Im Mai 2026 erscheint mein erster Roman. Bis dahin erzähle ich jeweils am letzten Sonntag im Monat, wie er entstanden ist. Heute geht es um die Zeit des Schreibens.
Dolly Parton besingt in ihrem Hit „Nine to five“ die Freuden des Arbeitsalltags: „Tumble outta bed and I stumble to the kitchen | Pour myself a cup of ambition“, lässt sie uns wissen, „And yawn and stretch and try to come to life | The folks like me on the job from 9 to 5.“
Wie ich arbeite? Ich funktioniere am besten in Strukturen, einem enggeschnürten Korsett, das mir statt einer Wespentaille aber Freiheit gibt: Wenn ich klare Rahmenbedingungen habe, kann ich darin mit Chaos umgehen. Das bedeutete in meinen letzten Verlagsjahren: Montag bis Freitag von 8:30 bis 19:30, Samstag meist frei, Sonntag maximal drei Stunden, was natürlich fünf bedeutet. So hat Verlag für mich funktioniert. Was die Frage aufwirft: Geht Romanschreiben genau so?
Ich habe Hochachtung vor Menschen, die in jeder freien Sekunde schreiben, obwohl sie einen Nine-to-Five-Job haben (oder einen, in dem man das deutsche Arbeitsrecht eher als freundliche Empfehlung sieht). Aber ganz ehrlich? Ich konnte mich erst auf das Abenteuer Roman einlassen, als das Leben mir ein Sabbatical geschenkt hat.
Wie machen das die Profis mit dem Schreiben?
Haruki Murakami soll gesagt haben, dass er um vier Uhr aufsteht und dann fünf Stunden schreibt; so schafft er zehn Seiten am Tag. (Bei mir kann man vor halb sieben keinen Pulsschlag feststellen.) Stephen King kommt auf sechs Seiten, schreibt aber auch an Wochenenden, um nicht aus dem Flow zu kommen. Und Meike Werkmeister? Die arbeitet wochentags von acht bis zehn Uhr an ihren Manuskripten: „Wenn’s gut läuft, schreibe ich weiter, wenn nicht, kümmere ich mich um Recherche, Lesungsvorbereitungen, Social-Media-Marketing oder Mails.“ So schafft sie im Schnitt fünf Seiten, „je nach Verfassung“.

Und ich? Wenn ich schreibe, sitze ich um neun Uhr vor dem Rechner, mit einer Kanne Früchtetee statt Dollys „Ambition“-Kaffee. Mir hilft, dass ich darauf trainiert bin, auf Knopfdruck zu liefern: In den Verlagslektoraten, in denen ich gearbeitet habe, wurde aufgrund von sehr viel Pflicht die Kür – also die Arbeit an den Texten deutscher Autor*innen – ins Außenlektorat gegeben; weil ich mich nicht davon trennen wollte, musste ich lernen, von Null auf Hundert zu beschleunigen und das Tempo den ganzen Tag beizubehalten. Da bin ich bei Herrn King: Der Flow hilft in vielerlei Hinsicht.
Bisschen Zähne zusammenbeißen, und dann läuft’s schon?
Schreiben ist auf andere Art anstrengend als Redigieren – und es dauert länger. Als Lektor war ich darauf angewiesen, auch bei fordernden Texten auf 50 Seiten am Tag zu kommen; mein Schreib-Soll habe ich deutlich nach unten korrigiert, da mittags um eins Schicht im Schacht ist. Ich habe Kreativität immer als Muskel verstanden, der trainiert werden will; nach vier Stunden sagt mein Kopf trotzdem „Game over“.

Und wie fühlt es sich an, eine Geschichte zu schreiben? Man könnte hier den „Ritt der Walküren“ einspielen – denn ich empfinde es wie einen Rausch. Es gibt selten Momente, in denen ich nicht weiterkomme; da ich durch mein detailliertes Exposé weiß, was im jeweiligen Kapitel passiert, muss ich gedanklich nie über Stock und Stein kraxeln, sondern kann mich vom Strom mitreißen lassen. Die Autorinnen Verena Keßler und Karin Rey, mit denen ich mich darüber in Interviews ausgetauscht habe, sehen das anders: Sie fänden es langweilig, schon vorher zu wissen, wie die Geschichte sich entwickelt. Mir gibt es Sicherheit. Da haben wir sie wieder, meine Liebe zum Korsett – das mir auf andere Art erlaubt, vom Plan abzuweichen.
So sollte Emil Knotzke, der Nachbar meiner Hauptfigur Rosa, ursprünglich nur in einer Szene auftreten; dann drängte er sich viel früher in die Geschichte und hat nun mehr Szenen, als geplant war. Weil mir diese Figur großes Vergnügen bereitet hat, sollte er dannj auch am Ende noch einmal auftauchen … aber Knotzke weigerte sich.
(Wenn mir früher Autor*innen erzählt haben, dass sich Figuren verselbstständigen, habe ich das für eine amüsante Geschichte gehalten, die man auf Lesungen erzählt. Obwohl ich weiß, wie Kreativität funktioniert, muss ich einräumen: The Magic is real! Und Herr Knotzke brüllt gerade, dass ihm das zu esoterisch ist.)
KRACH. BUMM. SCHEPPER. RADERAZONG, RADERZONG …
Es gibt Autor*innen, die mit Musik im Ohr schreiben können – mein Soundtrack waren die donnernden Bauarbeiten im Innenhof und die Kernsanierung einer Wohnung im Haus nebenan. Zum Glück kann ich so etwas ausblenden … Was mich beim Schreiben beschwingt? Meine Lieblingshandcreme mit Mandelöl von L’Occitane (teurer als Kokain, aber irgendwie cooler). Und auch nicht fehlen darf ein schmaler Block, den meine Mutter mir geschenkt hat. Mit dem konnte ich lange nichts anfangen – jetzt ist er zu einem wichtigen Begleiter geworden, in dem ich jeden Tag den Seitenfortschritt festhalte. Der letzte Eintrag für EINE LIEBE OHNE SOMMER: 333. Schnapszahl? Glückmoment!
Aber war das, was ich geschrieben habe, gelungen? Als Lektor ist es für mich normal, dass Menschen mir Texte schicken, damit ich ihnen Feedback gebe; als Autor habe ich gelernt, dass viel Überwindung dazu gehören kann, um diese Hilfe zu bitten.
Mit einem dräuenden Gefühl von „Und wenn sie mich auslachen?“ habe ich mir drei Testleserinnen gesucht, sehr verschiedene Charaktere, die mir dann unterschiedliche Anmerkungen mit auf den Weg gegeben haben – und eine gemeinsame Meinung: „Das ist gut, damit kannst du weiterarbeiten.“ Ich bin dankbar für diese Erfahrung: Weil mir das Feedback geholfen hat, den Text zu verbessern, und weil es spannend war, auf der anderen Seite zu stehen und zu lernen, Kritik und Lob auf neue Art anzunehmen. (Ich funktioniere übrigens besser, wenn es um Kritik geht. Lob anzunehmen … ist schwierig für mich.)

Drei Bearbeitungsdurchgänge – und der nächste Glücksmoment: Das Manuskript war auf 396 Seiten angewachsen und … fertig.
Fertig? Es wurde Zeit für den nächsten Schritt! Würde jetzt das Dolly Parton’sche Alltagsgrau („9 to 5, what a way to make a livin’ | Barely getting’ by, it’s all takin’ and no givin’ | They just use your mind and they never give you credit | It’s enough to drive you crazy if you let it“) kommen?
Das erfahrt ihr, wenn ihr wollt, am letzten Sonntag im Januar.
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Mit diesem Text bewerbe ich natürlich meinen Roman EINE LIEBE OHNE SOMMER, der am 15. Mai 2026 bei Rowohlt im Verlagslabel Polaris erscheinen wird. Der Roman kann jetzt überall vorbestellt werden, wo es Bücher gibt – also zum Beispiel auch HIER.
Für das schöne Zitat zu meinem Buch, das sich auf dem vierten Bild oben findet, bedanke ich mich bei Kathrin Wellmann, deren Hofbuchhandlung ihr HIER kennenlernen könnt.



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