Mit EINSTEIN IM BADE hat David Mellem einen der amüsantesten Romane der Saison geschrieben – schlau, auf wunderbare Weise aus der Zeit gefallen und trotzdem temporeich.

„Schließlich halte ich die Regel, man müsse einem Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen, für verfehlt. Meines Erachtens darf es gar nicht erst dazu kommen, dass ein Gast einen Wunsch verspürt, den der Gastgeber nicht längst erfüllt hat. Es gilt, mögliche Wünsche nicht abzulesen, sondern sie vorauszusehen – nur so vermögen die Sehnsüchte des Alltags in einem Hotel wie dem unsrigen endlich einmal zur Ruhe zu kommen, sodass sich an ihrer Stelle Zufriedenheit einfindet.“

Bad Nauheim, September 1920: Zum ersten Mal seit Ende des Krieges wird sie wieder stattfinden, die nunmehr 86. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte; 2.500 Betten werden benötigt für Koryphäen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Im gediegenen Hotel Rastender Kranich (ehemals das Gasthaus Zum Gefüllten Krug) kommt es zu einem Fauxpas, ein Zimmer wurde doppelt belegt. Und so sieht sich Professor Philipp Lenard zunächst dem noch dazu nackten Max Planck gegenüber und hernach mit den Unannehmlichkeiten eines Ausweichzimmers konfrontiert. Mon dieu! Direktor Kleeberger, Sohn des ehemaligen Besitzers und mit Ende 60 nicht mehr als energiegeladene Nachwuchskraft zu bezeichnen, findet sich im Ausnahmezustand wieder:

„Man hat es aus Sicht des Gastgebers also mit einer äußerst ernsten Angelegenheit zu tun, bei der es gilt, alles zu unternehmen, um die Beschwerde nicht in einen Streit ausufern zu lassen oder gar in eine juristische Auseinandersetzung. Eine Klage ereilt Hotels häufiger, als mancher sich denken mag, und stets besteht die Gefahr, dass sich die Affäre zur schlimmstmöglichen Peinlichkeit auswächst, die einem Hotel widerfahren kann: einem Skandal. Nicht ohne Stolz bekenne ich, dass der Rastende Kranich von einem solchen Vorfall in seiner langen Geschichte bis dahin verschont geblieben ist […]. Nicht zuletzt aus dieser Tatsache war der ehrgeizige Anspruch erwachsen, der Rastende Kranich möge stets ein Hüter der Ruhe sein.“

Um diese Ruhe ist es aus mehreren Gründen nicht gut bestellt: Das Haus platzt im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten, zumal hier alles – inklusive den Rohrleitungen – in die Jahre gekommen ist; ein Grammophon oder ein Telefon gibt es genau so wenig wie einen elektrischen Aufzug, weil Kleeberger all dies für Auswüchse der Moderne hält, denen es zu trotzen gilt. Und das sind nicht die einzigen Gründe, warum der Rastende Kranich längst nicht mehr mithalten kann mit Grandhotels wie dem „Imperial“ oder dem „Carlton“.

EINSTEIN IM BADE ist der Schwanengesang auf den Glanz einer Epoche

Als nun auch noch Sonderkorrespondent Pfeifer auftaucht, weil der im Auftrag einer Berliner Zeitung eine große Story wittert, ist es mit Kleebergers Ruhe endgültig vorbei – wobei: Verbirgt sich in dieser Unannehmlichkeit möglicherweise die Rettung? Pfeifer will über Professor Lenard und dessen Erzfeind berichten, der ebenfalls im Rastenden Kranich absteigen wird; was, wenn es Kleeberger gelingt, die beiden Nobelpreisträger auszusöhnen und die Schlagzeilen für Reklame sorgen? So kompliziert kann dieser andere Mann ja wohl nicht sein. Wie heißt der noch … ach ja: Einstein, Albert Einstein.

EINSTEIN IM BADE wurde vom 1987 geborenen Daniel Mellem geschrieben – was verwundert, meint man doch, hier das geheime Lieblingsprojekt von Thomas Mann und Wes Anderson zu lesen, das an EIN GENTLEMAN IN MOSKAU von Amor Towles erinnert, ICH WAR DIENER IM HAUSE HOBBS von Verena Rossbacher und EIN PERFEKTER KELLNER von Alain Claude Sulzer: Es ist ein Vergnügen, sich in Mellems Erzählstil fallen zu lassen, in die Empfindsamkeiten seiner Figuren, die allesamt überzogen wirken, aber trotzdem ganz unmittelbar und ohne die Notwendigkeit zur ironischen Brechung begeistern, weil der Text auf seine aus der Zeit gefallene Art eben doch authentisch klingt.

Ich bin hingerissen, wenn Kaiserin Elisabeth im Kurpark einen Gruß ausbringt, wenn die kapriziöse Madame Hunderbrock, die alljährlich für drei Monate aus Hamburg anreist, jüngere Männer begehrt, möglicherweise aber auch nur, um damit sowohl das Objekt der gerade noch behaupteten Begierde zu düpieren als auch den Hoteldirektor ins Schwitzen zu bringen. Madame, die sich bald als – wenn auch wenig verlässliche – Verbündete des leidgeprüften Kleebergers zu erkennen geben wird, ist vielleicht eine der hinreißendsten Figuren, denen ich in diesem Lesejahr bisher begegnet bin, und es wäre ein Vergnügen, sie auf ein Stück Sauerkirschkuchen mit „geschwungener“ Sahne treffen zu können – den sie gewiss als ungenießbar bezeichnen würde, während sie ihn mit Genuss verspeist.

„Wohl ist die Madame Hunderbrock extravagant, dem würde sie selbst kaum widersprechen, doch geht dieser Charakterzug nicht einher mit jener Vorliebe zur Oberflächlichkeit, wie man sie bei derartigen Persönlichkeiten des Öfteren vorfinden mag. Wer die Madame in Gesellschaft also zuweilen als schrill empfindet, dem möge bewusst sein, dass dieses Verhalten nur eine Resonanz jener Tiefen ist, in die sie allein hinabzusteigen pflegt. Die Zahl der Bücher, denen sich die Madame während ihrer Kur widmet, dürfte unter unseren Gästen unübertroffen sein, und Konversationen muss sie schon deshalb nicht scheuen, weil sie in mannigfaltigen Feldern bewandert ist und auch in jenen, in denen sie sich nur bedingt auskennt, vorzüglich zu improvisieren versteht.“

Eine tollkühne Idee, die turbulente Folgen hat – ja, es gibt sie, die literarische Tür-auf-Tür-zu-Boulevardkomödie!

Ist Direktor Kleeberger, der Ruhe, Ruhe und noch mehr Ruhe herbeisehnt, möglicherweise doch mit mehr Wassern gewaschen als der Sole, für die das Kurbad bekannt ist? Auf sein haltloses Ruder folgen bald kleine Lügen und ein zumindest als Idee gar nicht mal ungeschicktes Taktieren, das aber nicht nur wegen der Eigensinnigkeiten der beiden Streithähne, die es zu befrieden gilt, Slapstickmomente für ihn bereithält.

EINSTEIN IM BADE ist ein humorvolles Vergnügen, das aber auch rührt – wenn es für Kleeberger, dieses eingestaubte Faktotum, nur eine einzige Möglichkeit zu geben scheint, Nähe zu empfinden: der Weg ins Badehaus am Wochenende, nur ein paar Schritte, schnell in Schweigen hinter sich gebracht, und doch eben nicht so allein, wie er denkt, sein ganzes Leben verbringen zu müssen.

Albert Einstein, der zu Werbezwecken natürlich im Titel genannt wird, ist im Buch übrigens eine Nebenfigur, auch wenn man das ein oder andere über sein Werk erfährt:

„Damals hatte der liebe Herr Einstein noch eine Relativitätstheorie veröffentlicht. Wussten Sie, dass es zwei davon gibt? Erst kam die spezielle und dann die allgemeine. Ein wenig seltsam, die Reihenfolge, finden Sie nicht auch? Beginnt man nicht mit dem Allgemeinen, bevor man ins Besondere geht? Erst das Brot und dann das Brötchen? Andererseits: Manchmal erscheint das Allgemeine ja auch im Besonderen. Im Geliebten findet man die Liebe. Aber ich schweife ab, ich will keinen Universalienstreit vom Zaun brechen, Sie gucken schon ganz verwirrt.“

Leider ist Einsteins Gegenspieler keine Erfindung des Autors: Philipp Lenard wird einige Jahre später glühender Anhänger der NSDAP und Initiator der „arischen Physik“. Im Leben ein Schwein, in diesem Roman aber durchaus am richtigen Platz, weil er eine Kleeberger’sche Entwicklung in Gang setzt, die mich vor Vergnügen in die Hände klatschen ließ. Aber das … lest ihr selbst. Ich verspreche euch, es lohnt sehr!

***

Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

David Mellem: EINSTEIN IM BADE. Kein & Aber, 2026