In ihrem Kurzgeschichtenband DU, HIER erzählt Julia Wolf von Frauen, deren Leben ganz ohne Paukenschläge oder flirrende Geigenklänge aus dem alltäglichen Gleichgewicht geraten.
„Als du dich im Spiegel erblickst, musst du grinsen. Deine Unterlippe ist aufgeplatzt. Du tupfst das Blut mit dem Zipfel eines Handtuchs ab. Tut zwar weh, aber du hörst trotzdem nicht auf, dein Spiegelbild anzugrinsen. Dass du das kannst. Zuschlagen, einfach so. Nicht einfach so, mit der Faust, Hanswurst mit voller Wucht in sein Hanswurstgesicht, dass er rückwärts stolpert.“
Eine Frau will den Geburtstag ihrer besten Freundin feiern, aber ihr Körper ist eine Spielverderberin. Wanda versucht, sich zu finden, und sei es in den Erinnerungen ihrer verstorbenen Schwiegermutter. Loretta gibt Gas, Sabrina hat nur bedingt Lust auf Tapetenwechsel, und die Frau von Max? Hat Angst, große Angst.
Wie fange ich an, meine Gedanken zu DU, HIER in Worte zu fassen? Es böte sich an, damit einzusteigen, dass Kurzgeschichten und Erzählungen im englischsprachigen Raum deutlich beliebter sind als in Deutschland. Ich könnte auch die Forrest Gump’sche Pralinenschachtel bemühen, bei der man nie weiß, was man als Nächstes bekommt. Oder nähere ich mich den Texten vielleicht am besten damit, dass ich schreibe, dass die Autorin Julia Wolf sonst anderen Autor*innen als Übersetzerin die Stimme leiht, nun aber erneut unter Beweis stellt, welchen Wohlklang auch ihre eigene Sprache hat?
Angelockt vom hinreißenden Schutzumschlag haben ich mich kopfüber in elf Texte fallen lassen, die man größtenteils entspannt lesen kann, obwohl sie weit mehr sind als literarische Snacks: Insbesondere beim zweiten Text, DIE HELDIN IHRER GESCHICHTE, habe ich mir gewünscht, die Autorin hätte einen ganzen Roman daraus gemacht, weil so viel in den Figuren und Konstellationen steckt. Das gilt auch für ALLES ÖFFNET SICH – Judith wird von ihrem Date abserviert, am Heiligabend, kurz bevor sie ihn auf eine Party begleiten sollte, und landet im Speisesaal eines Altenpflegeheims:
„Als ich Kind war, hatte meine Mutter keine Freundinnen, umso mehr habe ich mich gefreut, als sie hier im Heim Anschluss gefunden hat. Oft haben die drei auf unterschiedlichen Kanälen gesendet, aber wenn sie sich in derselben Realität aufhielten, verstanden sie sich gut. Meine Mutter war bei Weitem die Jüngste hier. Und die Einzige, bei der die Demenz nicht altersbedingt war.“
In den Texten von Julia Wolf wechselt sich das Alltägliche mit dem Tragischen ab, mit dem Schönen, dem Absurden. Realität ist manchmal, was man daraus macht, und umso mehr weiß ich es als Leser zu schätzen, wie die Autorin immer wieder einen besonderen Glitzer auf Momente legt – wenn wir beispielsweise erfahren, dass ein Paar „zärtliche Verwunderung“ darüber empfindet, sich gefunden zu haben; wie schön ist das formuliert, bitte schön? Sehr gelungen finde ich auch EIN SCHÖNES PAAR, die Liebesgeschichte von Micha und Albert, die mit den Gepflogenheiten der Grundidee bricht und es schafft, traurig und zärtlich zugleich zu sein.
Keinen Zugang gefunden habe ich leider zu den beiden Texten DELETE und KOPFBEWOHNER, die anders (gar mehr?) fordern als die anderen Geschichten – und die natürlich gerade dadurch auch die Bandbreite von Julia Wolfs Erzählkunst zeigen.
Pralinenschachtel? Füllhorn! In DU, HIER begegnen wir sexy Fahrradkurieren und ein paar rotzigen Pferdemädchen, es wird in einem Wald über Stock und Stein springend Tennis gespielt, begehrt, galoppiert und zugeschlagen, letzteres, weil es nötig ist, vor allem aber auch, weil es möglich ist. Julia Wolf schenkt uns viele gute Lesemomente – und dafür jetzt: APPLAUS!
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Julia Wolf: DU, HIER. dtv, 2026


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