Eine Liebeserklärung der besonderen Art: In ihrem Buch AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD erzählt Nora Gomringer über ihre Mutter – und in diesem Kurzinterview über die Arbeit daran.
Wahrscheinlich ist es einer der ungewöhnlichsten Buchtitel der letzten Jahre: AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD irritiert, amüsiert und macht neugierig darauf, was sich dahinter verbergen mag. Und das ist … das tieftraurige und heitere, kraftvoll von Leben und Trauer durchzogenes Erinnerungsbuch einer Tochter, die sich darin ihrer Mutter nähert, die sie selbst als„lustig, herb, emotional erpresserisch und zugleich großzügig“ charakterisiert. Besser gesagt: umarmt. Es ist beeindruckend und faszinierend, wie die vielfach preisgekrönte Lyrikerin und Autorin Nora Gomringer in diesem Buch schreibt, ohne Schutzhelm, ohne Rüstung, mit Sätzen, Passagen, ganzen Seiten, die man mehrfach lesen möchte.
Nortrud Gomringer ist im 2020 gestorben, ihr Mann Eugen im Herbst 2025; es ist davon auszugehen, dass Nora Gomringer aktuell noch tief in ihnen steckt, den Räumen, in denen ihre Eltern lebten, und jenen, in denen sie für die Autorin weiterleben werden. Umso mehr freue ich mich, dass sie sich die Zeit genommen hat, mir drei Fragen zu ihrem Buch zu beantworten.
Liebe Nora, in Deinem „Nachrough“ AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD schreibst Du voller Liebe und schonungslos über Deine Mutter, über ihr Leben, ihren Tod und die Trauer um sie. Verstehst Du das Buch für Dich als Punkt, den Du bewusst setzt?
Nora Gomringer: „Da ich endlich überhaupt wieder schreiben kann, seit nun beide Eltern tot sind, die Zeit der Pflege, nicht aber die der Nachsorge vorbei ist, war das Buch zu schreiben, wohl eher ein Doppelpunkt.”
Du fragst Dich im Buch selbst, ob Du das alles erzählen darfst, und ob das Erinnern an die Eltern immer nur die halbe Wahrheit ist. Hast Du Deine Mutter durch das Schreiben auf eine Art kennengelernt, die Dir vorher nicht bewusst war?
Nora Gomringer: „Nein. Das Schreiben hat das nicht bewirkt. Es ist eine Momentaufnahme des Erinnerns geworden. Das beständige Nachdenken und Sprechen über eine Dagewesene, nun Gegangene, von deren Nachlass ich umschwemmt und überfordert bin, bewirkt neue Erkenntnisse über sie.”
Was mich an Deinem Text begeistert ist, dass man trotz der allgegenwärtigen Traurigkeit ob des Schwungs, mit dem Du erzählst, Deiner Selbstironie und der Weichheit, mit der Du das oft Harte fasst, gute Laune bekommt. War das eine bewusste Entscheidung beim Schreiben?
Nora Gomringer: „Nur insofern, dass ich mich nicht verstellt habe. Es ist vielleicht zu wenig schriftstellerisches Mysterium dabei, wenn ich sage: So denke und schreibe ich einfach. Das Amüsieren und mit Augenzwinkern auf die Härten des Lebens zu sehen, ist eine Gabe. Wenn man die nach dem Trauern wieder erlangt, hat man festen Grund unter den Füßen, kann weitergehen. Dafür muss man der anderen Gabe aber auch Raum geben können: sich amüsieren zu lassen, das Leben zu ertragen, nachdem man es als Enttäuschung erlebt hat.”
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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.
Nora Gomringer: AM MEERSCHWEIN ÜBT DAS KIND DEN TOD. Ein Nachrough. Voland & Quist, 2025.
Meine Rezension zu diesem Buch findet sich HIER.


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