Reduziert geschrieben und doch voller großer Gefühle: In seinem Roman EIN VOLLES LEBEN erzählt der niederländische Autor Joost Oomen von zwei Männern, von denen derjenige, der mit seinem Leben hadert, nicht derjenige ist, der sterben möchte.

„‚Ich habe mein ganzes Leben lang schöne Dinge in vollen Zügen genossen, und am liebsten möchte ich auch schön sterben.‘ – ‚Aber wenn Sie das alles sehen, warum wollen Sie dann nicht mehr leben? Genießen Sie es nicht mehr?‘ – ‚Weil ich davon überzeugt bin, dass es die schönen Dinge auch noch geben wird, wenn es mich nicht mehr gibt‘, sagt Gerrit.“

Es scheint das eine nicht ohne das andere zu geben: Bei einem Buch, in dem es um den Tod geht, erwarten wir, dass es uns vor allem etwas über das Leben erzählt. Und so verhält es sich auch in diesem von Joost Oomen, das von Lisa Mensing fließend aus dem Niederländischen übersetzt wurde – und mich sehr begeistert hat. Wer Romane liebt, die es schaffen, leise, melancholisch, nostalgisch zu sein und gleichzeitig zu leuchten, der darf sich freuen auf EIN VOLLES LEBEN.

Theo Engel ist Arzt, stellt sich aber die Frage, ob er sich noch so nennen darf:

„Ich mache diesen Job seit drei Jahren. Davor war ich ein gewöhnlicher Hausarzt, aber die Arbeit habe ich nicht mehr ausgehalten. Zehn Minuten für Fußpilz. Zehn Minuten für eine schwere Depression. Zehn Minuten, um festzustellen, ob jemand Krebs oder Keuchhusten hat. Als die Hausarztpraxis, in der ich gearbeitet habe, von einem Investor übernommen wurde, fasste ich den Entschluss, etwas anderes zu machen […], und reagierte auf eine Anzeige, in der SCEN-Ärzte für die nördlichen Provinzen gesucht wurden.“

Trigger-Warnung: In diesem Buch geht es um Freitod und die Hilfe, diesen erfahren zu dürfen

Die Abkürzung SCEN steht für Self-Controlled Energo-Adaptive Regulation – und bezeichnet einen Arzt, der auf die Beratung und Unterstützung von Menschen spezialisiert ist, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen:

„Um sterben zu dürfen, muss der Patient sowohl unerträglich als auch aussichtslos leiden. Was das heißt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Der eine findet es unproblematisch, den ganzen Tag in einer Windel herumzulaufen, für einen anderen bedeutet es den unwiderruflichen Verlust seiner Würde. Wenn ein Patient (noch) nicht unerträglich und aussichtslos leidet, darf keine Sterbehilfe geleistet werden. Der SCEN-Arzt beurteilt am Ende des Verfahrens im Rahmen eines Gesprächs, ob beide Bedingungen erfüllt sind und Sterbehilfe gewährt werden darf.“

Als ich dies las, bin ich sofort über ein Wort gestolpert: gewähren. Das weckt bei mir Widerspruch, zumal Theo Engel mir sofort geantwortet hat:

„Gewähren? Das ist ein viel zu gewichtiges Wort. Es klingt so, als wäre ich ein selbstloser Wohltäter, Sankt Martin höchstpersönlich. Meistens sind die Menschen, die ich aufsuche, von ihrer Krankheit schon so schwer gezeichnet (Alzheimer, Parkinson, Krebs), dass ich nur in ihre Richtung pusten müsste, um sie auf die andere Seite zu befördern. Äste, so trocken, dass der Wind sie zerbricht. Nur, dass sie nicht vom Wind zerbrochen werden, dafür bin ich zuständig.“

Theo hat den Job vor drei Jahren mit Idealismus angetreten, aber davon ist inzwischen nicht mehr viel übrig („Jeden Monat mehrere Menschen umzubringen, hat wenig damit zu tun, die Welt zu verbessern.“) – die ständige Wiederholung der Gespräche, das Abholen der Medikamente in einer Apotheke, die Verabreichung an die Patienten und das Feststellen des Todes, das alles deprimiert ihn zutiefst. Noch dazu hat er seinen Geruchssinn verloren … und dafür den Drang entwickelt, etwas aus den Wohnungen der Verstorbenen mitzunehmen, eine Art Souvenir, das er bewusst in die Welt hinaustragen will.

Ein Stolperstein am Anfang – und dann nur noch begeistertes Staunen

Wenn man EIN VOLLES LEBEN zur Hand nimmt, sollte man meiner Meinung nach die ersten Seiten überspringen – der Text über Franz von Assisi schlägt eine ganz andere Tonart an als der Rest des Romans und hätte mich das Buch fast zur Seite legen lassen. Dann wäre ich nicht in den Genuss gekommen, zwei sehr unterschiedlichen Menschen zu begegnen: Theo, der damit hadert, unheilbar Kranke zu erlösen – und Gerrit Blauw, der mit 71 Jahren sein Leben beenden will, obwohl er gesund ist:

„Ich komme nicht für eine reguläre Sterbehilfe infrage. Ich bin physisch und psychisch gesund, ich habe immer gern gelebt. Ich möchte sterben, weil ich mein Leben als abgeschlossen, als vollendet betrachte und nicht das Risiko eingehen möchte, dass ich irgendwann nicht mehr gern lebe. Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit schönen Dingen beschäftigt, ich habe mein ganzes Leben lang schöne Dinge in vollen Zügen genossen, und am liebsten möchte ich auch schön sterben.“

Um Theo für seinen Plan, der gegen das geltende Rechte verstößt, einzunehmen, hat Gerrit seine Geschichte für aufgeschrieben – aber eigentlich beschränkt er sich auf die große Liebe seines Lebens, die unerfüllt geblieben ist: Zuerst war Saartje von der Insel Terschelling die Freundin seines besten Freundes, und später … aber das muss man selbst lesen.

Es ist verblüffend, wie Joost Oomen, der seinen reduzierten, konzentrierten Erzählstil beibehält, es doch schafft, die Kapitel voneinander abzugrenzen, in denen es um Theos Gegenwart und Gerrits Erinnerungen geht. Wenn wir den Arzt begleiten, fühlen wir die Schwere, das Grau und den Schmerz, der aus der Nüchternheit spricht, mit der Theo über Leid und Erlösung nachdenkt – und dem entgegengesetzt sind die vibrierenden, sehnsuchtsvollen, auch traurigen Aufzeichnungen von Gerrit, die uns empfinden lassen, wie nah das Schöne und das Traurige oft beieinander liegen. Was eine Giraffe damit zu tun hat? Werde ich hier natürlich nicht verraten!

EIN VOLLES LEBEN ist kein Tal der Tränen – tatsächlich kamen sie mir nur einmal, dann aber gewaltig. Auf 192 Seiten erzählt Joost Oomen von vielen intensiven Momenten: Davon, wie eine Gruppe junger Leute Verstecken spielt; welches Glück es sein kann, einen schlafenden Menschen zu betrachten; wie wir weiterleben sollen, wenn der Mensch, der alles für uns ist, nicht mehr leben kann; über die bereits erwähnte Giraffe. Und die Frage, ob Reykjavik die wahre Stadt der Liebe ist, hat mich erstaunlich lange nicht losgelassen …

Zwei Perspektiven, die sehr unterschiedlich sind – und ein großes Leseglück, wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen

Den vor allem sehnsuchtsvollen Erinnerungen von Gerrit stellt der Autor den Lebensschmerz von Theo gegenüber, und auch dafür findet er Bilder, die mich gleichermaßen bewegen und glücklich machen:

„Theo Engel hat manchmal das Gefühl, eine Uhr verschluckt zu haben. Nicht, weil seine Zeit bald gekommen ist, das ist nicht der Fall, es geht eher um das Geräusch des Sekundenzeigers, um den leichten Hall, den er in einem dunklen Frühstückssaal mit Fliesenboden erzeugt. Schwarze Fliesen mit weißen Fugen, es ist halb sechs morgens. Niemand frühstückt, aber in der Küche klappert ein Koch bereits mit den Töpfen. Ein Lichtstreifen fällt auf den Boden. Theo Engel ist die Uhr in diesem Frühstückssaal.“

Wenn Lektor*innen in Verlagen nicht wissen, wie sie ein Buch anpreisen sollen, greifen manche zum massiv ausgelutschte Qualitätsversprechen „atmosphärisch dicht“; auf den Roman von Joost Oomen trifft es tatsächlich in vollem Umfang zu. Und möglicherweise habe ich auch noch ein zweites Mal geweint – wenn der Satz fällt, in dem es um das Aussehen eines Papageien geht …

Literatur hat die Aufgabe, zu unterhalten, uns aber auch Türen für unsere Gedanken zu öffnen – und zudem ist EIN VOLLES LEBEN ein auf verschiedenen Ebenen politisches Buch, weil es auch um die Frage geht, ob der Staat das Recht hat, das Ende unseres Lebens zu reglementieren. Joost Oomen thematisiert dies nicht konkret, er lässt uns den Raum, eine eigene Haltung zu dem zu entwickeln, was Theo tut und Gerrit wünscht. Gerade deswegen ist ihm ein – und ich benutze dieses Wort bewusst, obwohl es sich bei dem Inhalt eigentlich verbietet – hinreißender Roman gelungen, der sehr traurig ist, aber uns nicht nur durchrüttelt, sondern am Ende mit einem Lächeln zurücklassen wird.

„Im Radio laufen die Beatles, ‚Fixing a Hole‘.“, heißt es in einem der Kapitel, in denen es um Theo Engel geht. „Ich werde nichts reparieren. Ich werde ein Loch mit einem Loch zuschütten, und das war’s dann.“ Hat er damit wirklich Recht?

Letztendlich trifft zu, was ich eingangs erwähnt habe: In diesem feinen Stück Literatur dreht sich alles um den Tod … und Joost Oomen erzählt gerade deswegen so viel über das Leben. Man kann das Licht nicht steuern, aber man kann mehr Fenster bauen, um es herein zu lassen.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Joost Oomen, EIN VOLLES LEBEN. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Arche Literaturverlag, 2026.