Die britische Autorin Tessa Hadley hat aus einer Kurzgeschichte, die für sie vermutlich vor allem eine Fingerübung war, eine Novelle gesponnen, die sich schnell lesen lässt, aber befriedigenden Nachhall hat.
„Zwischen jetzt und morgen konnte einfach alles geschehen. Evelyn konnte ihr Glück kaum fassen, sie war zu einer echten Party unterwegs – und zwar nicht zu irgendeiner normalen, langweiligen Party, sondern einer richtigen, wilden Party mit den Freunden ihrer Schwester, in einem ziemlich heruntergekommenen alten Pub mit furchtbar schlechtem Ruf gleich über dem schwarzen Wasser der Docks im Hafen. Wenn ihre Eltern gewusst hätten, wo die Party stattfindet, hätten sie sie niemals gehen lassen […]. Wer konnte schon ahnen, dass man vormittags in der Sonntagsschule unterrichten und die Kinder Bilder von Jesus mit einer Laterne in der Hand und einem verlorenen Schäfchen unter dem Arm mit Wachsmalkreiden ausmalen ließ und am Abend die eigenen Eltern mit so perfekt gespielter, zuckersüßer Unschuld anlügen konnte?“
Es gibt Menschen, die lieben dicke Bücher – für mich haben dünne einen Sirenenruf: Dem Versprechen, mich für einen langen Nachmittag oder ein faules Wochenende in einer Geschichte verlieren zu können, ohne dass ich dabei ein „Uff, wie soll ich die 682 Seiten schaffen?“ im Kopf haben muss, ist immer wieder verlockend. Und da ich ein Fan von Geschichten bin, die auf Festen spielen, die ich nicht besuchen muss, griff ich vorfreudig zu.
Tessa Hadleys Novelle DIE PARTY, von Marion Hertle fließend ins Deutsche übertragen, beginnt mit dem Satz „Die Party ist in vollem Gang“ – dabei ist Evelyn noch gar nicht dort angekommen, sondern hört nur die Musik, die vielversprechend durch die Straße am Hafen weht. Aber ohne zu spoilern: Besser als mit diesem Satz kann man das Buch nicht zusammenfassen, denn wir werden uns nach gerade einmal 123 Seiten mit einem entspannten Hochgefühl von Evelyn verabschieden, weil „this kid will be alright“.
Der Krieg ist noch nicht lange vorbei in Tessa Hadleys DIE PARTY – aber das neue Leben, es ist zum Greifen nah
DIE PARTY spielt im Bristol der frühen 1950er Jahre, und fast scheint es, als wäre auch der Text in dieser Zeit geschrieben worden: So authentisch sind die Figuren in alten Rollenbildern gefangen, so verdruckst (und dabei hinreißend) bewegen sie sich durch eine Geschichte, die man im 21. Jahrhundert gefühlt anders erzählen müsste.
Tessa Hadley spielt meisterhaft damit, eine nostalgisch angehauchte Geschichte zu erzählen, in der sich eine gewisse Betulichkeit damit mischt, dass kaltherzig mit einer Kranken umgesprungen wird und damit, dass die so „alte“ Mutter (die nicht mal Mitte 40 ist!) sich „gehen lässt“ und weder die Lockenwickler aus den Haaren nimmt noch auf ihre schmale Taille achtet. Fast unbemerkt setzt sie aber – zumindest in meiner Wahrnehmung – auch moderne Akzente: Da werden pragmatische Lösungen für fehlende Toiletten gefunden, fallen nonchalant alle Hüllen, und die Faszination für Rivalinnen darf aufgeladener sein, als man das erwarten würde:
„Moira war fasziniert vom seltsam schrägen Sexappeal des anderen Mädchens, dem kleinen schmollenden Gesicht, den düsteren Zügen mit den großen Augen und dem schiefen Mund, ihrer lauernden Gestalt wie von einem mageren Raubvogel. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass Doll attraktiv war, aber dennoch war sie von ihr angezogen und fasziniert – in Wahrheit mehr als von Hal. Moira schwelgte oft in ihrer Fantasie – so intensiv, dass es beinah Sehnsucht gleichkam, fast freizügig von bestimmten anderen Frauen, die ihre Konkurrentinnen waren.“
Es ist die Mischung aus klassischer Überkonstruktion, wenn die oberen Stockwerke eines kriegsversehrten Hauses sich im jahreszeiten-unabhängigen Winterschlaf liegenden Herrensitzes spiegeln, und dem sehr modern anmutenden Aufblitzen von Scham- und Brusthaar, die mich begeistert hat an DIE PARTY.
Drei Akte – oder ein langes Vorspiel?
Einem Artikel aus dem britischen The Guardian kann man entnehmen, dass Tessa Hadley den ersten Teil dieses Aufbruch-Triptychons als Kurzgeschichte für den New Yorker schrieb – und dadurch auf die Idee kam, der Schilderung der ersten Party zwei weitere Teile folgen zu lassen: Zu Beginn begleiten wir Evelyn und Moira also auf die Party im heruntergekommenen „Steam Packet“, in der Vincent Hof hält, ein charismatischer Künstlertyp, über den man sofort einen eigenen Roman lesen wollen würde, ebenso wie über das kurz durch die Handlung wehende (Akt-)Model Josephine; dort begegnen die Schwestern den Upper-Class-Gecken Paul, schön wie ein gefallener Engel, und Sinden, der seinen Vornamen hasst und nur mit dem Nachnamen angesprochen werden darf.
Im zweiten Teil erleben wir die Schwestern in ihrem Elternhaus, in dem es kein rauschendes Fest gibt, sich die Mutter aber von ihren Töchtern für einen Abend mit ihrem zumeist abwesenden Gatten schminken lässt – wie die Autorin hier ein Gefühl von Behaglichkeit mit bedrückender Enge verwebt (und zumindest in meiner Wahrnehmung mit einem unterschwelligen Kohl-Geruch, wobei der nie erwähnt wird) und ihren Figuren ohne fühlbaren Aufwand Kontur verleiht, ist ein Vergnügen.
Und dann beginnt sie schließlich, die Party, auf der die Schwestern Sinden und Paul wiederbegegnen und deren besser gestelltem, aber nicht unbedingt herausragenden Freundeskreis. Was, wie das ganze Buch, aber letztendlich nur die Ouvertüre ist, um nach dem Höhepunkt – einer durchaus skandalösen Entdeckung! – zu zeigen, dass es hier immer um etwas anderes ging als Feste, die gefeiert werden: und so sind die letzten beiden Seiten trotz ihrer Ruhe eine eigene Arie, die von Aufbruch kündet. Oder so.
Und zum Abschluss noch ein Glücksmoment!
Womit nun eigentlich alles gesagt ist, aber weil mein Leserherz so für eine Nebenfigur schlägt, darf Donald nicht unerwähnt bleiben, der gemeinsam mit Evelyn studiert, aber tragischerweise NKA ist, also Nicht Körperlich Attraktiv. Ihm verdanken wir ganz am Anfang diese hinreißende Szene, die ich mir, wäre mein Körper entsprechend beschaffen, sofort auf den beeindruckend trainierten Oberarm oder Brustmuskel tätowieren lassen würde:
„Bist du betrunken, Don? Ich glaube, ich habe dich noch nie betrunken gesehen. Wie bist du dann so?“
„Hinreißend natürlich.“
„Fühlst du dich jetzt betrunken?“
Er runzelte die Stirn, als würde er sich selbst einer Prüfung unterziehen. „Betrunken genug, um ins Wasser zu fallen, nicht betrunken genug, um nahe genug ans Wasser ranzugehen.“
***
Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Tessa Hadley: DIE PARTY. Aus dem Englischen von Marion Hertle. Kampa, 2025.


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