Mit ihrem Kurzgeschichtenband VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN lässt die britische Astronomin und Autorin Pippa Goldschmidt gleich zwei Neonschriftzüge über dem Kopf eines Lesers von geringem Verstand aufleuchten – und beides durchaus zu seinem Vergnügen.

„An dem Tag, an dem ich anfing, in der Sternwarte zu arbeiten, saß ich im Bus und ordnete mein Kleid sehr sorgfältig, damit es nicht zerknitterte. Ich spähte während der gesamten Fahrt aus dem Fenster, um die Haltestelle Blackford nicht zu verpassen.

Ich ging langsam den Hügel hinaus, ich wusste mich, was mich dort erwartete, es hatte mir noch immer keiner gesagt. Natürlich konnte ich die Türme der Sternwarte mit ihren grünen Metallspitzen sehen, jeder kann sie von der Innenstadt aus sehen. Als ich dort ankam, sah ich neben den Türmen und dem langgezogenen Gebäude, das die beiden verband, etwas abseits eine große Villa stehen.

Während ich am Eingang der Sternwarte stand und auf Mr. Storey wartete, kam ein Dienstmädchen mit einem Korb voller Holz aus der Villa. Es sah mich und blieb stehen, und einen Moment lang wünschte ich mir, an seiner Stelle zu sein, weil ich dann wüsste, was ich zu tun und wohin ich zu gehen hätte. Und dann ging das Gefühl vorüber. Ich bin jetzt erwachsen, sagte ich mir, und ich werde mich daran gewöhnen müssen, Dinge nicht zu wissen.“

Spätestens seit Forrest Gump auf seiner Bank saß, wissen wir, dass das Leben wie eine Schachtel Pralinen ist – und man nie weiß, was man bekommt. Dies gilt auch für Kurzgeschichtensammlungen und in besonderem Maße für diese: Obwohl ich wusste, dass die Autorin Pippa Goldschmidt studierte Astronomin ist, habe ich nicht damit gerechnet, dass sich ihre 20 Geschichten nicht nur um wissenschaftliche Forschungen und Kometen drehen, einen Pionier der Informatik und den Vater der Atombombe, sondern auch um weibliches Begehren, Machtverhältnisse und dunkle Materie … und ja, Bertold Brecht läuft ebenfalls durchs Bild.

Noch dazu, man kann es sich fast denken bei den breitgefächerten Themen, spielen die Texte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Hätte ich das alles geahnt, wäre vermutlich das wenig einladende Wort „überambitioniert“ in kühl vibrierenden Neonfarben über meinem Kopf aufgetaucht – und das wäre ein Verlust für mich gewesen, denn VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN ist ein spannendes, immer wieder neugierig zurücklassendes und somit nachklingendes Lesevergnügen.

Das liegt zum einen am klaren, schnörkellosen Stil der Autorin, der auch den wissenschaftlichen oder historischen Laien in den allermeisten Fällen ohne Vorwissen zielgenau durch die Handlungen führt; wer – wie ich – mehr wissen will, wird vermutlich immer wieder zum Smartphone greifen, um die realen auftretenden Personen und zum Teil erstaunlichen Zusammenhänge zu recherchieren (es gibt aber auch ein leider etwas knapp gehaltenes Anmerkungskapitel).

Die Faszination, die von den 220 Seiten ausgeht, rührt aber vor allem daher, dass Pippa Goldschmidt sich eben nicht nur an wissenschaftlichen Zusammenhängen abarbeitet, sondern wunderbare Miniaturen schafft mit Figuren, die auf zum Teil wenigen Seiten eine erstaunliche Charaktertiefe entwickeln. Und auf eine glänzende, schwarzhumorige Art ist das Buch zwischendurch auch noch lustig. Aber über meinem Kopf vibriert inzwischen ein anderer Schriftzug, nämlich „erstaunlich“.

Wie nähert man sich Pippa Goldschmidts Kurzgeschichtenband VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN am besten?

Ich habe den Fehler gemacht, eine Geschichte nach der anderen zu lesen, und davon rate ich ab: Es empfiehlt sich, jeden Text wie eine teure Praline zu genießen, ohne der Versuchung zu verfallen, sich sofort die nächste in den Mund stopfen zu wollen.

Lässt man sich mehr Zeit, dann fallen die – meiner Meinung nach – weniger gelungenen Texte nicht schwer ins Gewicht; um im einleitenden Bild zu bleiben: Manchmal erwischt man eben eine Schnapspraline, und ich gehöre eindeutig zu den Menschen, die finden, dass Alkohol nichts im Schokoladenmantel zu suchen hat. HELDEN UND FEIGLINGE hat sich mir in der Kombination der beiden Geschichtsebenen nicht erschlossen, DIE SUCHE NACH DUNKLER MATERIE und GESCHICHTE DES LEBENS habe ich schlichtweg nicht verstanden und FREIER FALL fand ich ebenso wirr wie überkonstruiert.

Umso heller strahlen dafür meine Highlights wie EINFÜHRUNG IN DIE RELATIVITÄTSTHEORIE oder VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN und mein persönlicher Liebling KEINE ZAHLEN. Sehr gefreut habe ich mich außerdem, dass Pippa Goldschmidt den tragischen Helden Alan Turing mit einer Geschichte würdigt – viel zu wenige Menschen wissen heute, wer er war und was ihm widerfuhr. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn ich das Buch in ein, zwei Jahren wieder zu Hand nehmen und diese Texte noch einmal lesen werde.

Dem Verlag Culturbooks gebührt Applaus dafür, dass er dieses auf den ersten Blick möglicherweise sperrig erscheinende Stück unaufgeregte Literatur nach Deutschland geholt und den von Zoë Beck fließend übersetzen, angenehm in der Hand liegenden Pappband mit einem Lesebändchen geadelt hat – zu einer ordentlichen Pralinenschachtel gehört meiner Meinung nach immer ein Schleifchen!

Ich wünsche VON DER NOTWENIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN viele Leserinnen und Leser … und mir persönlich, pretty please, Rückmeldung, welche der kleinen Überraschungen euch besonders gemundet hat.

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Ich habe dieses Buch selbst bei einer Lesung der Autorin gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Pippa Goldschmidt: VON DER NOTWENDIGKEIT, DEN WELTRAUM ZU ORDNEN. Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks Verlag, 2018.