Sie hat die Welt bereist, ihren Garten gepflegt – nun widmet sich Meike Winnemuth in ihrem Bestseller EINE SEITE NOCH einer weiteren Passion: dem Lesen.

Im Leben jedes Lektors gibt es Magic Moments, an die man sich erinnert, und dazu gehört für mich auch ein Telefongespräch, das ich vor vielen Jahren mit einer Journalistin führte, deren Texte in der Zeitschrift AMICA mich begeistert haben. Aus dem Buchprojekt wurde nix, aus ihr umso mehr, denn ganz egal, ob sie Kolumnen schreibt oder Bestseller: Meike Winnemuth ist klug, lebenserfahren, neugierig … und verfügt noch dazu über einen abgeklärten Humor, für den allein es sich schon lohnt, ihr den ein oder anderen Tempel zu bauen.

Nun ist ihre Liebeserklärung an das Lesen erschienen, und obwohl man EINE SEITE NOCH nach der letzten höchst befriedigt und durchaus beseelt zuklappen wird, habe ich dann doch noch neugierige Fragen – und freue mich sehr, dass die Autorin sich die Zeit genommen hat, sie zu beantworten.

Liebe Meike, es gibt ein Buch von Dir über Dein Jahr auf Weltreise und eins über ein Jahr in Deinem Garten – in EINE SEITE NOCH schreibst Du nun „nur“ über einen Lesesommer. Reicht das Thema nicht für zwölf Monate?

Meike Winnemuth: „Es hätte für zwölf Jahre gereicht, aber in meinem Alter muss man dafür sorgen, schnell wieder aufs Sofa zu kommen.

Im Ernst: Ich wollte auf keinen Fall endlos über meine Lektüren schreiben, das hätte ich eher öde gefunden, sondern mir ein paar Fragen über das Lesen stellen und hoffentlich auch beantworten: Was passiert da eigentlich? Wieso macht mich das so glücklich? Wozu ist das überhaupt gut? Um das zu beantworten, habe ich auch mit vielen Menschen aus meinem Umfeld gesprochen: Buchhändlerinnen, Literaturwissenschaftlern, Kritikern, Neurologen und leidenschaftlichen Leserinnen und Lesern. Ich glaube, es war die einfachste Recherche meines Lebens: In Wirklichkeit habe ich gemacht, was ich sowieso immer mache – lesen, reden, zuhören.“

Von Mai bis Oktober 2025 hast Du 81 Bücher gelesen bzw. als Hörbuch gehört, von KRIEG UND FRIEDEN über Sara Gmuers ACHTZEHNTER STOCK bis zum „Drachensexbuch“ FOURTH WING. Besteht da die Gefahr, dass auch ein tolles Buch einfach wegkonsumiert wird?

Meike Winnemuth: „Na klar, nicht jedes Buch kann sich so in die Erinnerung schrauben wie KRIEG UND FRIEDEN. Das wäre auch zu viel verlangt von den Büchern – und erst recht von mir! Ich finde, einige ziehen durch wie ein schöner Wolkenhimmel. Man freut sich dran und lässt sie weiterwandern. Das sind dann auch Bücher, die ich nicht aufbewahre, weil ich sie garantiert kein zweites Mal lesen werde. Die werden verschenkt oder im nächsten Büchertauschschrank verklappt.

Andere Bücher wiederum werden zum Lebensschatz, die haken sich fest, die sind dann auch meist mit vielen Klebestreifen verziert. Aber ich bin davon überzeugt, dass selbst das blödeste Buch etwas für mich bereithält, eine Idee, eine Formulierung, eine neue Sichtweise. Jedes Buch hinterlässt, was ein Freund von mir ‚Schwebeteilchen‘ nennt – die lagern sich ganz sachte ab, oft unbemerkt.“

Das Foto zeigt die Autorin Mike Winnemuth, die auf einem Sofa sitzt und liest. Der Text lautet: „Einige Bücher ziehen durch wie ein schöner Wolkenhimmel. Man freut sich dran und lässt sie weiterwandern.“

Denken macht das Leben schöner – und Lesen auch deswegen glücklich, weil es unseren Gedanken Fenster und Türen öffnet. Welches Buch würdest Du gerne Deinem jüngeren Ich, sagen wir mit 30 Jahren, in die Hand drücken?

Meike Winnemuth: „Ich bin nicht sicher, dass ich das überhaupt tun würde. Ich glaube, jedes Buch hat seine Zeit. Hätte ich mit 30 wirklich so viel mit Tolstoi anfangen können wie jetzt mit 65?

Eines der Bücher, die ich am öftesten gelesen habe, ist MRS DALLOWAY von Virginia Woolf. Mit 22 habe ich das Buch zwar bewundert, aber noch nicht gefühlt und ganz bestimmt nicht verstanden, das passierte erst mit Anfang 50. Erst da versteht man das Bedauern über ungegangene Wege und nicht gelebte Leben, ist vielleicht auch erstmals bereit, sich wirklich tief und vorbehaltlos in die Köpfe anderer Menschen zu begeben, wie das in einem solchen ‚stream of consciousness‘-Roman nötig ist. Also keine Eile mit den Büchern! Meist muss man erst in sie hineinwachsen. Aber das Tolle ist: Sie sind ja da, sie warten auf uns.“

Das Foto zeigt die Autorin Meike Winnemuth, die vor einem Gebüsch steht. Der Text lautet: „Ich glaube, jedes Buch hat seine Zeit. Das Tolle ist: Sie sind ja da, sie warten auf uns.“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Meike Winnemuth: EINE SEITE NOCH – Warum Lesen uns so glücklich macht. Penguin, 2026