In ihrem Buch EINE SEITE NOCH feiert die Bestsellerautorin Meike Winnemuth das Lesen. Und wir? Feiern sie!
„Bücher sind selten lebensverändernd, das wäre zu viel erwartet, aber sie können sehnsuchtsverändernd sein, und das ist wichtiger. Oft entdeckt man, was man nie auch nur in Erwägung gezogen hätte zu suchen. Beim Lesen regiert die Göttin Serendipität, der glückliche Zufall. Auf seltsame, unberechenbare Weise finden einen die richtigen Bücher zur richtigen Zeit, sie schmeißen sich einem förmlich in den Weg und an den Hals.“
Die Journalistin Meike Winnemuth kostet das Abenteuer Leben aus – und dafür können wir ihr dankbar sein, denn sie lässt uns in ihren schlauen Texten daran teilhaben: Ganz egal, ob sie jeweils ein Jahr lang um die Welt reist (DAS GROSSE LOS), BIN IM GARTEN ruft, ein blautes Kleid trägt, uns ihre gesammelten Kolumnen anbietet (UM ES KURZ ZU MACHEN) oder sich die Älteren unter uns noch an ihre legendären Texte in der AMICA erinnern, in denen sie mit großer Offenheit, aber auch einer robusten Grundhaltung zu sich selbst über Besuche beim Schönheitschirurgen oder Swinger Club berichtet – was diese Frau schreibt ist ein Gewinn. Und deswegen drängt sich natürlich die Frage auf: Was liest Frau Winnemuth eigentlich?
„Gelegentlich kommt jemand zu Besuch, der mich noch nicht so gut kennt und angesichts der Bücher fragt: Hast du die alle gelesen? Nein, natürlich nicht, sonst stünden sie ja nicht hier. Regale sind für mich keine Möbel zur Unterbringung von Gelesenem. Ich würde schätzen: Neun von zehn meiner Bücher kenne ich noch nicht. Viele davon hatte ich nur ein Mal in der Hand: als ich sie ins Regal stellte in der festen Überzeugung, dass ihre Zeit irgendwann kommen würde. Montaigne, der ja sowieso schon alles gedacht hat, was man so denken kann, hat das bereits 1580 beschrieben: ‚Ich genieße sie [die Bücher] so, wie ein Geizhals seine Schätze genießt: Die Gewissheit, sie genießen zu können, wann es mir beliebt, reicht mir, und meine Seele gibt sich mit diesem Verfügungsrecht vollauf zufrieden.‘“
Lesen, hören, staunen, freuen
Für EINE SEITE NOCH hat Meike Winnemuth ein halbes Jahr lang Buch geführt (wieso denn diesmal kein ganzes, das muss ich sie bald mal fragen …) über die 81 Romane, die sie gelesen oder gehört hat, macht sich Gedanken über dieselben sowie andere und stellt sich vor allem Fragen: Wie kommen Bestenlisten zustande, warum missfallen ihr die Klischees in Romantasy, aber nicht die in Landhauskrimis, und was passiert in unserem Gehirn, wenn wir lesen?
Wir erfahren, dass die Bibel möglicherweise der Grundstein war für den ältesten Buchclub der Welt, und was die Autorin bockig werden lässt. Aber verrät sie auch, wer ihr Schutzpatron ist? Um diese Frage sicher beantworten zu können, müsste ich das gerade mal 201 Seiten umfassende Lesevergnügen wohl noch einmal durcharbeiten, in meinen durchaus atemlos mitgeschrieben Notizen findet sich nur das Schlagwort … denn: Wie soll man sich auf die seriöse Berichterstattung konzentrieren, wenn man so viel Vergnügen an einem Buch hat?
Meike Winnemuth besucht außerdem Tagungen von Wolkenfreunden und Thomas-Mann Afficinados sowie Silent-Reading-Partys, diskutiert im Lesekreis und empfiehlt für MRS DALLOWAY eine Altersfreigabe ab 40. Warum? Das werde ich hier natürlich nicht verraten. Stattdessen aber, dass man sie dafür lobpreisen möchte, wie sie mit uns teilt, was sie bei einer Spendenveranstaltung für einen Schal von Virginia Woolf erlebte (Es! Ist! Hinreißend!) – und für Sätze wie diesen hier:
„Alle Emotionen sind Promenadenmischungen, und die klügsten Schriftsteller wissen und schreiben das.“
Jetzt reicht’s mit der Schwärmerei, jetzt kommt knallharte Analyse!
Was mich immer wieder einnimmt für Meike Winnemuth ist die Art, wie sie ihr Wissen um die Dinge des Lebens mit großer Neugier auf die Welt und all die Erfahrungen, die dort auf uns warten, verbindet – und wie sie darüber im barrierefreien, zugewandten, niemals seichten Plauderton berichtet, so als würde sie uns einladen, neben ihr am Küchentisch zu sitzen (oder vor ihrem Buchregal, aus dem sie den einen oder anderen Band für uns herauszieht). Sie vergleicht Übersetzungen von KRIEG UND FRIEDEN, lässt sich den Kopf für die Teilnahme an einer Studie verkabeln, steht in London vor einem McDonald’s, wo es früher einen legendären Buchladen gab, und sortiert ihre Bücher nach logischem System – wobei Logik manchmal eben auch das ist, was man dafür erklärt.
Texte von Meike Winnemuth haben den gerade schon im Ansatz beschriebenen eigenen Sound, der auch geprägt ist von ihrem Humor, den man vermutlich als trocken bezeichnen kann, obwohl er in verschiedenen Farben schillert. Und insbesondere EINE SEITE NOCH hat auch etwas Schwelgerisches, das uns mitreißt: Wenn Meike Winnemuth beschreibt, wie sie den ZAUBERBERG liest, hat das Zauber, ein Rauschen, Drängen, Schwärmen. Und wie wunderbar ist es, ein gutsortiertes Regal mit ungelesen Büchern so zu beschreiben:
„Es fühlt sich für mich so wohlig an, als ob zu allen Tages- und Nachtzeiten ein Topf warmer Grießbrei in der Küche stünde, direkt neben einer Schüssel roter Grütze, einer Panna cotta und einem Blech Zimtschnecken mit in Ahornsirup eingelegten Walnüssen, nur mal so als Beispiel.“
Worauf ich in dieser Wunderkammer hätte verzichten können? Eigentlich auf nichts. Außer vielleicht die Ausführungen eines Literaturprofessors … wobei ich einräumen muss, dass Sätze wie „Klopstock verbirgt sein Handwerk durch Überwältigungsästhetik, Lessing zeigt sein Handwerkszeug vor, nachahmbar, lernbar“ vermutlich durchaus das Rüstzeug bieten, um Texte besser zu durchdringen. Einmal mehr beweist sich also das, was Winnemuth schreibt:
„Der Sinn des Lesens: Finden, was man nicht gesucht hat. Und dadurch das Leben eine Nummer größer machen.“
Sind Lesende automatisch Stubenhocker*innen? Wenn, dann nur körperlich!
Ein weitverbreiteter Irrtum über das Lesen ist, dass es eine einsame Beschäftigung ist – dazu sagt die Autorin:
„Ein Buch braucht ein Gegenüber, um zum Leben erweckt zu werden. Wie es da so im Regal steht oder auf dem Stapel liegt, ist es nichts als ein Haufen Papier, in Scheiben geschnittene tote Bäume, bedruckt mit seltsamen kleinen schwarzen Zeichen. Zwischen diese Zeichen gießen wir Lesenden alles, was wir mitbringen an Neugier, Empathie, Wissen, Humor, Lust, Geduld. Ein Buch braucht Kollaborateure. Das Buch ist der Frosch, der von uns geküsst werden muss, alle produzieren ihre eigenen Prinzen.“
Und was mir, dem früher am Deutsch LK verzweifelten Leser von geringem Verstand, aus der Seele spricht:
„Beim Lesen ist die berühmte Frage, mit der man uns in der Schule gequält hat, völlig egal: Was hat sich der Autor dabei gedacht? ‚Was denken sich die Lesenden dabei?‘, darum sollte es eigentlich gehen. Der Text gehört dem Leser ebenso sehr wie dem Schriftsteller, schreibt der Philosoph Roland Barthes. Der Text ist kein Kunstwerk, sondern ein Raum der Freiheit, in dem der Leser spielen kann.“
EINE SEITE NOCH ist zu gleichen Teilen Essay und Liebeserklärung – und ein Geschenk für Menschen, die wissen, wie viel Glück in Geschichten zu finden ist, ganz egal, ob man sie nun liest oder anhört: „Bücher kommen und gehen wie Wellen“, schreibt Meike Winnemuth dazu. „Was bleibt, ist das Meer.“
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Meike Winnemuth: EINE SEITE NOCH – Warum Lesen uns so glücklich macht. Penguin, 2026


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