Im Mai 2026 erscheint mein erster Roman EINE LIEBE OHNE SOMMER. Bis dahin erzähle ich jeweils am letzten Sonntag im Monat, wie er entstanden ist – und heute, wie aus meinem Manuskript bei Rowohlt das fertige Buch wurde.

Für alle, die neu dabei sind, der Schnelldurchlauf: Nach über 30 Jahren als Lektor habe ich einen Roman geschrieben, eine Agentin gefunden und meinen Wunschverlag.

Und jetzt? Geht’s heiter weiter mit dem nächsten Schritt auf dem Weg zum fertigen Roman: Mein Manuskript wird redigiert – und das Buch bekommt ein Cover. Klassisches Verlagshandwerk also. „Das habe ich selbst oft genug gemacht“, dachte ich, „das wird ein Spaziergang.“ Was einmal mehr beweist: Einen Scheiß weiß ich …

Sind Lektor*innen unbesungene Held*innen?

Die Autorin Silke Schütze hat mir vor vielen Jahren ein Geschenk gemacht – denn sie sagte, dass unsere Zusammenarbeit sie an ein Zitat der US-amerikanischen Bestsellerautorin Danielle Steel erinnere: „Ohne meinen Lektor schreiben ist so, als würde ich mich im Dunkeln anziehen.“ Das hat mich sehr gerührt, wahrscheinlich auch, weil ein Autor mir kurz zuvor mitteilte: „Eigentlich arbeite ich gerne mit dir, aber zwischendurch könnte ich dich erschlagen.“

Es gibt blumige Umschreibungen der vielfältigen Aufgaben, die Lektor*innen erfüllen – in den frühen 2000ern erklärte eine Kollegin mir beispielsweise, sie würde sich als „Hebamme“ verstehen, und war entsetzt, als ich vergnügt dagegen hielt, ich würde mich als „Steigbügelhalter“ sehen … Am wohlsten fühle ich mich mit dem Bild des Trainers – denn als Lektor ist es meine Aufgabe, Autor*innen dabei zu helfen, das Beste aus sich und ihren Texten herauszuholen. Das kann für alle Beteiligten anstrengend werden, wie man am erwähnten Autorenkommentar sieht. Aber die Menschen, die Leon Neugebauer, Angelique Kerber oder die Fußball-Nationalmannschaft unterstützen, werden auch nicht sagen: „Och, das ginge zwar besser, aber passt schon …“

Was ich schnell gemerkt habe: Es ist eine Seite, als Lektor auf der Verlagsseite zu stehen – und eine ganz andere, als Autor auf Feedback zu warten. Es heißt, dass Karma gnadenlos ist – würde mir nun „kosmische Gerechtigkeit“ widerfahren mit einer Lektorin, die noch strenger ist, als ich es je war? Zumal ein befreundeter Autor mir erklärte, unsere gemeinsame Lektorin Dinah Fischer sei die Königin der Kürzung: „Die findet jeden Satz, den die Geschichte nicht braucht.“ Aber ich mag doch den Speck auf den Rippen meiner Geschichte! Da half auch dieses Stephen King zugeschriebene Zitat wenig: „Der Lektor hat immer recht. Aber kein Autor wird alle Ratschläge seines Lektors beherzigen; wir alle haben gesündigt und verfehlen die lektorale Vollkommenheit.“

Eine Lektorin zum Verlieben

Als ich Dinahs Nachricht im Posteingang sah, wollte ich mir die Decke über den Kopf ziehen … und musste dann lachen, denn sie schrieb, dass sie die Mail schon seit drei Tagen fertig hatte, aber es sich für sie seltsam anfühlte, sie an einen Menschen zu schicken, der so viel eigene Erfahrung als Lektor hat. Zu sehen, wie offen Dinah damit umging – und zu verstehen, dass sie mich sowohl als Autor als auch als Kollegen respektiert –, das hat mir viel gegeben.

Das Foto zeigt links die Rowohlt-Lektorin Dinah Fischer und rechts daneben des Autor Timothy Paul; die beiden sind vor einem unscharfen Bücherregal zu sehen; die oben stehende Frage "Wo steht der Autor am liebsten?" wird unten beantwortet mit: "Neben der wunderbaren Dinah Fischer."

Schon nach den ersten Kommentaren und Vorschlägen von Dinah löste sich ein Teil meiner Anspannung in rosige Wölkchen auf, denn sie waren allesamt schlau und lösungsorientiert. Warum es doch eine Herausforderung blieb, mich ihnen zu stellen? Goethe hat seinem Faust bekanntlich „zwei Seelen, ach, in meiner Brust“ angedichtet; ich dagegen hörte auf einmal drei Stimmen, herrje, in meinem Kopf.

Die erste rief: „Tim! Du darfst Dinah auf keinen Fall mehr Arbeit machen! Übernimm alle Änderung! Setz jeden Wunsch von ihr um! Du willst auf keinen Fall ein bockiger Autor sein!“ Dazu gesellte sich – durchaus bockig – eine zweite Stimme: „Aber Du BIST nun der AUTOR!“ Und während ich versuchte, mich in dieser Rolle einzufinden, meldete sich bei jeder einzelnen Textstelle auch Stimme Nummer 3: „Wie würdest Du das gerade machen, wenn Du der Lektor wärst?“

Ich habe etwas Zeit gebraucht, um in den Flow zu kommen und zu begreifen, dass die drei Stimmen mir nicht weiterhelfen – Dinah aber umso mehr: Sie hat einen sehr genauen Blick auf die Geschichte und Figuren, spürbare Sympathie für meine bisherige Leistung, aber eine erfrischende, weil andere Perspektive. Das war auch deswegen ein Geschenk, weil die Protagonistin in EINE LIEBE OHNE SOMMER eine 35-jährige Frau ist. Nun bin ich auch mal in diesem Alter gewesen – das ist allerdings lange her. Und falls ich das sicherheitshalber festhalten sollte: Eine Frau war ich noch nie … Durch meine Testleserinnen wusste ich, dass ich diese Perspektive trotzdem gut hinbekommen habe, aber Stephanie, Gisela und Beate sind ebenfalls 50plus.

Umso spannender war es für mich, welche Details die deutlich jüngere Dinah in der Darstellung von Rosa und ihrer besten Freundin Steffi antippte. Ich erinnere mich an Kommentare wie „Ist vielleicht kein moderner Sprachgebrauch?“ oder „Hier klingt es ein bisschen nach 90er Jahre RomCom?“ – und vor allem an den großen Unterschied zwischen Dinah und mir: Wo ich beim Lektorieren zum Ausrufezeichen neige, setzt sie Fragezeichen. So hat Dinah mir sanft, aber zielsicher geholfen, meinen Text feinzuschleifen – und mich dabei ein bisschen mehr als Autor zu fühlen. Eine Nebenfigur, die sie streichen wollte, habe ich aber trotz guter Argumente nicht geopfert. Und die Szene, die Dinah vehement gefordert hat, ich aber nicht im Buch sehen konnte? Habe ich geschrieben, als der Roman bereits im Satz war, und ihr zum Geburtstag geschenkt. EINE LIEBE OHNE SOMMER ist für alle seine Leserinnen bestimmt – aber mir war wichtig, dass es etwas rund ums Buch gibt, was nur Dinah gehört.

Das Bild zeigt das Cover der vierzehnten Episode des Buch-Podcast Rababumm, auf dem neben dem Schriftzug diverse Bilder zu sehen sind, die im Zusammenhang mit der Episode stehen, unter anderem einem Bild von Lektorin Dinah Fischer mit Autor Timothy Paul.

Wie jetzt, man soll ein Buch nicht nach dem Umschlag beurteilen?

Autor*innen in den Gestaltungsprozess ihrer Cover und Umschläge einzubeziehen kann eine gute Idee sein – und das komplette Gegenteil. Ich habe im Lauf der Jahre mit Schreibenden gearbeitet, die ein gutes optisches Gespür hatten, die abstrahieren konnten zwischen dem, was sie persönlich lieben, und dem, was auch den Buchhandel ansprechen kann und den Weg der Geschichte zu den Lesenden erleichtert. Ich kenne auch Autor*innen, die all das für sich reklamieren würden … aber eben nicht wie Grafik- und Verlagsprofis denken. Was vollkommen okay ist, aber im Alltags-Hurlyburly ein ziemlicher Stolperstein werden kann. Und wir erinnern uns: Genau das will ich auf keinen Fall für meine Lektorin werden.

Cover sind „eierlegende Wollmilchsäue“: Sie müssen den Handel, die Presse und die Lesenden neugierig machen, sie sollen etwas Besonderes sein, aber bitte auch nicht SO besonders, dass sie dadurch unverkäuflich werden. Zum Inhalt soll die Optik auch noch passen. Und nein, Lieblingsfarben spielen dabei so wenig eine Rolle wie der Hinweis, den alle Lektor*innen schon einmal gehört haben: „Aber meine Oma und meine zweiundzwanzig besten Freundinnen sind der Meinung, dass …“

Als ich versucht habe, meine Vorschläge und Ideen für Dinah zusammenzustellen, habe ich schnell gemerkt, dass ich mir dabei selbst im Weg stehe – denn in dem Moment war ich nicht mehr der Autor, sondern wieder der Verlagsmanager; ich dachte und argumentierte aus der Sicht desjenigen, der weiß, was in den letzten dreißig Jahren erfolgreich war und was nicht. Das fühlte sich zu meiner eigenen Überraschung für den Autor in mir nicht richtig an. Kann ich Cover für die Bücher anderer Autor*innen briefen, die sich am Markt durchsetzen werden? Ja! Geht das auch für mein eigenes Buch? Ich habe schnell gemerkt: nein.

Also habe ich das gemacht, was mir schwerer fällt als ein Kopfstand (von dem ich zumindest theoretisch verstehe, wie man ihn hinbekommt): Ich habe mich überraschen lassen.

Und so saß ich dann in Hamburg mit Dinah im Büro von Katharina Dornhöfer, der Programmleiterin von Rowohlt Polaris, nach diversen Terminen mit anderen Menschen im Verlag schon etwas müde und aufgeraut … und sah die Entwürfe. Menschen, die in Verlagen arbeiten, werden jetzt denken: „Ja, und? Passiert doch jedes halbe Jahr mehrfach!“ Aber zum ersten Mal den Umschlag zu sehen für das eigene Buch, kickt wie die Beschleunigung von Null auf Hundert in unter vier Sekunden.

Auf dem Bild steht das folgende Zitat der Buchhändlerin Sabine Krüsemer von der Buchhandlung Herr Holgersson: "Ein Roman, der berührt und den man genießen kann wie gute Schokolade oder einen schönen Tag am Meer."

Der erste Entwurf: die perfekte Umsetzung der Titelformulierung – aber leider nicht der Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Der zweite: ein guter Genre-Umschlag – aber eine Optik, die ich zu oft gesehen habe. Und der dritte … Moment. Was ist denn das? Drei Farbflächen, die Bewegung ins Motiv bringen, dazu ein Geländer, wie es auch eine Rolle am Anfang meines Romans spielt. Die Typo allerdings viel zu groß, fast das ganze Cover füllend. Und die Figuren auf dem Geländer erzählten eine andere Geschichte, als sie sollten. Erstes Bauchgefühl: „Schade, das ist es nicht.“ Dann der über Jahre antrainierte Reflex: „Damit kann man arbeiten.“

Obwohl Katharina und Dinah ebenso herzlich wie ergebnisoffen mit mir über die Entwürfe sprachen, lag ich abends unglücklich in meinem Hotelzimmer: Würde sich jetzt die Geschichte wiederholen, die ich schon von Autor*innen kannte? Hinter vorgehaltener Hand hört man immer wieder, wie wenig geliebt manche Cover sind, selbst wenn sie das Buch auf die Bestsellerlisten gebracht haben.

Nach einer unruhigen Nacht, in der ich mich dafür, dass ich eigentlich Verlagsprofi bin, ausgesprochen verletzlich gefühlt hatte, bekam ich am nächsten Morgen eine Mail von Katharina: „Du warst gestern nicht glücklich, also sind wir es auch nicht. Wir schauen uns wie besprochen eine Überarbeitung von Entwurf 3 an, gehen parallel aber noch mal ganz neu ran mit einer Alternativagentur.“ Ich glaube, ich habe sogar ein bisschen geweint vor Erleichterung.

Die Agentur, die neu gebrieft wurde, ist ein Traum – viele ihrer Cover empfinde ich als ikonisch. Umso mehr habe ich mich gefreut auf die Entwürfe. Und die waren alle gut. Aber … erwartbar? Vollkommen okay, nur leider ohne diesen besonderen Funken.

Wann der dann doch übersprang? Als Dinah mir die Überarbeitung des Covers zeigte, über das wir ursprünglich gesprochen hatten. Da waren sie wieder, die Farbflächen, an die ich immer wieder zurückgedacht hatte. Jetzt stand die Typo perfekt. Und auf dem Geländer saßen und standen zwei Figuren, die für mich sofort zu Rosa und Nikolas wurden – zu der Frau, die nicht weiß, wie ihr geschieht, und dem Mann, der die Hand nach ihr ausstreckt, der Schwerkraft trotzend und in der Gewissheit, die sich so 1:1 in meinem Roman findet: „Was soll mir denn passieren, jetzt, wo ich dich gefunden habe?“

Ein echter, schöner Glücksmoment – jedes Mal aufs Neue

Ich weiß nicht, wohin mich die Reise mit EINE LIEBE OHNE SOMMER noch führen wird. Aber zwei Dinge kann mir nichts und niemand nehmen: Die bewegende Gewissheit, meine Geschichte bei Dinah in die besten Hände gegeben zu haben – und das Glück, dass ich jetzt gerade wieder empfinde, während ich das Cover zum vermutlich 3.263.827 Mal anschaue. Meine Geschichte, mein Buch, mein Cover!

Das Bild zeigt links den Autor Timothy Paul, der vor einer mit bunten Graffitis geschmückten Betonwand steht; der Schriftzug darüber stellt die Frage: "Wer sagt, dass Trauer immer grau sein muss?" Rechts daneben ist der Umschlag des Romans "Eine Liebe ohne Sommer" abgebildet, klein daneben das Cover des Hörbuchs, versehen mit der Info, dass das Hörbuch und das eBook im April Premiere feiern bei Thalia.de und Skoobe.

EINE LIEBE OHNE SOMMER wird vorab und exklusiv am 1. April als E-Book bei Thalia.de und in der Hörbuchfassung von Argon am 6. April bei Skoobe Premiere feiern, die gedruckte Ausgabe dann am 15. Mai überall, wo es gute Unterhaltung gibt – über zwei Jahre, nachdem dieses Abenteuer für mich begonnen hat. Was auf den letzten Metern noch alles passiert ist? Das erzähle ich in der nächsten Episode des MAKING OFs am letzten Sonntag im April.

***

Mit diesem Text bewerbe ich natürlich meinen Roman EINE LIEBE OHNE SOMMER, der am 15. Mai 2026 bei Rowohlt im Verlagslabel Polaris erscheinen wird. Der Roman kann jetzt überall vorbestellt werden, wo es Bücher gibt – also zum Beispiel auch HIER.