In ihrem Roman JUDITH UND HAMNET zieht Maggie O’Farrell nahezu – oder auch ohne jegliche Einschränkung – alle Register. Und dann geht’s auch noch um Shakespeare!
„Jedes Leben hat seinen Kern, seinen Dreh- und Angelpunkt, von dem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt. Für die abwesende Mutter ist es dieser Moment: der Junge, das leere Haus, der verwaiste Hof, der ungehörte Schrei. Wie er da hinterm Haus steht und nach den Menschen ruft, die ihn gefüttert, gewickelt, in den Schlaf gewiegt, bei seinen ersten Schritten an die Hand genommen und ihm beigebracht haben, einen Löffel zu benutzen, auf eine Brühe zu pusten, bevor er davon isst, sich beim Überqueren einer Straße in Acht zu nehmen, schlafende Hunde nicht zu wecken, einen Becher vor dem Trinken auszuspülen, nicht ins tiefe Wasser zu gehen. Für den Rest ihres Lebens wird dieser Moment ihr zuinnerst eingeprägt sein.“
Im Stratford des 16. Jahrhunderts spricht man nur noch hinter vorgehaltener Hand über den ehemals angesehenen Handschuhmacher, der wegen seiner Neigung zu Betrug und Sauferei in Ungnade gefallen ist. Und jetzt, man fasst es kaum, hat sein zwar gebildeter, aber lebensuntüchtiger Sohn auch noch diese seltsame Frau geschwängert: Die Bauerstochter Agnes scheint mehr Kind des Waldes zu sein als dafür geschaffen, unter Menschen zu leben; die Zukunft soll sie voraussagen können, und noch dazu hat sie bisher lieber ihren Turmfalken steigen lassen, als sich einen Ehemann zu suchen. Das kann doch nicht gutgehen!
Herzliche Willkommen im elisabethanischen England – und in der Zeit, bevor aus einem kleinen Lateinlehrer DER berühmteste Wörterschmied der Weltgeschichte wurde …
Natürlich bin ich „late to the party“, weil ich mich erst sechs Jahre nach dem Erscheinen schockverliebt habe in den Roman JUDITH UND HAMNET. Die irisch-britische Autorin Maggie O’Farrell erzählt darin die Geschichte einer Frau, die es wirklich gegeben hat, von der aber kaum etwas anderes überliefert ist als der Umstand, dass sie von ihrem Mann sein „zweitbestes Bett“ vermacht bekam; lange Zeit wurde das als Herabstufung gewertet, obwohl es im damaligen Kontext eine andere Bedeutung hatte. Und warum man das heute überhaupt noch weiß? Weil es sich bei besagtem Gatten um William Shakespeare handelt – der in diesem Buch, das in allen verfügbaren Erd- und Himmelsfarben schillert, allerdings nur die Nebenrolle spielt.
Maggie O’Farrells Sprache ist üppig, oft nah an der Grenze zum Überladenen (oder sogar darüber hinaus) – erweckt dabei aber eine Sinnlichkeit, dass man jede Aufzählung, jedes Eindrucksgewitter gierig in sich aufsaugt. Um hier direkt meinen einzigen Kritikpunkt anzusprechen und dann schnell wieder zu vergessen: Die einzige Sexszene im Buch in einer Kammer, in der Äpfel gelagert werden, ist gründlich misslungen, sie zeigt aber gleichzeitig hervorragend, wie die Autorin sich ihrem Stoff nähert:
„Derweil waren es ihre Hände, die ihre Röcke rafften, die sie auf dieses Regal hochstemmten, die den Körper des Lateinlehrers heranzogen. Du, sagten die Hände zu ihm, ich wähle dich. Und jetzt ist da dieses – dieses Ineinanderpassen. Es ist völlig anders als alles, was sie je gespürt hat. Sie muss an eine Hand denken, die in einen Handschuh schlüpft; ein Lamm, das nass aus einem Schaf rutscht; eine Axt, die einen Holzscheit spaltet; einen Schlüssel, der sich in einem geölten Schloss dreht. Wie, fragt sie sich, als sie dem Lehrer ins Gesicht blickt, kann etwas so gut, so genau zusammengehören? Sich so richtig anfühlen? Die Äpfel, die sich links und rechts von ihr erstrecken, rotieren und stoßen in ihren Kuhlen aneinander.“
Ich bin kein Freund von Triggerwarnungen, aber möglicherweise bietet es sich an, hier eine auszusprechen?
JUDITH UND HAMNET holt weit aus, sehr weit sogar, denn es wird in einem faszinierenden, herrlichen – und letztendlich niederschmetternden, wie schicksalshaften – Exkurs auch von einem Floh erzählt, der im Hafen von Alexandria auf einen Schiffsjungen springt, und von einem venezianischen Glasbläser, der sich die Hand verbrennt. Im Mittelpunkt steht aber ein anderes zentrales Ereignis: Agnes‘ Tochter Judith, Zwillingsschwester von Hamnet, wird sich mit der Pest anstecken, was in jener Zeit einem Todesurteil gleich kam. Nun meide ich sonst Geschichten, in denen Kinder sterben, und deswegen habe ich lange einen Bogen gemacht um diesen Roman; wem es auch so geht: Überwindet euch, es lohnt!
Maggie O’Farrell hat einen Roman geschrieben, der tottraurig ist und gleichzeitig von so herber Schönheit, dass es mir beim Lesen immer wieder den Atem geraubt hat – und ja, es flossen Tränen. Man könnte der Autorin vermutlich den Vorwurf machen, dass sie alles (aber auch wirklich alles) maximal aufgeladen hat: Der Beginn der Liebe zwischen Agnes und Will schenkt uns ein wehmütiges Lächeln, weil wir so hoffen, dass sie zusammenkommen können; umso mehr schmerzt es, wenn Agnes später eine richtige Entscheidung trifft, aber dafür einen Preis bezahlen muss („Es ist, als müsse sich London – und alles, was er dort treibt – zuerst von ihm abreiben, ehe sie ihn wieder bei sich aufnehmen kann.“). Aber hätte ich mich je gegen maximale Aufladung gewehrt? Natürlich habe ich das, aber um eine liebe Freundin zu zitieren: Was schert mich mein Geschwätz von gestern …
Keine Zeit für unangebrachte Heldenverehrung
In eine Falle, die sich vermutlich verführerisch anbot, stolpert Maggie O’Farrell nicht: JUDITH UND HAMNET würdigt das Genie Shakespeare, ohne es zu feiern, sondern zeigt vielmehr, was es bedeutet, begabt – gar begnadet – zu sein für das eine … und deswegen möglicherweise nicht für anderes, was wichtig wäre. Oder (und dies ist nun, zur Sicherheit gesagt, eine rhetorische Frage) findet Liebe immer einen Ausdruck, nur nicht unbedingt den, der im ersten Moment wünschenswert wäre?
JUDITH UND HAMNET ist eine Liebeserklärung an eine ungewöhnliche Frau, an Widerborstigkeit; gleichzeitig erzählt der Roman davon, wie Anpassung möglich ist, ohne sich untreu zu werden. Atemlos erleben wir außerdem die Tapferkeit eines Jungen, der sicher ist, den Tod hinters Licht führen zu können; wir sind dabei, wenn ein Kind gewaschen und für seine Beerdigung vorbereitet wird, eine der viele Szenen im Buch, in denen man einfach nur weinen möchte – und gleichzeitig ehrfürchtig staunt, wie intensiv darüber geschrieben wird:
„Einen Moment lang sehen sich die zwei Frauen an, dann hebt Mary das zusammengefaltete Laken auf, eine Ecke in jeder Hand. Das Tuch entfaltet sich, öffnet sich wie eine riesige Blume zu voller Blüte, und Agnes steht vor seinen unsagbar leeren weißen Bahnen. Das Laken ist so hell wie die Sterne, unentrinnbar in diesem dunklen Zimmer. Sie nimmt es. Sie vergräbt ihr Gesicht darin. Es riecht nach Wacholder, Zedernholz und Seife. Das Gewebe ist weich, schmiegsam, versöhnlich.“
Wer den Roman bisher noch nicht kannte, wird ihn nun vielleicht im Zusammenhang mit der Verfilmung entdecken – instinktiv rate ich: Erst lesen, dann schauen!
Während ich diese Gedanken sammle, habe ich die Verfilmung noch nicht gesehen, die erst nächste Woche in die deutschen Kinos kommt. Ich bin gespannt, gleichzeitig fast besorgt, dass die gefilmten Bilder denen des Buchs nicht standhalten können; zu sehr hat Maggie O’Farrell mich mit ihrem erzählerischen Atem berauscht. Weswegen an dieser Stelle auch nicht vergessen werden darf, die Übersetzerin Anne-Kristin Mittag zu preisen, die den Text auch auf Deutsch fließen lässt.
Der Trailer des Films hat für mich das Ende der Geschichte vorweggenommen; das ist vielleicht okay, aber ich möchte hier trotzdem nicht mehr verraten, obwohl man unbedingt darüber schreiben und sprechen möchte. So viel ist aber sicher möglich: Am Anfang von JUDITH UND HAMNET lässt Agnes ihren Turmfalken steigen; gegen Ende des Buchs, wenn Shakespeare seinen Lieblingsplatz im Theater damit vergleicht, wie dieser Vogel zu fliegen, ahnt er nicht, dass er in der O’Farrell’schen Sicht der Dinge nur deswegen lernen konnte, seine Flügel auszubreiten, weil Agnes ihn in die Luft geworfen hat. Aber wir wissen es. Und sind, auch wenn wir die Fakten natürlich nicht kennen, Parteigänger für Agnes – „Item, I give unto my wife my second best bed wih the furniture“ …? Ich krieg Puls!
Aber vielleicht hat uns Maggie O’Farrell schon vorsorglich versöhnlich stimmen wollen, wenn sie Agnes eine besondere Gabe andichtet – und sie William schließlich trotzdem genommen hat:
„Der Muskel zwischen Daumen und Zeigefinger ist unwiderstehlich. Er lässt sich öffnen und schließen wie der Schnabel eines Vogels, und die ganze Kraft einer Hand lässt sich dort finden, die ganze Stärke ihres Griffs. Die Anlagen eines Menschen, sein Horizont, sein innerstes Wesen lassen sich dort herauslesen. Was sie gehalten und behalten haben und was sie sich sehnlichst wünschen, sitzt an dieser Stelle. Es ist möglich, dämmert Agnes, alles Entscheidende über einen Menschen zu erfahren, wenn man nur kräftig genug zudrückt.“
Genau das tut dieser Roman: Er drückt kräftig zu – auf die allerbeste Weise.
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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen Buchhandel gekauft (Fun Fact: als sogenanntes MÄNGELEXEMPLAR). Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Maggie O’Farrell: JUDITH UND HAMNET. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Piper Verlag, 2020.


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