Der Schuber IM BETT versammelt vier einzeln gebundene Erzählungen über das Liegen – kurze, aber durchaus große Texte von Heike Geißler, Tamar Noort, Dmitrij Kapitelmann und Alena Schröder.
„Jetzt lebt sie hier seit vierzig Jahren, hat Kinder großgezogen und Menschen beerdigt, Besuch begrüßt und Tränen weggewinkt, hat Feiern veranstaltet und Einkäufe getragen und Streit geschlichtet, Arme geschlossen um Männer und Frauen und Kinder und Tiere, vierzig Jahre lang, aber diese funkelnde Nachtversion ihrer Nachbarschaft, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, hat sie noch nie gesehen. Es ist die Kehrseite eines vertrauten Bildes, eine Entdeckung, die größer nicht sein könnte.“
Bücher sind Geschenke, ganz egal, ob man sie anderen macht oder sich selbst – und das gilt in besonderem Maß für die Schuber, die im neuen Lampe-Verlag erscheinen: In ihnen gibt es jeweils vier Minibücher zu entdecken mit Erzählungen, die sich um ein verbindendes Thema drehen, ohne ihm auf eine bestimmte Weise verpflichtet zu sein. Für den Schuber IM BETT widmen sich Heike Geißler, Tamar Noort, Dmitrij Kapitelman und Alena Schröder auf 20 bis 31 Seiten einer uns vermutlich allen lieben Körperhaltung, dem Liegen.

„Am Abend, als Schäfer die Rollläden seines Geschäfts heruntergelassen und die Kassenabrechnung abgeschlossen hatte, tat er das Undenkbare. Er legte sich auf die VICTORIA SUPREME 3000“, schreibt Alena Schröder über die titelgebende Kaltschaummatraze, die zwar ein Auslaufmodell ist, aber möglicherweise mehr Aufmerksamkeit verdient, „auf die linke Seite, da wo auch der Mann in den letzten Tagen immer gelegen hatte. Es fühlte sich unerhört und verboten an.“ Die Bestsellerautorin mit dem unschlagbaren Talent für das Zwischenmenschliche zeigt eine für Fans ihrer Romane möglicherweise überraschende Seite ihres Könnens, für die man ihr einmal mehr zujubeln möchte.

Dmitrij Kapitelman beginnt seinen Text so: „Dass jederzeit irgendein Fremder um die Ecke schicksalen und einem das Leben verderben kann, ist den meisten Menschen bewusst, denke ich. Die Nachrichten präsentieren täglich Unmengen Anschauungsbeispiele. Wenn so eine unglückselige Kollision aber tatsächlich mal eintritt, am eigenen Leib, liegen die Dinge etwas anders.“ Der Erzähler findet sich seiner bisher tadellosen Kreuzbänder im linken Knie beraubt, muss also gezwungenermaßen das Bett hüten – und sinnt in seinem mitreißenden, durchaus sprunghaft wirkenden und dabei natürlich wohlkuratierten Bewusstseinsstrom auf Rache, kommt aber nicht umhin, seine dunkelblauen Thrombosestrümpfe ein wenig sexy zu finden. DAS BELEGTE HERZ, so der Titel, basiert auf einem Text aus dem ZEITMAGAZIN und sollte mit einem Warnhinweis versehen werden: Wer diese kurze Geschichte liest, wird danach sofort weitermachen wollen mit Kapitelmans Romanen.

Zu sagen, dass EIN PANZER FÜR IRMI mein Highlight in der Sammlung ist, soll den anderen Texten keine Ehre ansprechen – aber Tamar Noort hat mich sofort in die Welt ihrer Hauptfigur gezogen, mir ihre Trauer, ihr Aushalten und Loslassen auf wunderbare Weise nahe gebracht. „Irmi liebt es, dass sie sich nicht kümmern muss“, das ist ein Satz, den ich mir sofort auf den pralltrainierten Brustmuskel stechen lassen würde, wenn ich denn welches hätte; „Sie trägt keinerlei Verantwortung für die Auswahl der Bilder, aber an ihnen entlang segelt sie dem Schlaf entgegen. Sie stellt sich das tatsächlich so vor: wie ein Sprung von einem Hochhaus, im großen Bogen, und auf dem Weg nach unten, im freien Fall, blitzen die Stückwerke auf in ihrem Inneren, so kurz, so schnell, dass Irmi sie niemals ganz zu fassen kriegt. Zack, riesiger Ficus, zack, Tagesschausprecherin, zack, Römertopf mit Gulasch, zack, zack, zack. – Und in der Tiefe wartet der Schlaf. Sie fällt ganz ohne eigenes Zutun in ihn hinein wie in einen federzarten Haufen aus Daunen.“ EIN PANZER FÜR IRMI ist ein 250-Seiten-Roman, der sich in gerade einmal 22 augenfreundlich gesetzten Seiten verbirgt; das muss so ein Text auch erst mal schaffen, oder?

Was uns zur Geschichte bringt, die dem Schuber seinen Titel gibt – oder sich diesen leiht? Was weiß denn ich … Heike Geißler erzählt von einer Frau, die vermeintlich wichtige Brücken abbricht: „Ich ging nicht ans Telefon, erklärte Freundinnen per Kurznachricht, dass ich spontan verreist sei. Man sollte sich keine Sorgen um mich machen. Ich fand mich, wie ich da so lag und herzlich wenig tat, ausgesprochen unwichtig, und wenig hat mich bisher fröhlicher gestimmt als dieses Gefühl.“ Unsere Alltagswelt ist oft (gar immer?) ein Perpetuum Mobile aus An- und Überforderung und dem ständigen Weiter-Weiter der Moderne, und während man sich beim Lesen von IM BETT noch fragt, ob die Erzählerin sich die neugewonnene Verweigerungsfreiheit überhaupt leisten darf oder kann, ist man bereits versucht, ihr zujubeln.
Und weil Jubel ja auch nichts anderes ist als Applaus, gebührt dieser nun sowohl den vier Autor*innen dieses Schubers als auch dem Lampe-Verlag. Auf ihrer Website schreiben Christiane Lahusen und Viktor Hilgemann:
„Wir lieben gute und kluge Unterhaltung, die mal zum Lachen und mal zum Weinen anregt, mal zum Nachdenken und mal zum Sich-verlieren (und -finden). Gute Texte inspirieren und laden ein, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Deshalb bietet jeder Schuber eine vielseitige Auswahl von Texten und Perspektiven auf ein Thema. So gibt es immer und für alle etwas zu Entdecken.“
Ob man die einzelnen Texte wirklich in die Jacken- oder Hosentasche steckt, um sich überall einen kurzen Lektüregenuss bescheren zu können? Ich glaube nicht: Die Schuberbücher vom Lampe-Verlag sind schöne Objekte, mit denen man sorgsam umgehen möchte. Ein Geschenk für Lesestunden, die das eigene Kopfkino zum Leuchten bringen – ideal für den Eigenbedarf oder für Menschen, denen man eine Freude mit Nachhall machen möchte.
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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft im Rahmen des INDIE-BOOK-DAYs. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Heike Geißler, Tamar Noort, Dmitrij Kapitelman, Alena Schröder: IM BETT – Erzählungen vom Liegen. Lampe Verlag, 2026


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