risse, in die Sprünge. Dafür geben sie mir gelegentlich eine Geschichte.“
HAPPILY hat mich immer wieder verblüfft, denn wie die Autorin uns bei der Hand nimmt, wirkt so zugewandt und einfach, dass man fast vergessen könnte, dass Sabrina Orah Mark ein forderndes Buch geschrieben hat. „Von allen Märchen ist es Rapunzel, mit dem ich die größten Schwierigkeiten habe“, schreibt sie selbst dazu. „‚Das liegt daran‘, sagte mein Mann, ‚weil du sie benutzen willst, um über systemischen Rassismus zu schreiben, und über Proteste und Krebs und eine globale Pandemie.‘ – ‚Soll ich den Rassismus weglassen?‘, fragte ich.“
Natürlich tut Sabrina Orah Mark das nicht. Dafür unterhält sie sich zwischendurch mit einer Krähe. Und hat ein Verhältnis zu ihrer Stieftochter, das … sagen wir mal … alles andere als märchenhaft ist. Oder ist es genau so, wie man es in einem Märchen erwarten würde?
Ein Buch, in dem man versinken kann
Wie die Autorin die Welt sieht, kann uns das Staunen UND das Fürchten lehren – und ist darum von besonderer Schönheit. Gibt es das eine ohne das andere? Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen den Extremen:
„In der Todesstunde meiner Großmutter drängten sich die Menschen in ihrem Zimmer, obwohl nur mein Vater und meine Stiefmutter tatsächlich dort waren“,
lässt die Autorin uns wissen, und in wenigen Sätzen erzählt sie uns danach so viel über ihre Familie, dass man meint, eine Novelle darüber gelesen zu haben. An anderer Stelle erfahren wir, dass ihr kleiner Sohn seinen Plüschaffen unter dem Hemd tragen will, um ihn vor neugierigen Blicken zu beschützen; seine Mutter kann ihm das im Supermarkt nicht erlauben – der Sicherheitsmann könnte den Umriss für eine Pistole halten … Was mich ebenso getroffen hat ist Sabrina Orah Marks Sicht der Dinge, nachdem sie in der Schule gelernt hat, was die Nürnberger Rassegesetze waren:
„Mein Verhältnis zu dem Wort ‚Gesetz‘ ist immer belastet gewesen. Ich habe es mit einem Gähnen assoziiert, das scharfe spitze Zähne bloßlegt. Oder mit einem riesigen rosa Radiergummi, der mich ausradieren könnte.“
Vielleicht ist nicht jedes der 26 Kapitel brillant – aber alles, was Sabrina Orah Mark schreibt, ist es wert, durchdacht und auch noch ein zweites oder drittes Mal gelesen zu werden. Was mich noch lange verfolgen wird ist ein Besuch der Autorin in Yad Vashem; sie sieht sich dort Teile der Wandbilder an, die der polnisch-ukrainische Dichter Bruno Schulz 1942 in das Zimmer eines Jungen malen musste, dem Sohn eines Gestapo-Offiziers, um so sein Leben zu retten. Er wurde genau deswegen ermordet. Und damit ist die gewaltsame Geschichte der Märchenfiguren, die lange Zeit übermalt waren und in Vergessenheit gerieten, noch lange nicht zu Ende.
HAPPILY ist kein einfaches Buch, und vermutlich auch keins, das alle Lesenden gleichermaßen begeistert wird: Man muss es aufmerksam lesen, den Gedanken der Autorin konzentriert nachspüren … und gleichzeitig die Distanz eines Zuschauers im Theater behalten, der nicht nur das Spotlight auf die Bühnenmitte sieht, sondern auch den Dunkelraum im Blick behält. Wer sich darauf einlässt, wird das Buch nach 204 Seiten sehr befriedigt zuklappen – und eine gute Definition seines Zaubers zum Beispiel auch in dieser Textstelle gefunden haben, in der Sabrina Orah Mark über ein Kunstprojekt schreibt:
„Das Projekt nennt der Künstler ‚Imaginarium der Tränen‘, und die unter einem Mikroskop angesammelten Tränen sehen aus wie alte Monde, die mit Gras und Seesternen bedeckt sind. Sie sehen aus wie Buchstaben eines zukünftigen Alphabets. Sie sehen aus wie Daumenabdrücke und Schlachtfelder und heimliche Planeten. Ich wünschte, ich könnte die ersten Tränen einschicken, die meine Söhne vergossen haben. Und die letzten Tränen, die meine Großmutter vergoss. Denn ich will alles behalten. Ich möchte alles zusammenhalten. Und dann will ich alles loslassen.“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Sabrina Orah Mark: HAPPILY. Eine persönliche Geschichte – mit Märchen. Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Residenz Verlag, 2025.


Schreibe einen Kommentar