Im Mai 2026 erscheint mein erster Roman. Bis dahin erzähle ich jeweils am letzten Sonntag im Monat, wie er entstanden ist. Heute geht es um meinen Weg zur Agentur.
„Schriftsteller sind wie Kinder, die im Sandkasten spielen“, soll Margaret Atwood gesagt haben, „Agenten sind die Erwachsenen, die dafür sorgen, dass niemand den Sandkasten klaut – und dass am Ende jemand für den Sand bezahlt.“ Ob ich’s so ausdrücken würde, weiß ich nicht; Tatsache ist aber, dass auch in Deutschland kaum noch eine „yellow brick road“ direkt zum Verlag führt.
Was braucht man, um eine Agentur zu finden? Glück, starke Nerven und ein Exposé.
Als Lektor habe ich weit über 1.000 Buchprojekte betreut – und noch mehr Exposés gelesen. Ich bin sehr gut darin, sie für Autor*innen zu schreiben oder das Finetuning zu übernehmen … und dachte: „Das mache ich für mein eigenes Projekt mit links.“ Von wegen!
Es ist eine Sache, als Lektor für Autor*innen zu arbeiten – eine ganz andere, das eigene Projekt zu pitchen. Die praxiserprobten Herangehensweisen, die ich mir in über 30 Verlagsjahren erarbeitet habe (und mit denen ich jetzt in meiner Selbstständigkeit schon vielen Schreibenden helfen konnte, ihre Exposés zu optimieren), lösten in mir statt einem „Aha!“-Moment zuerst ein allumfassendes Nichts aus, in dem sich die Kindliche Kaiserin und Bastian Balthasar Bux erstaunt anschauten und fragten: „Öh, hier sollte doch irgendwo ein Samenkorn sein?“
Dass ich dann doch ein Exposé geschrieben habe, auf das ich stolz bin, verdanke ich auch meiner Ex-Chefin und Immer-Freundin Beate Kuckertz. Wir haben seit 1998 über so viele Projektbeschreibungen diskutiert und gestritten, dass reflexartig mein Widerspruchsgeist das Ruder übernahm – und es auf einmal leicht war, nicht über jeden Aspekt meines Romans nachzudenken, sondern mich so auf den Text zu konzentrieren, als würde ich ihn für jemand anderen verteidigen und feinschleifen.
Und danach? Ging’s richtig ans Eingemachte!
„Es ist eine immense Erleichterung, jemanden zu haben, der nicht nur die Verträge liest“, wird Daniel Kehlmann zugeschrieben, „sondern auch das Werk vor den Mechanismen des Marktes schützt, damit man sich auf das Eigentliche konzentrieren kann: das Schreiben.“ Klingt prima, oder? Aber während es früher schon schwer war, als schreibender Mensch ein Projekt direkt im Verlag zu platzieren, so scheint es heute für viele unmöglich, eine Agentur zu finden. Das liegt nicht an mangelndem Interesse der Agent*innen, sondern an der Vielzahl der Projekte, die sie jeden Tag angeboten bekommen.
„Moment!“, werden nun alle rufen, die mich kennen: „Du hast mit nahezu allen Agenturen gearbeitet, die kennen dich, wo ist das Problem?“
Genau das war der nächste Stolperstein, und der hat – Autsch, Selbsterkenntnis! – mit Angst und Eitelkeit zu tun: Meine Horrorvorstellung war, dass auf der nächsten Messe Agent*innen ins Plaudern kommen und sich gemeinsam amüsieren würden: „Hat der bekloppte Tim dir auch sein Manuskript geschickt? Wie schrecklich war das denn?“
Aber: Mut kommt vom Machen. Also habe ich eine Liste der Agenturen zusammengestellt, die ich ansprechen wollte. „Interessant“, kommentierte die bereits erwähnte Freundin und tippte auf zwei der Namen: „Sei nicht feige – schick das Exposé nur an Agenturen, bei denen es weh tut, wenn’s nicht klappt. Alles andere macht dich am Ende nicht glücklich.“ Gnadenlose Ehrlichkeit ist manchmal schmerzhaft, aber immer ein Geschenk; in diesem Fall hat sie dazu geführt, dass ich die Liste noch einmal angepasst habe.
Bisschen Uuuaaahhh gehört schon dazu, oder?
Und dann habe ich sie geschrieben, vier E-Mails an Agentinnen, die ich großartig finde, für die ich mich aber aus meiner Komfortzone bewegen musste (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, die sich im Spannungsfeld zwischen „total begründet“ und „wie kommt man auf so eine bescheuerte Idee“ bewegten). Damit war ich an einem Dienstag gegen 11 Uhr fertig.
Um 12 Uhr saß ich immer noch vor dem Rechner, ohne auf „Senden“ gedrückt zu haben. Und hätte ich nicht Hunger bekommen, ich würde da vermutlich immer noch sitzen. Also: SENDEN. Und dann schnell ab durch die Mitte zum besten Falafelladen der Stadt. (Das ich da zufällig eine Freundin traf und wir es richtig schön hatten, ist wieder eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.)
Was nicht zu erwarten war: Dass ich zwei Stunden später, mit einem Kaffee in der Hand beiläufig auf mein Handy schauend, sah, dass ALLE Agenturen sich bereits zurückgemeldet hatten, mit einem freundlichen „Da schauen wir gerne rein“. Und womit ich noch weniger gerechnet habe: dass ich am Ende zwischen drei Agenturen wählen konnte!

„Carmen war nicht nur meine Agentin; sie war eine Naturgewalt“, soll Isabel Allende über die Frau gesagt haben, die sie unter Vertrag genommen hat. Ich glaube nicht, dass ich Monika Kempf mit einem Hurricane oder einem Erdbeben vergleichen würde – sie ist einfach … ein Herz? Okay, und manchmal ein charmanter Wirbelsturm!
Monikas Name stand trotzdem (oder darum?) nicht auf meiner ursprünglichen Liste– und umso mehr hat es mich elektrisiert, wie es mit uns weiter ging: Am Dienstagabend schrieb sie mir aus der S-Bahn, dass sie auf einen Gleisschaden hoffte, weil sie gerne weiterlesen würde; am Mittwochmorgen kam ihre Zusage, obwohl sie noch nicht ganz durch das Manuskript, aber schon sicher war, mein Projekt vertreten zu wollen. Und am Donnerstagmorgen postete sie auf Instagram folgenden Text:
„Heute habe ich Lesekater. Spät gestern Abend habe ich noch ein Manuskript beendet, das mich so, so glücklich gemacht hat. Und traurig. Und mich zum Lachen gebracht hat. Und mir dann das Herz gebrochen. Und es wieder geflickt. Kann mich heute nicht konzentrieren und an nichts anderes denken. Vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen verliebt in diesen Text? Möglich.“

Ich habe den halben Tag wie ein hypnotisiertes Eichhörnchen auf dieses Posting gestarrt – und mich gefragt, ob sie wirklich mein Manuskript meint. Siehe weiter oben: Agenturen werden mit Projekten geflutet! Und die Möglichkeit, dass Monika nach der Rückmeldung an mich noch schnell ein anderes gelesen hatte, war nicht unwahrscheinlich. Irgendwann habe ich mich zum Glück daran erinnert, dass ich ein Erwachsener bin, so irgendwie, und mich getraut, ihr zu schreiben: „Meinst du mit dem Posting mein Buch?“ – Und Monika: „Welches sonst?“
Natürlich habe ich auch mit den beiden anderen Agenturen gesprochen, die ihr Interesse signalisiert haben; das waren tolle, ganz unterschiedliche Gespräche. Es fiel mir schwer, bei ihnen abzusagen, und auch dadurch habe ich viel gelernt. Was mich zur Top 4 der Erkenntnisse aus diesem Abenteuer führt:
1. Man kann Profi sein und sich trotzdem wie ein Amateur fühlen: Perspektiv- und Seitenwechsel ist nicht so einfach, wie man denkt.
2. Auf dem Schlüssel zum Glück ist selten „Nummer Sicher“ eingraviert.
3. Die Alltagsphilosophin RuPaul hat Recht, wenn sie in ihrem Tophit SISSY THAT WALK singt:
„And if I fly,
or if I fall
Least I can say,
I gave it all
And if I fly, or if I fall
I’m on my way
(I’m on my way).”
Fun Fact: Den Vertrag mit Monika habe ich nicht mit einem extra gekauften Montblanc-Füller auf Büttenpapier unterschrieben, sondern digital auf meinem Handy … dezent beglimmert in einer Weinbar.
„Was man so macht als Autor“, amüsierte sich die Freundin, der ich gegenübersaß.
Und ich so: „Autor? Na, dazu muss jetzt erst jemand das Buch kaufen wollen.“
Um noch einmal Michael Ende zu zitieren: „Das ist eine andere Geschichte“ – und wird am letzten Sonntag im Februar erzählt.

***
Mit diesem Text bewerbe ich natürlich meinen Roman EINE LIEBE OHNE SOMMER, der am 15. Mai 2026 bei Rowohlt im Verlagslabel Polaris erscheinen wird. Der Roman kann jetzt überall vorbestellt werden, wo es Bücher gibt – also zum Beispiel auch HIER.


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