Ein Kurzinterview mit Rabea Edel über Lebensläufe, das Ausbalancieren und die Initialzündung für ihren großartigen Roman PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN.

Eine Mutter, die mit ihrer Tochter auf Wanderjahre geht, weil sie es nicht „davonlaufen“ nennen will; ein Mann, der seine große Liebe nie vergessen kann; die Freundschaft zweier Kinder, die uns staunen lässt: Rabea Edels Roman PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN ist ein Buch, das über vier Generationen einer Familie erzählt – einfühlsam, mit dem Talent für den großen Atem und unzähligen kleinen Momenten, die man zweimal oder dreimal liest, weil man hofft, sie nicht wieder zu vergessen.

Wie nähert man sich so einer Geschichte? Ich freue mich sehr, dass die Autorin sich Zeit genommen hat, mir drei neugierige Fragen zu beantworten.

Liebe Rabea, was hat Dich daran gereizt, in PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN über vier Generationen einer Familie zu schreiben – von denen jede einzelne einen eigenen Roman gerechtfertigt hätte?

Rabea Edel: „Unsere Geschichten sind nie solitär, wir stehen in Verbindung mit den Menschen, die vor uns waren und nach uns kommen. Eine Handlung in der Vergangenheit bedingt eine andere in der Gegenwart. Aus der Epigenetik wissen wir heute, dass einschneidende Erlebnisse die DNA verändern können. Erinnerungen, Traumata – ob wir wollen oder nicht formen uns die Erlebnisse unserer Vorfahren. Wie wir damit umgehen, ist individuell.

Das Schreiben dieses Romans war für mich auch das Stellen einer Frage: Wie werden wir, wer wird sind? Wie weit muss ich in der Zeit zurückgehen, um zu verstehen, wie es z.B. dazu kam, dass Marthas Mutter eine so gebrochene harte Frau wurde? Dass sich die Lebensläufe und Schicksalsschläge der Frauen dieser Familie scheinbar wiederholen? Indem die Erzählstränge sich abwechseln, können die Menschen im Roman über die Zeiten hinweg interagieren. Ich wollte diese ganze von Geistern und Schweigen bevölkerte Welt erschreiben.“

Du erzählst unter anderem von unglücklicher Liebe, von Verfolgung, vom Weglaufen – und trotz seiner schweren Themen hat Dein Roman neben der literarischen Wucht auch oft eine Luftigkeit, die uns Lesende durch die Seiten fliegen lässt. Wie schreibt man so?

Rabea Edel: „Mit Zärtlichkeit und Liebe für jede einzelne Figur, und mit dem Versuch, dem Dunklen etwas Helles entgegen zu setzten. Ich wollte es erzählbar machen, auch für mich selbst. Sonst hätte ich es gar nicht ausgehalten, das zu schreiben. Es war oft zehrend, weil ich mich selbst erst mal mit den recherchierten Dingen auseinandersetzen musste. Der Roman ist ja autofiktional, basiert z.T. auf wahren Begebenheiten. Es war mir wichtig, die Dunkelheit, die Gewalt, das Unglück auszubalancieren mit dem Glück und der Liebe, der Sehnsucht, der Resilienz. Eine Sprache zu finden, die das, was sie erzählt, nicht wiederholt. Empathie durch Poesie vielleicht.

Zum Glück hatte ich irgendwann den richtigen Tonfall, um einfach schreiben zu können. Das hat allerdings (wie bei Jakob im Roman) so einige Neuanfänge und viel Selbstkritik am Text gedauert.“

Du bist auch als Fotografin erfolgreich. Lassen sich diese beiden Kunstformen, das Schreiben und das Fotografieren, vergleichen – und wie beeinflusst bei Dir das eine das andere?

Rabea Edel: „In der Fotografie erzähle ich in Bildern, im Schreiben versuche ich, Bilder zu finden, durch die erzählt wird. Für mich greift oft beides ineinander, ergänzt sich. Je nachdem, welche Geschichte ich erzählen will, findet sich eine Form. So gesehen gehören mein erster Roman, mein Fotokunstbuch bei Shift Books und mein dritter Roman thematisch zusammen.

Eine der ersten gelernten Dinge aus dem Fotostudium: Fotos können lügen – ich meine nicht nur KI, sondern auch die analogen –, genauso wie Worte. Kontext und Intention verändern das, was sie erzählen. Klingt erstmal banal, war aber auch für den Roman wichtig, denn der hat mit einem Foto begonnen. Das titelgebende Portrait, ein Negativabzug, auf dem es eine scheinbar heile Familie (ohne Männer) zu sehen gab. Aber ich kannte niemanden außer meiner Mutter auf diesem Bild …“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Rabea Edel: PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN. C.H. Beck, 2025

Meine Rezension zum Roman findet ihr HIER.